Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.07.2017

16:40 Uhr

Türkei und Nato

Erdogan greift zu russischen Raketen

VonGerd Höhler

Die Türkei plant die Beschaffung moderner russischer Luftabwehrraketen vom Typ S-400. Es geht um mehr als ein Rüstungsgeschäft: Staatschef Erdogan sucht sich neue Partner außerhalb der Nato.

Die Türkei will in Rüstungsfragen unabhängiger werden und wendet sich darum als Russland als neuen Lieferanten. AFP

S-400-System auf dem Roten Platz in Moskau

Die Türkei will in Rüstungsfragen unabhängiger werden und wendet sich darum als Russland als neuen Lieferanten.

AthenNeun Monate lang hat man verhandelt, jetzt scheint der Deal fast perfekt: „Wir stehen an einem guten Punkt und erwarten einen baldigen Abschluss“, erklärt Ibrahim Kalin, der Sprecher des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan. Es geht um die Beschaffung russischer Flugabwehrraketen des Typs S-400. Erdogan kann es kaum erwarten: „So Gott will, werden wir die S-400 bald in unserem Land sehen“, versprach er vergangene Woche den Abgeordneten seiner Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP).

Rüstungsexperten in Ankara bestätigen: Die Verhandlungen sind auf der Zielgeraden. Danach will die Türkei 2018 zunächst zwei Batterien mit jeweils vier Lenkwaffen aus Russland beschaffen. Zwei weitere Batterien sollen später in der Türkei montiert werden. Das Geschäft hat ein Volumen von rund 2,5 Milliarden Dollar. Die Zahlungsmodalitäten seien noch offen, berichten Personen, die mit den Verhandlungen vertraut sind. Im Gespräch ist, dass Russland den Deal mit einem Kredit finanzieren könnte.

Das russische Flugabwehrsystem S-400

Vielseitig einsetzbar

Das neuartige Raketenabwehrsystem S-400 „Triumph“ (SA-21 Growler) kann sowohl gegen Kampfflugzeuge und Marschflugkörper als auch gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen eingesetzt werden.

Hohe Genauigkeit

Seine Raketen mit einem Splitter-Gefechtskopf und hoher Treffgenauigkeit können Luftziele in einer Entfernung von bis zu 400 Kilometern erreichen.

Einsatzgebiete

Russland sichert damit seine langen Grenzen, die Ostsee-Exklave Kaliningrad, aber auch seine Truppen in Syrien. Die kleinere Variante S-300 ist in den Iran exportiert worden.

Quelle: dpa

Die Aussicht, dass der Nato-Partner Türkei ein russisches Flugabwehrsystem kauft, löst in Washington großes Unbehagen aus. „Würden sie das wirklich tun, wäre es ein Grund zur Besorgnis“ sagte US-Generalstabschef Joseph Dunford kürzlich bei einer Sicherheitskonferenz in Aspen im US-Bundesstaat Colorado. Erdogan konterte: „Warum sollte es Besorgnisse geben?“ Jedes Land müsse für seine Sicherheit sorgen.

Lange habe man mit den USA über die Lieferung des Luftabwehrsystems Patriot verhandelt – ohne Ergebnis. „Deshalb planen wir jetzt den Einsatz der S-400, ob es ihnen nun gefällt oder nicht“, sagte der Staatschef vergangene Woche in Ankara. Türkische Informanten berichten, die Verhandlungen über eine Beschaffung von Patriot-Batterien seien daran gescheitert, dass die USA die von Ankara geforderte Kooperation bei der Fertigung der Systeme und den damit verbundenen Technologietransfer abgelehnt hätten.

Die Türkei sucht seit Jahren nach modernen Luftabwehrraketen. Weil die türkischen Streitkräfte kein eigenes System besitzen, mussten in den vergangenen Jahren Deutschland, die Niederlande, Spanien und die USA den Türken mit Patriot-Batterien aushelfen. So waren Bundeswehr-Patriots in der Südtürkei stationiert, um den Nato-Partner vor Angriffen aus Syrien zu schützen. Ende 2015 wurde der Einsatz beendet.

Türkei will Luftabwehrsystem kaufen: Raketen von Moskau, eine Botschaft für Brüssel

Türkei will Luftabwehrsystem kaufen

Raketen von Moskau, eine Botschaft für Brüssel

Russland will der Türkei S-400-Luftabwehrraketen verkaufen. Ankara geht es dabei nicht nur um Selbstverteidigung, sondern auch um ein Signal an die Nato. Der Deal birgt massiven politischen Sprengstoff.

Bereits 2013 hatte die Regierung Erdogan bei einer Ausschreibung für ein eigenes Flugabwehrsystem dem staatlichen chinesischen Rüstungskonzern CPMIEC den Zuschlag gegeben. Die Chinesen konnten sich gegen Konkurrenz aus den USA und Europa durchsetzen. Die Nato war alarmiert: Die Integration eines chinesischen Raketensystems in die Verteidigungsstruktur des Allianzpartners Türkei stelle ein unüberschaubares Sicherheitsrisiko dar, kritisierten Nato-Militärs. Auf Druck der Bündnispartner stornierte Erdogan die Bestellung schließlich.

Die damaligen Besorgnisse gibt es nun angesichts der geplanten Bestellung russischer Raketen mindestens in gleichem, wenn nicht in noch höherem Maße.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Heinz Keizer

31.07.2017, 18:42 Uhr

ich hbe schon vor einiger Zeit geschrieben, dass die Türkei nicht in die EU gehört und inzwischen möglicherweise auch ein unverlässlicher Natopartner ist. Erdogan richtet die Türkei neu aus, nimmt auf die EU keine Rücksicht mehr, kassiert aber trotzdem bei uns noch ab.

Herr Peer Kabus

31.07.2017, 18:46 Uhr

Die Tendenz war schon seit einiger Zeit erkennbar, denn EgoWahn hat nur Respekt vor Leuten, die klare Kante zeigen.

Enstsprechend ist er vor Putin zu Kreuze gekrochen (wenn man denn einem Islamisten verbal eine solche Schande antun will), während er die armseligen A-Kriecher der EU ein um das andere Mal der Weltöffentlichkeit vorgeführt hat.

Ich glaube natürlich nicht, dass Russland einen Technologie-Transfer vornehmen wird.

Stattdessen befürchte ich, dass es Absprachen zu den Kurden gegeben hat oder noch geben wird.

Enrico Caruso

31.07.2017, 18:57 Uhr

Herr Heinz Keizer 31.07.2017, 18:42 Uhr
<< ..... kassiert aber trotzdem bei uns noch ab. >>

Ach nee! Woran liegt das wohl? Könnte es vielleicht damit zusammenhängen, dass die Einwanderungspolitik Merkels die EU in eine jederzeit erpressbare Lage gebracht hat?

So eine EU hat keinerlei Rücksichtnahme verdient. Erdo kassiert, wer wollte ihm das vorwerfen? Und mit dem Geld geht er jetzt auf Waffenkauf.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×