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02.12.2014

16:09 Uhr

Türkei

Krisengewinner im neuen Ost-West-Konflikt

VonGerd Höhler

Während die Gräben zwischen dem Westen und Russland immer tiefer werden, profitiert die Türkei: Kremlchef Putin kündigt das Aus für South Stream an – und der türkische Präsident Erdogan nutzt das zu seinem Vorteil.

Für Wladimir Putin mag es eine Niederlage sein, für Recep Tayyip Erdogan dagegen ist es ein Erfolg: Mit dem Aus für das russische Pipeline-Projekt South Stream eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Türkei, ihre Rolle als Drehscheibe für Europas Energieversorgung zu stärken.

Dass Kremlchef Putin seinen Besuch beim türkischen Präsidenten Erdogan in Ankara nutzte, um am Montagabend das Ende des South Stream-Vorhabens zu verkünden, hatte gute Gründe: Hier konnte er das Desaster wenigstens etwas kaschieren, nämlich mit der gleichzeitigen Ankündigung neuer, gemeinsamer Gas-Projekte mit der Türkei.

Ein trotziger Unterton war allerdings nicht zu überhören, als Putin das South Stream-Vorhaben beerdigte: Wenn die EU die Pipeline partout nicht wolle, dann werde sie eben nicht gebaut – auch wenn das zum Schaden Europas sei, wie der russische Präsident unterstrich. Russland werde sein Gas dann eben anderswo auf der Welt verkaufen – gemeint sein dürfte China.

Die internationale Gasleitung South Stream

Länge

Die Erdgasleitung South Stream bildet eine Gesamtlänge von 2380 Kilometern.

Unter Wasser

Das Herzstück ist ein 925 Kilometer langer Abschnitt im Schwarzen Meer durch russische, türkische und bulgarische Hoheitsgewässer.

Über Land

Vom bulgarischen Anlandepunkt in der Hafenstadt Warna sollte eine 1455 Kilometer lange Landleitung durch Serbien, Ungarn und Slowenien bis nach Norditalien führen.

Vom schwarzen Meer bis Italien

South Stream soll nach den bisherigen Plänen die russische Stadt Anapa am Schwarzen Meer mit dem italienischen Grenzort Tarvisio verbinden. Sie würde es ermöglichen, russisches Gas am Krisenland Ukraine vorbei nach Europa zu transportieren.

Haushalte

Bisherige russische Pläne gingen davon aus, dass durch die Leitung von 2019 an bis zu 38 Millionen Haushalte versorgt werden könnten.

Kosten

Die Kosten für das Vorhaben werden auf 16 Milliarden Euro geschätzt.

Gazprom und Eni

An der Firma South Stream Transport, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, sind der russische Gasmonopolist Gazprom mit 50 Prozent und der teilstaatliche italienische Energieversorger Eni mit 20 Prozent beteiligt.

Wintershall und EDF

Die BASF-Tochter Wintershall und der mehrheitlich staatliche französische Energiekonzern EDF halten je 15 Prozent.

Kein Wunder, dass Putin sauer ist: Russland hat in das South Stream-Projekt bereits geschätzt fast zehn Milliarden Dollar investiert – ein Milliardengrab. „Das war’s, das Projekt ist beendet“ sagte der mit Putin nach Ankara gereiste Gazprom-Chef Alexei Miller. Die Aufgabe des Vorhabens ist für den russischen Staatskonzern ein herber Rückschlag bei dem Versuch, seine Dominanz auf dem europäischen Gasmarkt zu zementieren.

Putins Ankündigung in Ankara war zwar unerwartet. Wirklich überraschend kam die Entscheidung aber nicht. Bereits vor zwei Wochen hatte die italienische Wirtschaftsministerin Federica Guidi erklärt, South Stream sei „nicht länger eine Priorität“ – ein deutlicher Hinweis, zumal der italienische Staatskonzern Eni an dem Projekt beteiligt war. Die geplante Leitung sei zwar „ein nützliches Stück Infrastruktur“, habe aber „wohl keinen Vorrang mehr“, so Guidi. Seit langem gab es wachsende Zweifel an dem auf 40 Milliarden Dollar veranschlagten Projekt – wegen der Ukraine-Krise, der Finanzierungsengpässe in Moskau, aber auch vor dem Hintergrund einer rückläufigen Gas-Nachfrage in Europa und fallender Preise.

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Der türkische Präsident Erdogan kann das Aus für South Stream verschmerzen. Es dürfte ihn sogar freuen. Denn entgegen früher in Ankara gehegten Hoffnungen sollte die Rohrleitung an der Türkei vorbeiführen und von Russland quer durchs Schwarze Meer direkt nach Bulgarien verlaufen. Sie hätte dabei zwar türkische Hoheitsgewässer durchquert, aber nicht das Festland berührt.

Kommentare (19)

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Herr C. Falk

02.12.2014, 16:28 Uhr

Irgendwie hat man den Eindruck, dass sich die EU in erster Linie immer selbst ins Knie schießt und dann erst Russland.

Wozu das gut sein soll und wer der jeweilige Profiteur der Prozedur ist, das ist von Fall zu Fall wiklich einfach auszumachen.

Herr Hikmet Özdemir

02.12.2014, 16:40 Uhr

Pech gehabt. Die EU hält die Türkei schon viel zu lange hin und blockiert die Beitrittsverhandlungen bewußt. Auch die Nato setzt unter dem Druck der EU auf falsches Pferd. Die Aufnahme Ukraine in die EU und Nato wird den Friedensprozes für immer zerstören.

Wenn auch noch die Türkei die Zusammenarbeit mit der Nato und EU vernachlässigt, was zu verstehen wäre nach Jahrzehntelangem Hinhaltetaktik der EU bei den Beitrittsverhandlungen , ist es eine Blamage für den Westen und Nato auch noch die Türkei als Partner zu verlieren.

Herr Louis Stringaro

02.12.2014, 16:47 Uhr

Das ist gut so. Durch den braven Gehorsam gegenüber den USA zieht sich die EU nur Wirtschaftsnachteile zu. Unsere Mutti sollte sich das auch merken. Was glauben Sie, dass das den USA egal ist? EU-Sanktionen gegenûber Russland....nicht in meinem Namen. Mir ist es völlig egal,dass die Krim zu Russland gehört. Die Leute der Krim haben es ja demokratisch so gewollt, also gönne ich ihnen das und die NATO soll sein Maul halten.

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