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29.01.2008

11:27 Uhr

Türkei

Ein Schritt zum Osmanentum

VonGerd Höhler

Wenn es nach dem Willen von Premier Erdogan geht, soll die türkische Zentralbank von der Hauptstadt Ankara in die Metropole Istanbul umziehen. Was auf den ersten Blick wie eine rein wirtschaftliche Entscheidung wirkt, birgt bei näherer Betrachtung jedoch politischen Zündstoff.

ISTANBUL. Durmus Yilmaz soll umziehen – von Ankara nach Istanbul. Er will aber nicht. „Dann müssen sie sich einen anderen suchen“, wird Yilmaz in der türkischen Presse zitiert. Es geht nicht um einen privaten Wohnungswechsel. Durmus Yilmaz ist Gouverneur der türkischen Zentralbank. Und deren Sitz soll von der Hauptstadt Ankara in die Wirtschaftsmetropole Istanbul verlegt werden. So will es Premier Tayyip Erdogan: „Damit werden wir die Wirtschaft unseres Landes weiter stärken“, glaubt er.

Erdogans politische Gegner vermuten hinter dem geplanten Umzug aber ganz andere Motive. Sie sehen darin einen Frevel am Erbe des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk und ein neuerliches Indiz für die „geheime Agenda“, die sie Erdogan unterstellen. Nachdem Atatürk 1923 die damalige Kleinstadt Ankara im anatolischen Hochland zur Hauptstadt gemacht und damit bewusst den Bruch mit der Ära der in Istanbul residierenden osmanischen Sultane und Kalifen vollzogen habe, wolle der islamisch-konservative Premier jetzt das Rad der Zeit zurückdrehen.

Ohnehin werfen ihm Kritiker vor, er gebärde sich „wie ein Sultan“. Unterhält Erdogan nicht bereits ein aufwändiges Zweitbüro mit viel Personal am Bosporus? „Die türkische Hauptstadt wird Schritt für Schritt nach Istanbul zurückverlegt“, fürchtet Mustafa Özyürek von der kemalistischen Opposition. Das sei „Neo-Osmanentum“. Währungshüter Yilmaz will sich mit allen Mitteln gegen die Umzugspläne sträuben: „Dann trete ich zurück“, kündigte er an. Auch die meisten der 2 565 Zentralbank-Mitarbeiter in Ankara seien gegen den Umzug.

Davon lässt sich die Regierung allerdings nicht beeindrucken. „Die Entscheidung ist gefallen, wir haben bereits ein Grundstück für den Neubau der Zentralbank“, sagt Erdogan. Bereits 1987 kaufte die Notenbank ein 73 000 Quadratmeter großes Grundstück im Istanbuler Bankenviertel Levent. Geplant war hier der Bau einer Niederlassung der Zentralbank, das Vorhaben kam aber nie in Gang. Jetzt soll auf dem Baugrund die künftige Hauptverwaltung entstehen.

Die Pläne für einen Umzug der Währungshüter nach Istanbul sind allerdings nicht so neu, wie es jetzt Erdogans politische Gegner darzustellen versuchen. Schon Ende der 1980er-Jahre gab es solche Überlegungen. Es gibt auch gute Gründe, die Zentralbank an den Bosporus zu verlagern. Dort befinden sich inzwischen die Hauptverwaltungen fast aller türkischen Banken.

In türkischen Finanzkreisen gibt es überwiegend Zustimmung für die Umzugspläne. Schließlich residiere auch die Bundesbank nicht in Berlin, sondern am Finanzplatz Frankfurt, und die australische Notenbank sitze nicht in der Hauptstadt Canberra, sondern in der Wirtschaftsmetropole Sydney, argumentieren die Banker.

Zentralbankchef Yilmaz wird sich also wohl tatsächlich in absehbarer Zeit einen neuen Job suchen müssen. Wie die Zeitung „Milliyet“ berichtet, zerbrechen sich Experten bereits den Kopf über die Sicherheitsvorkehrung für die Überführung der Goldreserven der Zentralbank. Es handelt sich immerhin um 116 Tonnen im aktuellen Marktwert von über zwei Mrd. Euro.

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