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16.07.2016

14:07 Uhr

Türkei-Experte sicher

Missglückter Putschversuch dürfte Erdogan stärken

Selbst für Fachleute kam der Putschversuch in der Türkei überraschend. Aus Sicht des Leiters des Istanbul-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung bestärkt er die Erdogan-Anhänger. Aber was waren die Auslöser dafür?

Erdogan-Anhänger demonstrieren in der Nacht vor dem türkischen Konsulat in Stuttgart. Der gescheiterte Putschversuch dürfte den Präsidenten der Türkei stärken. AP

Unterstützung für den Präsidenten

Erdogan-Anhänger demonstrieren in der Nacht vor dem türkischen Konsulat in Stuttgart. Der gescheiterte Putschversuch dürfte den Präsidenten der Türkei stärken.

IstanbulDer gescheiterte Putschversuch in der Türkei wird Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Einschätzung eines Experten stärken. Der Staatschef sehe sich jetzt bestätigt in der „Paranoia“, dass es Mächte gebe, die ihn und die Regierung stürzen wollten, sagte der Leiter des Istanbuler Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, Kristian Brakel, am Samstag: „Das ist natürlich jetzt Wasser auf die Mühlen all seiner Anhänger, die das auch immer schon geglaubt haben.“

Zudem mache es für viele, die noch nicht so ganz überzeugt waren von dem geplanten Präsidialsystem samt Verfassungsänderung, glaubhafter, dass man einen starken Herrscher an der Spitze brauche.

Erdogans Erzfeind Gülen und dessen Bewegung in der Türkei

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan...

...hat die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich gemacht.

Gülen – der die Aktionen...

...verurteilte und jede Verantwortung dafür zurückwies - ist seit einem schweren Zerwürfnis im Jahr 2013 zu einem der Erzfeinde Erdogans geworden.

Hinter den meisten innerpolitischen Krisen...

...vermutet Erdogan seit längerem die mächtige Bewegung des im US-Bundesstaat Pennsylvania lebenden Predigers.

Erdogan...

...wirft seinem einstigen Verbündeten vor, Parallelstrukturen im Staat errichten zu wollen und seinen Sturz zu betreiben. Die Regierung geht massiv gegen mutmaßliche Gülen-Anhänger vor, die sie vor allem bei der Polizei und in der Justiz vermutet.

Die Gülen-Bewegung...

...wurde zu einer Terrororganisation erklärt, viele ihrer führende Köpfe stehen auf einer Liste der meistgesuchten Terroristen der Türkei. Die Türkei fordert Gülens Auslieferung.

Der heute 75-jährige Gülen...

...hat sich ursprünglich als einflussreicher islamischer Prediger einen Namen gemacht. Bis in die 1980er Jahre hinein wirkte er als Imam in verschiedenen türkischen Städten. Mit seinen Predigten und Büchern über den Islam, Bildungs- und Wissenschaftsfragen, soziale Gerechtigkeit und interreligiösen Dialog begeisterte Gülen viele Gläubige.

Gülens Bewegung...

...Hizmet („Dienst“) sieht einen ihrer Schwerpunkte in der Verbesserung von Bildungschancen.

Seit 1999...

...lebt der gesundheitlich angeschlagene Prediger in Pennsylvania. Er war nach einer Anklage wegen staatsgefährdender Umtriebe ausgewandert.

„Der Putschversuch war so nicht zu erwarten“, sagte der 38-jährige Islamwissenschaftler. Externe Beobachter seien davon ausgegangen, dass die Möglichkeiten des Militärs, einen solchen Putschversuch zu starten, in den vergangenen Jahren sehr stark eingeschränkt wurden. Die Regierung der islamisch-konservativen AKP habe große Teile der Militärführung inhaftiert, in Prozesse verstrickt und zwangspensioniert.

„Es gab jetzt im letzten Jahr, seitdem der Kampf gegen die PKK wieder tobt, eine Wiederannäherung der türkischen Regierung mit der Armee, in der eigentlich sehr viele Angebote gemacht wurden“, sagte Brakel. Er nannte etwa ein Amnestiegesetz für mögliche Verbrechen, die die Armee in Kurdengebieten begehe. Daher sei man davon ausgegangen, das Militär habe ein Interesse an der Zusammenarbeit mit der Regierung.

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