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28.08.2013

10:50 Uhr

Türkei

Neue Debatte um Militärschläge in Syrien

Die Türkei ist in Sachen Syrien hin- und hergerissen. Einerseits befürwortet sie mittlerweile eine Intervention. Andererseits birgt die Stationierung ausländischer Truppen für Regierungschef Erdogan große Risiken.

Regierungschef Erdogan hat inzwischen einer militärischen Intervention in Syrien zugestimmt. Die Erdogan-kritische Presse sieht dagegen in dem Eingreifen des Westens ein zu großes Risiko. Auf Erdogan lastet jetzt viel Verantwortung. AFP

Regierungschef Erdogan hat inzwischen einer militärischen Intervention in Syrien zugestimmt. Die Erdogan-kritische Presse sieht dagegen in dem Eingreifen des Westens ein zu großes Risiko. Auf Erdogan lastet jetzt viel Verantwortung.

IstanbulAls direkte Nachbarin des Bürgerkriegslandes Syrien mit einer 900 Kilometer langen Grenze spielt die Türkei bei den Überlegungen für westliche Militärschläge gegen Präsident Baschar Al-Assad eine wichtige Rolle. Sein Land sei zur Teilnahme an einer internationalen Koalition gegen Assad bereit, sagt Außenminister Ahmet Davutoglu, der im engen Kontakt mit seinem US-Kollegen John Kerry steht. Doch obwohl Ankara einen Sturz Assads anstrebt, ist eine Militärintervention in der Türkei heftig umstritten - und für Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan politisch riskant.

Der frühere Assad-Partner Türkei ist heute ein Erzfeind des syrischen Staatschefs. Erdogan und Davutoglu hatten Assad zu Beginn des syrischen Aufstandes vor zwei Jahren beschworen, die Lage mit politischen Reformen zu beruhigen. Assad hielt die Türken hin, tat aber nichts. Darauf schlug sich die Türkei auf die Seite der Assad-Gegner und erlaubte es den politischen und militärischen Organisationen der Regierungs-Gegner, sich auf türkischem Boden zu formieren.

Vergeblich fordert Ankara seit Monaten die Einrichtung von UN-kontrollierten Schutzzonen auf syrischem Gebiet. Inzwischen halten sich rund 500.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei auf, das Grenzgebiet wird immer instabiler: Islamistische Kämpfer reisen mit ihren Waffen aus der Türkei nach Syrien hinein, während sich türkische Truppen fast täglich Scharmützel mit syrischen Schmugglern liefern, die Diesel in die Türkei bringen wollen.

Das zunehmende Chaos nährt Befürchtungen, dass Giftgasraketen aus Syrien in die Türkei abgefeuert werden könnten. Die NATO schickte deshalb Ende des vergangenen Jahres drei Patriot-Raketenabwehrsysteme aus den USA, den Niederlanden und aus Deutschland nach Südostanatolien. Bisher mussten die NATO-Soldaten nicht auf den Knopf zur Zündung der Patriots drücken - doch der mutmaßliche Giftgaseinsatz gegen Zivilisten in Syrien am 21. August hat gezeigt, wie real die Gefahr ist.

Kommentare (11)

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28.08.2013, 11:15 Uhr


Zitat : Vergeblich fordert Ankara seit Monaten die Einrichtung von UN-kontrollierten Schutzzonen auf syrischem Gebiet. Inzwischen halten sich rund 500.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei auf, das Grenzgebiet wird immer instabiler

- das Säbel-Rasseln der Türken wird die Flüchtlingszahl aus Syrien mindestens verzehnfachen !

Und der Militärschlag der Amis wird den Türken den Krieg und Terroranschläge bringen ! Dann ist es vorbei mit Tourismus, Wirtschaftswachstum, Wohlstand !

Torsten_Steinberg

28.08.2013, 11:36 Uhr

Es sind hauptsächlich Kurden, die Diesel in die Türkei schmuggeln, und das schon sehr viel länger, als der Konflikt mit Syrien besteht. Der Schmuggel läuft hauptsächlich über den Irak, und in der irakisch-türkischen Grenzregion haben in den vergangenen Jahren tatsächlich häufiger Scharmützel zur Bekämpfung dieses Schmuggels stattgefunden, vor allem deshalb, weil er sich nicht allein auf Diesel beschränkte. Inwieweit dieser Schmuggel heute noch stattfindet und weiterhin mit Waffengewalt unterbunden wird, während Türken und Kurden neuerdings um eine friedliche Regelung ihrer Streitigkeiten bemüht sind, scheint nicht bekannt zu sein. Immer mal wieder für Schlagzeilen gut waren derartige Vorfälle aber nur in der Vergangenheit und nicht in Verbindung mit dem syrischen Bürgerkrieg.

Die Gefahr, dass das syrische Regime die Türkei überhaupt angreift, geschweige denn, dass es die Türkei mit Giftgas angreift, tendiert nicht nur gegen Null, sie ist Null. Jedenfalls so lange, wie erstens von der Türkei kein Angriff auf Syrien ausgeht und zweitens das syrische Regime weit davon entfernt ist, die eigene Grenzregion zur Türkei auch nur annähernd unter Kontrolle zu bringen. Das wird zur Zeit ja nicht einmal mehr versucht. Die deutschen Soldaten in der Türkei brauchen keinen zitternden Finger auf dem Zündknopf für ihre Patriots zu haben. Und bei einem kurzen und begrenzten Militärschlag gegen Syrien, besteht auch gar keine Notwendigkeit, die Türkei als Flugzeugträger zu verwickeln, solange doch den Amerikanern reale Flugzeugträger und Griechenland, den Engländern Südzypern zur Verfügung steht.

Fazit: So eine miese Analyse der ernsten Situation braucht die Welt wirklich nicht. Aber wie es in Kriegszeiten nun einmal ist: Die Wahrheit stirbt zuerst.

WFriedrich

28.08.2013, 11:48 Uhr

Wer 100 Jahre (ein historisch kurzer Zeitraum) zurückschaut oder Karten aus jener Zeit anschaut, wird erstaunt feststellen, dass es die meisten der heutigen Staaten nie gab. Das heutige syrische Staatsgebiet war stets Teil des osmanischen Reiches, seit die römische Provinz namens Syria unterging. Heute müssen wir zugestehen, dass mit der Zerstörung dieses Reiches durch die Briten ein unverzichtbarer Ordnungsfaktor verloren ging. Diese Feststellung gilt auch eingedenk der Untaten der damaligen Regenten. Die heutige Regierung des wirtschaftlichen Fortschritts und moderaten Islam sollte m.E. diese Untaten nicht leugnen, sondern auf die damaligen Täter hinweisen, denn Schuld vererbt sich bekanntlich nicht. Sollte es zu einem Krieg um Syrien kommen (egal ob er Vergeltungsaktion genannt wird), muss die Wiederherstellung der türkischen Souveränität, d.h. die Revision der Grenzen aus 1918/1919 oberste Priorität haben. Dauerhafter Friede verlangt diese Vorbedingung. Ohne Integration aller Kurden im moderat-islamischen türkischen Vaterland - in den historischen Grenzen vor 1918 - erscheint Frieden eher eine Wunschvorstellung zu sein. Die nun gegeben Chance sollte besser genutzt werden, als nach dem Irak-Krieg. Vielleicht begünstigt ein außer Kontrolle geratener Militäreinsatz sogar eine vernünftige regionale Neuordnung. Zugleich wäre garantiert, dass die Einfallstore für Al-Kaida wieder geschlossen werden, die Obama weit geöffnet hat.

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