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03.12.2015

13:25 Uhr

Türkei und Erdogan

Wie viel Gollum steckt im Präsidenten?

VonOzan Demircan

In der Türkei ist ein Arzt angeklagt, weil er auf Twitter Vergleiche zwischen Präsident Erdogan und dem schizophrenen Fabelwesen Gollum aus „Herr der Ringe“ zog. Nun müssen Experten klären: Ist Gollum wirklich böse?

Experten gehen nun der Frage nach: Wie böse ist die Kreatur aus „Herr der Ringe“? dapd

Gollum

Experten gehen nun der Frage nach: Wie böse ist die Kreatur aus „Herr der Ringe“?

IstanbulDen Präsidenten beleidigt man nicht, so steht es im türkischen Strafgesetzbuch. Wie sieht es aber aus, wenn man ihn mit Gollum vergleicht, dem etwas schrumpeligen und halbbösen Wesen aus der Filmreihe „Herr der Ringe“? Genau das muss nun eine Expertenkommission in der Türkei entscheiden, um ein Gutachten für ein aktuelles Gerichtsverfahren zu erstellen.

Angeklagt ist ein Arzt aus der Türkei, weil er auf Twitter und anderen sozialen Medien Bilder des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und Gollum gegenübergestellt hatte. Zu sehen sind jeweils drei Bilder des Staatschefs und des Filmcharakters. Auf einem zeigen beide eine überraschte Mimik mit aufgerissenen Augen. Auf dem zweiten lachen beide, wobei man bei Gollum das schlecht gepflegte Gebiss erkennen kann, außerdem seine weit abstehenden Ohren und das extrem dünne Haar.

Auf dem letzten Bild schließlich beißen beide genüsslich in ein Stück Fleisch; Während Gollum dabei ein wenig heimtückisch nach oben schaut, konzentriert Erdogan auf dem Foto seinen Blick auf den Hähnchenschenkel in seinen Händen.

Schnell machte die Bildkomposition auf Twitter & Co. die Runde. Unter dem Stichwort „Erdogollum“ erschienen schnell neue Vergleiche zwischen Gollum und dem Staatschef. Karikaturisten wie der Brasilianer Latuff bildeten Erdogan schnell als nacktes schrumpeliges Fabelwesen ab, nur mit Lendenschurz bekleidet und mit einem Ring in der Hand.

Dem angeklagten Arzt drohen nun jedoch bis zu zwei Jahre Haft für seinen Vergleich. Das wollte seine Anwältin Hicran Danisman nicht hinnehmen. Sie hatte zunächst argumentiert, ihrem Mandanten stünden solche Vergleiche aufgrund der Meinungsfreiheit zu, die in dem Land offiziell gelte. Mit dieser Verteidigung habe sie bei den Richtern in Istanbul jedoch keinen Erfolg gehabt, erzählt sie. Deshalb argumentiere sie fortan, dass Gollum an sich doch gar keine schlechte Figur sei.

Die Karriere von Recep Tayyip Erdogan

Jugend

Der 1954 an der Schwarzmeerküste geborene Recep Tayyip Erdogan verbringt seine Jugend ab dem 13. Lebensjahr im Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpasa, wo es keine der europäisch geprägten Eliteschulen gibt. Er verkauft auf der Straße Wasser und Sesamkringel, um zum Familienunterhalt beizutragen. Erdogan besucht erst die staatlich-religiöse Imam-Hatip-Oberschule und studiert später Wirtschaftswissenschaften.

Durchbruch

Seine Karriere nimmt 1994 Fahrt auf, als er zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt wird und trotz scharfer islamistischer Rhetorik vor allem mit konkreten Verbesserungen im Alltag der Millionenstadt von sich reden macht.

Haftstrafe

1998 muss Erdogan ins Gefängnis. Er zitierte bei einer Rede ein Gedicht, in dem die Moscheen als Kasernen der Gläubigen bezeichnet werden. Die Richter legen ihm das als Volksverhetzung aus, doch während der mehrmonatigen Gefängnisstrafe feilt Erdogan an seinen weiteren politischen Plänen. Manche Gegner sagen ihm damals voraus, er könne wegen der Vorstrafe nicht einmal mehr Dorfbürgermeister werden – doch sie täuschen sich gewaltig.

Aufstieg mit der AKP

Erdogan gehört 2001 zu den Mitgründern der islamisch-konservativen AKP, die er bis heute anführt. Bereits im Jahr darauf gewinnt die AKP die Parlamentswahl, 2003 wird Erdogan Ministerpräsident. Seitdem führt er seine Partei von Wahlsieg zu Wahlsieg. Die Türkei erlebt unter seiner Regierung einen gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung.

Autoritärer Stil

Kritiker geht Erdogan persönlich an. Nach dem AKP-Sieg bei den Kommunalwahlen im März 2014 kündigt er an, Gegner „bis in ihre Höhlen“ verfolgen zu wollen. Bei der Bundesregierung sorgt das harte Durchgreifen Ankaras gegen die Proteste im Istanbuler Gezi-Park und die scharfe Kontrolle der von Oppositionellen rege genutzten sozialen Netzwerke für Stirnrunzeln. Mit Bundespräsident Joachim Gauck lieferte sich Erdogan im Frühjahr einen heftigen Schlagabtausch über Menschenrechte.

EU-Beitrittsgespräche

2005 beginnen die Beitrittsverhandlungen von der Türkei und der Europäischen Union. Doch die Forderungen der EU nach Reformen bei Meinungsfreiheit und Menschenrechten werden nach Meinung der europäischen Verhandlungsführer nur unzureichend umgesetzt. Die deutsche Kanzlerin Merkel spricht sich auch nur für eine „privilegierte Partnerschaft“ zwischen EU und Türkei aus. Die Verhandlungen kommen ins Stocken, Erdogan distanziert sich zunehmend vom Westen.

Erdogan und der Islam

In seinen Reden bezieht sich Erdogan immer wieder auf das Osmanische Reich, das nach dem Ersten Weltkrieg unterging und mit einer Republik ersetzt wurden, in der eine Trennung von Staat und Religion gilt. In den vergangenen Jahren hat der Islam aber an Bedeutung gewonnen. Manche Wähler loben Erdogan für seinen Glauben – etwa, wenn er anders als arabische Staaten im jüngsten Nahostkrieg die Stimme gegen Israel erhebt.

Faszination

Bei Anhängern kommt Erdogan mit markigen Sprüchen und scharfen Tönen gut an. Er verfügt über schier unbändige Energie und tritt auch außerhalb von Wahlkampfzeiten so häufig auf Kundgebungen auf, dass Kritiker fragen, wann er überhaupt Zeit zum Regieren finde. Auf den Großveranstaltungen gibt er sich als zupackender Mann des Volkes, der die Türkei vor bösen Mächten – also vor seinen Gegnern – schützt. Der Kolumnist Kadri Gürsel schreibt von einem regelrechten „Erdogan-Kult“, der sich um den Politiker gebildet habe.

Korruption

Im Dezember 2013 sickert ein abgehörtes Telefonat von Erdogan und seinem Sohn Necmeddin Bilal in die Öffentlichkeit durch. Der Premier warnt seinen Sohn darin, Geld aus dem Haus zu bringen und vor Ermittlern zu verstecken. Derweil sind zahlreiche Parteifreunde und Minister von Erdogan in einen Korruptionsskandal verwickelt. Es geht unter anderem um Vetternwirtschaft und dubiose Geldgeschäfte.

Der Richter war damit überfordert. Er gab in einer Verhandlung an, die Verfilmung der Bücher nicht gesehen zu haben. Gollum ist eine der Hauptpersonen in J.R.R. Tolkiens Romanreihe. Ursprünglich Sméagol genannt, wird Gollum als Hobbit geboren und begeht einen Mord an seinem Verwandten, um an einen schönen goldenen Ring zu kommen. Früh bemerkt er, welche Kräfte in dem Ring stecken: Sie machen ihn unsichtbar, sobald er ihn ansteckt.

Aber das Schmuckstück macht ihn auch misstrauisch und ein bisschen bösartig. Schnell wird er von Verwandten gehasst, muss seine Heimat verlassen und zieht ins Nebelgebirge, wo er schließlich auf den Hobbit Bilbo Beutlin trifft. Der findet Gollums Ring, den er zuvor unbemerkt verloren hatte. Fortan unternimmt Gollum alles, um den Ring zurück zu erlangen und schreckt auch nicht vor Mordplänen zurück.

Der türkische Präsident sieht sich immer öfter beleidigt. Erst am Dienstag mussten sich drei Redakteure der Zeitung „BirGün“ vor Gericht verantworten, weil sie Erdogan mit Formulierungen in einer Schlagzeile als „Dieb“ und „Mörder“ beleidigt haben sollen. Ihnen drohen bis zu vier Jahre Haft. Bizarr: Mit dem Artikel wollten die Journalisten darauf aufmerksam machen, dass Demonstranten in der Türkei wegen solcher Formulierungen häufig angeklagt werden.

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