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26.07.2015

22:26 Uhr

Türkei attackiert IS-Stellungen

Merkel mahnt Frieden mit der PKK an

Die Türkei verstärkt die Luftschläge gegen den Islamischen Staat in Syrien und dem Irak. Doch die Truppen greifen auch Stellungen der PKK an. Kanzlerin Merkel dankt Ankara – und mahnt doch zum Frieden mit den Kurden.

In Zusammenarbeit mit den USA plant die Türkei nun die Einrichtung einer „IS-freien Zone“. Es handelt sich dabei um einen knapp 100 Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Streifen auf der syrischen Seite der Grenze. dpa

Türkische Soldaten an der Grenze zu Syrien

In Zusammenarbeit mit den USA plant die Türkei nun die Einrichtung einer „IS-freien Zone“. Es handelt sich dabei um einen knapp 100 Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Streifen auf der syrischen Seite der Grenze.

Berlin, Brüssel, IstanbulDie Türkei hat Insidern zufolge erneut Ziele der Kurdischen Arbeiterpartei PKK im Nordirak angegriffen. Kampfflugzeuge hätten am Sonntag Ziele in Hakurk bombardiert, sagten Vertreter der Sicherheitskräfte, die nicht genannt werden wollten. In der Nacht zum Samstag hatten türkische Flugzeuge erstmals PKK-Stellungen angegriffen, zudem geht die Türkei gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat vor. Der Nato-Rat kommt am Dienstag auf Ersuchen der Türkei zusammen. Dabei solle über die Militäraktionen in den Nachbarstaaten Syrien und Irak beraten werden, teilte das türkische Außenministerium am Sonntag mit. Am Wochenende griff die Türkei neben den Extremisten des Islamischen Staates (IS) auch Lager der Kurdische Arbeiterpartei PKK an. Die PKK erklärte daraufhin den bislang relativ stabilen Waffenstillstand für bedeutungslos.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte angesichts der militärischen Eskalation an die türkische Regierung appelliert, den Friedensprozess mit den Kurden fortzusetzen. Trotz aller Schwierigkeiten sollte der eingeleitete Prozess nicht aufgegeben werden, sagte Merkel nach Angaben eines Regierungssprechers am Sonntag in einem Telefonat mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Die Kanzlerin mahnte zudem, beim Vorgehen gegen Extremisten müsse das Gebot der Verhältnismäßigkeit beachtet werden. Zugleich versicherte Merkel dem türkischen Regierungschef ihre Unterstützung „im Kampf gegen den Terrorismus“.

Auch die EU hat die Türkei ermahnt, den Friedensprozess mit den Kurden fortzuführen. „Jede Handlung sollte das Risiko vermeiden, die Waffenruhe und den kurdischen Friedensprozess zu gefährden“, schrieb die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini in einer am Samstagabend in Brüssel verbreiteten Erklärung. Zuvor hatte sie mit dem türkischen Außenminister Mevlut Cavusoglu telefoniert. Die türkische Regierung habe in den vergangenen Jahren „Mut, feste Entschlossenheit und Weisheit bewiesen“ und sich für eine politische Lösung des Konflikts eingesetzt. „Die EU wird der Regierung auf diesem Weg weiter helfen“, schrieb Mogherini. Die EU unterstütze die Türkei auch im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat und gegen jede Form des Terrorismus.

Zuvor hatte die Türkei ihre Zurückhaltung gegenüber dem IS offenbar aufgegeben. So gab die Regierung jetzt den USA grünes Licht für Luftoperationen gegen den IS vom türkischen Nato-Stützpunkt Incirlik. In Zusammenarbeit mit den USA plant die Türkei nun offenbar auch die Einrichtung einer „IS-freien Zone“. Es handelt sich dabei um einen knapp 100 Kilometer langen und 40 Kilometer breiten Streifen auf der syrischen Seite der Grenze zur Türkei zwischen den Siedlungen Marea und Jarabulus. Dieses Gebiet wird noch größtenteils vom IS kontrolliert. Der Plan sieht vor, die Terrormiliz mit Luftangriffen komplett aus dieser Region zu vertreiben.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Ein Sieg über den IS setzt allerdings nicht bloß Luftangriffe auf IS-Stützpunkte voraus. Um das selbsternannte „Kalifat“ zu bezwingen, ist ein breit abgestützter Einsatz von Bodentruppen nötig. Die Allianz müsste sich dazu auf einen langen und verlustreichen Krieg einstellen. IS-Experte Uzi Rabi von der Universität Tel Aviv bezweifelt allerdings, dass die wichtigsten Mitglieder der Anti-IS-Allianz bereit wären, diese Opfer zu erbringen. So habe es die Türkei – wegen der Geografie ein Schlüsselland für Angriffe gegen den IS – nicht in erster Linie auf den IS abgesehen, sondern auf die Kurden. Letztlich sei die Existenz des Islamischen Staates für Ankara nützlich, weil dieser gegen die Kurden vorgehe.

Kommentare (3)

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Frau Annette Bollmohr

27.07.2015, 10:12 Uhr

"Merkel mahnt Frieden mit der PKK an"

Es wird leider nichts nützen. Erdogan gehört zu den zahlreichen skrupellosen "Mächtigen", deren Handeln einzig und allein dem Streben nach Machterhalt untergeordnet ist.

Wenn sie dabei zufällig mal was tun, was auch anderen nutzt, ist dies ausschließlich unter diesem Aspekt (= es dient dem Machterhalt - und dazu ist ja auch ein Mindestmaß an Akzeptanz in der Bevölkerung vonnöten).

Account gelöscht!

27.07.2015, 10:47 Uhr

Jetzt habe ich gedacht, dass die PKK nicht nur in der Türkei als linke Terrorgruppe angesehen wird, sondern auch in der EU bzw. Weltgemeinschaft diesen Status einnnimmt. Somit bekämpft die Türkei hier nur eine weiter Terrorgruppe nach dem IS.
Oder liege ich da falsch...?

Herr Heinz Keizer

27.07.2015, 11:07 Uhr

Führer von Terrorgruppen werden Staatschefs, wenn sich die Terrorgruppe durchsetzt. Erdogan ist daran interessiert, dass die Kurden nicht zu mächtig werden. Dabei schreckt auch er vor Terror nicht zurück. Unser Natopartner hat den IS bislang eher unterstützt, als bekämpft. Eine kurdennahe Partei hat die absolute Mehrheit von Erdogans Truppe verhindert. Das wird Erdongan den Kurden nicht durchgehen lassen. Selbstverständlich sind Terroranschläge der PKK nicht hinnehmbar.

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