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01.06.2013

16:19 Uhr

Türkei

Vom Park-Protest zur Staatskrise

Istanbul im Aufruhr: Tausende demonstrieren rund um den zentralen Taksim-Platz. Was als ein Protest gegen die Zerstörung eines Parks begann, hat sich zu einer innenpolitischen Krise ausgeweitet, Ende offen.

Wütende Demonstranten protestieren in Istanbul nicht mehr nur gegen ein Bauprojekt. Ihr Zorn richtet sich gegen die Regierung Erdogan.

Wütende Demonstranten protestieren in Istanbul nicht mehr nur gegen ein Bauprojekt. Ihr Zorn richtet sich gegen die Regierung Erdogan.

IstanbulSeit Tagen steht der zentrale Taksim-Platz in Istanbul im Fokus. An diesem Samstag demonstrieren erneut viele Menschen. Die Zahl geht in die Zehntausende. Und es geht nicht mehr nur um Bäume in einem Park. Der Zorn richtet sich gegen die Politik der islamisch-konservativen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.

Doch der wehrt sich. Auch an diesem Samstag geht die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Protestierer vor, wie Augenzeugen berichten. Demonstranten und Beobachter gehen davon aus, dass es angesichts der Härte des Einsatzes und einer großen Zahl von Rettungswagen hunderte Verletzte gegeben hat. Die Behörden haben dies sowie Berichte über mehrere Tote, die sich im Internet verbreitet haben, allerdings nicht bestätigt.

Am späten Nachmittag scheint sich die Lage zu beruhigen. Die türkische Polizei hat nach den heftigen Zusammenstößen mit den Demonstranten einen Rückzug vom zentralen Taksim-Platz begonnen. Den hatten Oppositionspolitiker bereits am Morgen gefordert. Augenzeugen berichteten, dass Protestierer auf den Platz strömten. Die Demonstranten jubelten.

Heftige Proteste in der Türkei

Video: Heftige Proteste in der Türkei

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Bereits am Freitag hatten Zehntausende bis in die Nacht demonstriert. Die Protestwelle hatte mehrere Städte erfasst. Sie entzündete sich an der gewaltsamen Räumung eines Protestlagers, mit dem die Zerstörung eines Parkes am Taksim-Platz für ein umstrittenes Bauprojekt verhindert werden sollte.

Am Samstag waren laut dem Bericht eines AFP-Reporters die Einsatzkräfte auch gegen Demonstranten vorgegangen, die in einer Einkaufsstraße eine Barrikade errichtet hatten. Zusammenstöße mit der Polizei wurden auch aus dem Stadtviertel Besiktas gemeldet. Dort kam es ebenfalls zu Zusammenstößen, als Demonstranten über eine Bosporus-Brücke zum Taksim-Platz marschieren wollten.

Viele Protestierer riefen "Gemeinsam gegen den Faschismus" und forderten den Rücktritt der Regierung. Auch zum Schutz gegen das Tränengas hatten sie sich Taschentücher und chirurgische Masken umgebunden. "Da waren alle beteiligt - Linke, Rechte, sogar Anhänger von Erdogan", sagte der 33-jährige Ataman Bet, der nach den Protesten die Scherben des Schaufensters seines Cafés in der Nähe des Taksim-Platzes zusammenfegte. "Die Leute sind wütend." Die Zerstörungen nannte Bet ein "notwendiges Opfer". Ein Teil der Demonstranten in Istanbul hielt Bierdosen hoch, um ihre Unzufriedenheit über das jüngst verschärfte Verbot zum Verkauf von Alkoholika während der Nacht auszudrücken. "Sie wollen dieses Land in einen islamistischen Staat verwandeln", sagte eine Kundgebungsteilnehmerin.

Kommentare (31)

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RalphFischer

01.06.2013, 14:07 Uhr

Ich gehe davon aus das die Regierung die Bestechungsgelder nicht zurückzahlen will, also wird das Projekt auf jeden Fall durchgesetzt...

Account gelöscht!

01.06.2013, 14:17 Uhr

Naja, einerseits hat Istanbul 15 mio Einwohner und selbst zehntausende Demonstranten stellen da bei weitem noch keine Mehrheit dar.
Andererseits ist in diesem Artikel die Rede davon, dass ein Gericht den Stop der Bauarbeiten angeordnet hat. Mich würde an dieser Stelle interessieren wie es kam, dass das Gericht übergangen wurde. Wie ist die Rechtslage dazu in der Türkei und welche Maßnahmen wurden ergriffen um die Entscheidung des Gerichts auszuhebeln ? Dahingehend könnte doch mal wer recherchieren...
Gleichzeitig möchte ich auch erwähnen, dass ich es für eine Unsitte der Politik halte, Demonstranten immer gleich in die Ecke der Extremisten zu stellen. Sicher spielen Extremisten bei gewalttätigen Demonstrationen auch ihre eigene Rolle, allerdings sieht es mir im Fall Erdogan ein wenig danach aus, als ob Extremist ist, wer sich gegen den Willen seiner Regierung stellt.
Auch erwähnen muss man, dass die Berichterstattung zu den Vorkomnissen in Istanbul von der türkischen Presse fast totgeschwiegen wird. Das darf so nicht sein ! Genau an diesem Beispiel sieht man, weshalb Pressefreiheit so wichtig ist. Wenn ein Regierungschef etwas ungeheuerliches tun kann ohne dass darüber ordentlich berichtet werden darf und wird, ist das in meinen Augen in gewisser Weise eine Diktatur.

Account gelöscht!

01.06.2013, 15:28 Uhr

In der WELT las ich ein Zitat Erdogans:

"Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten."

Ich kann natürlich nicht nachprüfen, ob er das wirklich so gesagt hat und ob die Übersetzung stimmt - aber wenn DAS wahr ist, dann sehe ich Erdogan als lupenreinen Diktator, von dem noch viel Schlimmes zu erwarten ist.

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