Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.06.2015

13:48 Uhr

Türkei-Wahl

Die „Blockade“ der türkischen Medien

Staatspräsident Erdogan ist im türkischen Fernsehen überpräsent. Regierungskritische Medien stehen unter Druck. Vor der türkischen Parlamentswahl sieht es düster aus für die Pressefreiheit im Land.

Der Staatspräsident ist in den Wochen vor der Wahl Dauergast im türkischen Fernsehen – einem der wichtigsten Mittel im türkischen Wahlkampf. ap

Recep Tayyip Erdogan

Der Staatspräsident ist in den Wochen vor der Wahl Dauergast im türkischen Fernsehen – einem der wichtigsten Mittel im türkischen Wahlkampf.

Istanbul„Vor Gericht gestellt zu werden, ist zur Natur des Berufs geworden.“ Der Satz des türkischen Journalisten Can Dündar hat sich für ihn selbst wieder bewahrheitet. Gegen Dündar wird unter anderem wegen Terrorpropaganda und Spionage ermittelt. Es geht um die Veröffentlichung von Foto- und Videomaterial einer angeblichen Waffenlieferung an Extremisten in Syrien.

Die Verbreitung der Bilder wurde inzwischen verboten. Die Telekommunikationsbehörde forderte Dündars Zeitung „Cumhuriyet“ dazu auf, sie von der Website zu löschen. Andernfalls werde man den Zugang blockieren – seit der Verschärfung des Internetgesetzes im Frühjahr ist das ohne vorherigen Gerichtsbeschluss möglich.

Der Fall zeigt, wie es vor den Parlamentswahlen um die Medien in der Türkei bestellt ist. Immer wieder werden Inhalte zensiert oder Journalisten angeklagt. Gleichzeitig sind Politiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan überpräsent auf den Bildschirmen.

Das Fernsehen spielt im türkischen Wahlkampf eine wichtige Rolle. Mitglieder der Rundfunkbehörde RTÜK kritisierten kürzlich in einer Mitteilung, dass einige Fernsehkanäle ausschließlich Reden von Erdogan und Ministerpräsident Ahmet Davutoglu übertragen.

Türken in Deutschland

Wahlen in der Türkei

Der türkische Staatspräsident wird erstmals direkt vom Volk gewählt. Nach Angaben des Zentrums für Türkeistudien sind 2,7 Millionen türkische Staatsbürger im Ausland wahlberechtigt.

Wahlberechtigte Türken in Deutschland

Mehr als die Hälfte der im Ausland leben Türken wohnen in Deutschland. Insgesamt gibt es in der Bundesrepublik knapp 1,6 Millionen Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit. Gut 200 000 von ihnen sind unter 20 Jahre alt.

Die Zeit der Gastarbeiter

Im Jahr 1961 trat das Anwerbeabkommen mit der Türkei in Kraft, erste „Gastarbeiter“ von dort kamen in die Bundesrepublik. Bis zum Anwerbestopp 1973 bewarben sich 2,7 Millionen Türken um einen Arbeitsplatz, bis zu 750 000 von ihnen kamen dann nach Deutschland.

Wie viele Türken leben in Deutschland?

Heute leben insgesamt drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in der Bundesrepublik (Stand: 2012). Im vergangenen Jahr ließen sich etwa 28 000 Türken einbürgern.

Deutsch-türkischer Wirtschaftsmotor

Etwa 90 000 deutsch-türkische Unternehmer erwirtschaften mehr als 40 Milliarden Euro im Jahr.

Ali Öztunc ist einer der vier Unterzeichner der Erklärung und sein Urteil fällt deutlich aus: „In der Türkei sind die Medien in keiner Weise frei“, sagt er. Journalisten stünden unter politischem Druck. Öztunc war früher selbst Journalist unter anderem beim Sender NTV.

Er sitzt für die Oppositionspartei CHP in der Rundfunkbehörde. Vier Ratsmitglieder werden von der Opposition gestellt, fünf von der AKP. Ihre Aufgabe ist es, den Rundfunk zu koordinieren und zu kontrollieren. Etwa könnte die Behörde Fernsehsender rügen, wenn sie einer Partei mehr Sendezeit einräumen.
Öztunc kritisiert, RTÜK sei nur formal unabhängig. Rügen würden durch die AKP-Mitglieder blockiert. Auf der anderen Seite werde kritische Berichterstattung mit hohen Geldstrafen geahndet, die „nicht gerechtfertigt“ seien. So geschehen etwa bei den regierungskritischen Gezi-Protesten im Sommer 2013.

„Alptraum des Sultans“: Kleine Partei bedroht Erdogans Macht

„Alptraum des Sultans“

Kleine Partei bedroht Erdogans Macht

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan will seinem Land ein Präsidialsystem verordnen. Unter seinen Gegnern geht die Angst vor einer Diktatur um. Eine kleine Partei könnte Erdogans Pläne am Sonntag durchkreuzen.

Nach Meinung von Öztunc geht es bei all dem um den Machterhalt der AKP: „RTÜK schwebt wie das Damokles-Schwert über den Herausgebern. Die Absicht dahinter ist, das politische System und die politische Führung zu schützen und aufrecht zu erhalten“, sagt er.

Der Journalist und Buchautor Mustafa Hos sieht das ähnlich: „Die AKP kann so erfolgreich sein, weil sie die Medien unter Kontrolle hat.“

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Günther Schemutat

05.06.2015, 18:53 Uhr

Über Erdogan wurde vielles gesagt und alles stimmt zum Teil. Schuld daran der Berliner Einheitsbrei , der Erdogan während seiner Karriere ununterbrochen unterstützt hat. Nun tun vor allem Grüne scheinheilig Erdogan zu kritisieren ,als wenn das einer in diesem Land noch Glaubt. Ab 2017 wenn es dann stimmt , gibt es eine AKP Deutschland und die wird ohne Probleme in den Bundestag einziehen. Als Koalitionspartner dieser AKP kommen alle Parteien im Bundestag in Frage bis hin zur Grün/Linke Union , deren Bayrischer Arm mittlerweile abgestorben aber zumindest verdörrt ist. Wenn die Türkei mit ihren frisierten Bilanzen dann Dank Deutschland in die EU kommt, dann ist Griechenland mit seinen Bilanzen dagegen ein Saubermann. Aber 5 Millionen Türken bei uns sind ein Macht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×