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12.10.2012

02:40 Uhr

Türkei-Syrien-Konflikt

Abgefangener Jet bringt Russland in Wallung

Der Konflikt zwischen der Türkei und Syrien spitzt sich zu: Transportierte die syrische Maschine, die zur Landung gezwungen wurde, russische Waffen? Das bestätigte Ministerpräsident Erdogan. Moskau ist verärgert.

Passagiermaschine aus Moskau habe Munition an Bord gehabt

Video: Passagiermaschine aus Moskau habe Munition an Bord gehabt

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Moskau/Istanbul/DamaskusRussland ist über die erzwungene Landung einer syrischen Passagiermaschine in Ankara offensichtlich verärgert. Die Führung in Moskau forderte am Donnerstag eine Erklärung der türkischen Regierung. Kremlchef Wladimir Putin sagte eine für diesen Montag geplante Reise in die Türkei ab. Syrien beschuldigte die Türkei der „Luftpiraterie“. Während türkische Medien berichteten, an Bord seien Waffen gewesen, dementierte Moskau entschieden.

Die in Moskau gestartete Maschine des Typs Airbus A-320 war am Mittwochabend von türkischen F-16-Kampfflugzeugen abgefangen und zur Landung auf dem Esenboga-Flughafen in Ankara gezwungen worden. Über die Fracht gab es zunächst widersprüchliche Angaben. Türkische Medien berichteten von einer 300 Kilogramm schweren Ladung, die für das Verteidigungsministerium in Damaskus bestimmt gewesen sei. Darunter sei Ausrüstung, die zum Bau von Raketen verwendet werden könne, schrieb das türkische Nachrichtenportal „Star“.

Grenzkonflikt: Syrisches Flugzeug zur Landung in Türkei gezwungen

Grenzkonflikt

Türkei gibt syrische Maschine wieder frei

Die Türkei gerät zunehmend in den Sog des Syrien-Konflikts. Seit Tagen schlagen dort Granaten aus dem Nachbarland ein, die türkische Armee schießt zurück. Nun fangen türkische Jets ein syrisches Verkehrsflugzeug ab.

Die türkische Führung ließ offen, um welche Rüstungsgüter es sich konkret handelt. Auf einer Pressekonferenz in Ankara sprach Erdogan auf Türkisch von „Malzemeler“. Das bedeutet auf Deutsch „Materialien“. Weiter sagte er: „Niemand darf unter keinen Umständen Waffen, Fahrzeuge, Materialien oder Munition mit einem Passagierflugzeug transportieren. Das ist gegen die internationalen Bestimmungen.“ Dabei ging er aber nicht konkret auf die Ladung des syrischen Flugzeugs ein.

Nach Erdogans Darstellung waren die beschlagnahmten Güter von einer russischen Behörde für Industrie und Chemie an das syrische Verteidigungsministerium adressiert gewesen. Das Material werde weiter geprüft und „das Notwendige wird folgen", so Erdogan.

Die Türkei erklärte zudem, sie habe im Einklang mit dem Völkerrecht gehandelt. "Wir sind entschlossen, Waffenlieferungen an ein Regime zu kontrollieren, das solch brutale Massaker an der Zivilbevölkerung verübt", sagte Außenminister Davutoglu. Es sei inakzeptabel, dass der türkische Luftraum für solche Transporte genutzt werde. Die Türkei habe Informationen erhalten, "dass das Flugzeug eine Fracht transportiert hat, die möglicherweise nicht den Regeln der Zivilluftfahrt entspricht".

Aus Moskau hieß es dagegen, es seien keine russischen Militärgüter an Bord gewesen. Eine Sprecherin des Wnukowo-Flughafens sagte der Nachrichtenagentur Itar-Tass, die gesamte Ladung habe den Zoll und die Sicherheitsprüfungen durchlaufen. Es habe sich nichts Verbotenes an Bord befunden.

„Es waren keine Waffen oder irgendwelche Systeme oder Aggregate für Kampftechnik an Bord der Passagiermaschine“, sagte auch ein Vertreter der russischen Rüstungsexportindustrie der Agentur Interfax. Allerdings sei die militärtechnische Zusammenarbeit mit Syrien nicht beendet. „Wenn ... (dann) würde das nach der üblichen Praxis geschehen - und nicht auf illegalem Wege oder noch dazu unter Nutzung eines Passagierflugzeugs.“

Chronologie – der Konflikt zwischen Türkei und Syrien

6. Juni 2011

Der Flüchtlingsstrom aus Syrien in die Türkei setzt ein. Ankaras Regierungschef Recep Tayyip Erdogan verspricht den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später sind bereits fast 10 000 Syrer in türkischen Lagern.

12. November

Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus.

16. März 2012

Die Türkei ruft ihre Bürger auf, Syrien wegen der Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt Ankara die Botschaft in Damaskus.

9. April

Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben rund 25 000 Syrer.

30. Mai

Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.

22. Juni

Syrien schießt vor der Küste einen türkischen Militärjet ab. Beide Piloten sterben. Das Flugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.

26. Juni

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sagt in einer vom Fernsehen übertragene Ansprache: „Bis sich das syrische Volk von diesem Diktator (Baschar al-Assad) mit blutbefleckten Händen befreit hat, wird die Türkei ihm (dem Volk) jede Art von Unterstützung zuteilwerden lassen.“

28. Juni

Ankara stationiert Raketenabwehrsysteme und Militärfahrzeuge an der Grenze.

6. Juni 201130. Juni

Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.

20. August

Wegen der schnell steigenden Zahl syrischer Flüchtlinge fordert die Türkei Schutzzonen auf syrischem Boden. Die türkischen Lager könnten nicht mehr als 100 000 Menschen aufnehmen. 70 000 sind bereits in die Türkei geflüchtet, tausende warten tagelang auf der syrischen Seite der Grenze auf die Einreise in die Türkei.

18. September

Bei Kämpfen syrischer Regierungstruppen mit Rebellen werden in dem türkischen Grenzdorf Akcakale mehrere Menschen durch Schüsse aus Syrien verletzt.

3. Oktober

In Akcakale schlagen mindestens drei aus Syrien abgefeuerte Granaten ein. Eine Mutter und ihre vier Kinder sterben. Wenig später greift die türkische Armee erstmals Ziele im Nachbarland an. In den folgenden Tagen schlagen im Grenzgebiet immer wieder Granaten aus Syrien ein, die Türkei feuert zurück.

4. Oktober

Das Parlament in Ankara erlaubt der Regierung für ein Jahr Einsätze auch über die Grenze hinweg. Die Türkei habe aber kein Interesse an einem Krieg mit Syrien, heißt es.

10. Oktober

Die türkische Luftwaffe zwingt ein syrisches Passagierflugzeug zur Landung in Ankara. Die Maschine war auf dem Weg von Moskau nach Damaskus. Es seien Teile von Raketensystemen und Kommunikationsausrüstung an Bord gefunden worden.

Russland verlangte von der Türkei eine Erklärung. Das Außenministerium beklagte, dass seine Diplomaten in Ankara keinen Zugang zu den 17 russischen Passagieren erhalten hätten. Das türkische Außenministerium erklärte, es habe keine Anfrage Russlands erhalten.

Für nächste Woche war ein Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Türkei geplant. Aus türkischen Regierungskreisen verlautete aber wenige Stunden vor dem Zwischenfall am Mittwoch, dass Russland um eine Verschiebung des Besuches gebeten habe. Als Grund seien Terminprobleme angegeben worden. Das Büro des türkischen Ministerpräsidenten teilte mit, Putin werde nun am 3. Dezember erwartet.

Kommentare (32)

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RumpelstilzchenA

11.10.2012, 12:37 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

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Account gelöscht!

11.10.2012, 13:45 Uhr

"reagiert nicht" müßte es doch heißen oder?

Die USA und NATO werden sich verkalkulieren.

Das ist noch nicht das Ende vom Lied.

Putin wird schon reagieren.

Die meisten denken,er wird stillhalten.

Diesmal läuft der Westen in die Falle.

PubliusAeliusHadrianusGraeculus

11.10.2012, 14:15 Uhr

Der Westen läuft nicht in die Falle. Einzig und allein das osmanische Reich erlebt eine Renaissance, worauf die türkische Politik spekuliert. Letztendlich wird aber schon gehabtes Schicksal des 1. Weltkrieg die Türkei ereilen. Die Türkei gerät zunehmend zwischen die Fronten Russlands, der muslimischen Welt und USamerikanisch/israelischer Interessen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Mehrheit der türkischen Völker es hinnehmen wird, dass Erdogan weiterhin die Türkei weg vom Laizismus führt.

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