Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.12.2015

18:18 Uhr

Türkei und Russland

Ankara wirft Moskau „ethnische Säuberungen“ vor

Seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets überhäufen sich Moskau und Ankara mit Anschuldigungen. Die Türkei wirft Russland „ethnische Säuberungen“ in Syrien vor – und wird selbst beschuldigt, den IS zu unterstützen.

Die russische und türkische Regierung befinden sich bereits im Krieg – im Krieg der Worte. dpa

Putin und Erdogan

Die russische und türkische Regierung befinden sich bereits im Krieg – im Krieg der Worte.

Istanbul/Moskau/New YorkIm Konflikt mit Moskau hat die türkische Regierung Russland ethnische Säuberungen in Syrien und eine indirekte Unterstützung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vorgeworfen. „Russland versucht, ethnische Säuberungen - Sie können das schreiben, ethnische Säuberungen - im Norden Latakias auszuführen“, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Mittwoch bei einem Gespräch mit Korrespondenten westlicher Medien in Istanbul. Der Regierungschef warnte vor einem Ansturm von Millionen neuer Flüchtlingen aus Syrien, sollten die russischen Bombardements dort fortgesetzt werden.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bekräftigte Vorwürfe an die Türkei, IS-Terroristen zu unterstützen. Unter anderem würden mit dem Wissen Ankaras verletzte Kämpfer in der Türkei medizinisch versorgt, sagte Lawrow der Agentur Interfax zufolge. Der Konflikt zwischen der Türkei und Russland eskaliert seit dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei an der syrischen Grenze am 24. November.

„Sie wollen dieses Gebiet ethnisch säubern, damit die Basen des Regimes und Russlands in Latakia und Tartus geschützt werden“, sagte Davutoglu. „Sie wollen in diesem Teil Syriens keine sunnitisch-arabische oder turkmenische Bevölkerung haben.“ 90 Prozent der russischen Angriffe in Syrien gälten der moderaten Opposition. „Ihr Kampf ist nicht gegen Daesch (IS).“

So sichern Staaten ihren Luftraum in Grenzgebieten

Wie werden Grenzen in Krisengebieten geschützt?

In etlichen Weltregionen haben Staaten Luftraumüberwachungszonen entlang ihrer Grenzen eingerichtet, zum Beispiel China, Südkorea oder die USA. Solche Zonen haben die Funktion eines Frühwarnsystems, der Einflug ist nur unter ganz bestimmten Auflagen erlaubt. Eine sogenannte Air Defense Identification Zone (ADIZ) war bis zum Fall der Mauer in Deutschland jedem Piloten bekannt. Sie verlief entlang der deutsch-deutschen Grenze. Flugplätze wie Lübeck, die nur wenige Flugminuten vom Todesstreifen entfernt lagen, konnten erst nach bestimmten Flugplan-Regularien und in speziellen Korridoren angeflogen werden – sonst drohten Abfangjäger. (Quelle: dpa)

Gibt es sowas auch im türkisch-syrischen Grenzgebiet?

Offiziell ist noch unklar, welche Art von Überwachungszone es hier gibt. Nach unbestätigten Angaben aus Luftfahrtkreisen hat die Türkei einseitig eine Art ADIZ an der Grenze zu Syrien eingerichtet – angeblich, um potenzielle Eindringlinge schon vor Luftraumverletzungen, also noch über syrischem Territorium, zu erkennen und abzufangen. Da die abgeschossene Maschine bei einer Geschwindigkeit von mehreren hundert Stundenkilometern nur kurze Zeit über türkischem Luftraum gewesen sein dürfte, klingt diese Erklärung plausibel: Denn das türkische Militär will die russischen Piloten vor dem Abschuss über einen Zeitraum fünf Minuten zehn Mal gewarnt haben.

Wie erkennt man, welche Flugzeuge in der Luft sind?

Flugzeuge – zivil wie militärisch – haben in der Regel sogenannte Transponder an Bord. Das sind automatische Signalgeber, die beim Abtasten durch Radarstrahlen Angaben zum Flugzeug, seinem Kurs, der Geschwindigkeit und seinem Kennzeichen machen. Bei Militärflugzeugen gibt es zusätzlich sogenannte IFF-Signalgeber. Zur Identifizierung von Freund oder Feind senden sie bestimmte Signale, die verschlüsselt oder unverschlüsselt Hinweise auf die Art der Mission des jeweiligen Kampfflugzeugs geben.

Wie werden Eindringlinge abgefangen?

Maschinen, die sich nicht melden aber den Luftraum verletzen, werden nach international festgelegten Verfahren zunächst per Funk angesprochen. Reagieren sie nicht, wird ein sogenannter Quick Reaction Alert (QRA) ausgelöst. Innerhalb kürzester Zeit steigen dabei Abfangjäger auf, um Sichtkontakt herzustellen. Das geschah auch so beim Germanwings-Flug über den französischen Alpen, als der Airbus auf seinem Crashkurs einer Sperrzone über einer Atomforschungsanlage gefährlich nahe kam. Reagiert der Eindringling auf optische Signale nicht, droht die Eskalation – die bis zum Abschuss reichen kann.

Hat die Türkei dabei spezielle Verfahren?

Die Türkei hat nach Informationen aus Luftfahrtkreisen ihre Eingreifprozesse („Rules of Engagement“) nach mehreren Zwischenfällen verschärft. Wichtigster Anlass war der Abschuss eines unbewaffneten türkischen Aufklärungsjets vor der syrischen Küste ohne jegliche Vorwarnung. Zuletzt gab es wiederholt Luftraumverletzungen durch in Syrien operierende russische Militärjets, die Moskau mit Navigationsproblemen entschuldigte. Die Türkei warnt heute daher auf ihr Territorium zufliegende Flugzeuge schon vor dem Eindringen in ihren Luftraum über die Notfallfrequenz. Bleiben sie unbeantwortet und sind keine Kursänderungen erkennbar, wird Abfang-Alarm gegeben.

Wie navigieren Flugzeuge?

Moderne Flugzeuge – zivil wie militärisch – haben heute sogenannte Glascockpits, in die präzise Navigationsgeräte eingebaut sind. Sie arbeiten mit Satellitenunterstützung und zeigen fortlaufend die Position über dem Boden („Moving Maps“). Zudem gibt es weitere Navigationseinrichtungen, die diese Angaben ergänzen. Am Boden gibt es Radargeräte, die eine klare Zuordnung des Flugzeugs im Luftraum erlauben. Allerdings: Wie die Praxis zeigt, ist das unbeabsichtigte, kurzzeitige Eindringen in gesperrte Lufträume weder bei kleinen Cessnas noch bei schnellen Militärjets jemals ganz auszuschließen.

Davutoglu sagte, Russland bombardiere besonders die Region um Asas, die eine Hochburg der moderaten Opposition sei. „Also wer hilft hier Daesch? Die Türkei oder Russland?“ In Asas kämpfe die Opposition gar nicht gegen das Regime, sondern gegen den IS. „Sie bombardieren Asas, um die Opposition zu schwächen, die gegen Daesch kämpft. (...) Wer profitiert davon? Daesch, nicht das Regime.“

Davutoglu sagte, seine Regierung sei „verärgert und enttäuscht“ über die russischen Luftangriffe in Syrien, die einen neuen Ansturm von Flüchtlingen auslösen könnten. „Wenn das anhält, verlassen von Aleppo bis Latakia drei Millionen Menschen (die Region). Wenn diese Bombardements andauern, kann ich ihnen nicht sagen, wie viele Millionen in die Türkei kommen könnten.“ Davutoglu lobte die Gastfreundschaft der türkischen Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen. „Wir hatten kein Pegida“, sagte er.

Russland warnte die Türkei vor einer Eskalation der Lage in Nahost etwa durch eine mögliche Entsendung von Soldaten nach Syrien. Die UN-Vetomacht erwarte, dass Ankara in Syrien keine neuen „unbesonnenen Schritte“ unternehme wie etwa zuvor im Irak, sagte UN-Botschafter Witali Tschurkin am Dienstagabend im UN-Sicherheitsrat in New York.

Auslöser des Konflikts zwischen Ankara und Bagdad sind rund 150 Soldaten, die die Türkei mit mindestens 20 Panzern in die nordirakische Region Mossul geschickt hatte. Sie sollen dort türkische Soldaten schützen, die kurdische Peschmerga und sunnitisch-arabische Milizen im Kampf gegen den IS ausbilden.

Nach Handelsembargo: Türkei droht Moskau mit Gegensanktionen

Nach Handelsembargo

Türkei droht Moskau mit Gegensanktionen

Der Streit um den Abschuss des russischen Kampfjets entwickelt sich zum Schlagabtausch: Nachdem Moskau die Einfuhr türkischer Waren verboten hat, prüft Ankara nun Gegensanktionen – und bietet gleichzeitig Gespräche an.

Die türkische Regierung beharrt darauf, dass die Soldaten mit Einverständnis des Iraks dort eingesetzt sind. Die Regierung in Bagdad dementiert das vehement. Am Dienstagabend war ein 48 Stunden langes Ultimatum abgelaufen, dass Ministerpräsident Haidar Al-Abadi der Regierung Ankara zum Abzug der Soldaten gegeben hatte. Der Irak und auch Russland hatten gedroht, den Fall ansonsten vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen.

Russland liegt mit der Türkei auch im Streit, weil das türkische Militär ein russisches Kampfflugzeug im syrischen Grenzgebiet abgeschossen hat. Regierungschef Dmitri Medwedew bezeichnete den Vorfall als „casus belli“ (Kriegsgrund). Im 20. Jahrhundert wären wegen so etwas Kriege begonnen worden, sagte er dem Staatsfernsehen in Moskau.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×