Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.12.2013

20:28 Uhr

Türken in der Schuldenfalle

Verliebt ins Plastikgeld

VonGerd Höhler

Kreditkarten werden in der Türkei zur Konsumdroge: Viele Türken geben mit den Kreditkarten Geld aus, das sie nicht haben. Das geht auch Ministerpräsident Erdogan zu weit – er will dem Rausch einen Riegel vorschieben.

Heißbegehrt: Viele Türken geben mit den Kreditkarten Geld aus, das sie gar nicht haben. Ist das Limit einer Karte ausgereizt, besorgt man sich eine weitere. Getty Images

Heißbegehrt: Viele Türken geben mit den Kreditkarten Geld aus, das sie gar nicht haben. Ist das Limit einer Karte ausgereizt, besorgt man sich eine weitere.

AthenDer türkische Premier Tayyip Erdogan hat für seine Landsleute viele gute Ratschläge: Geht nicht zu Demonstrationen, trinkt keinen Alkohol, kriegt viele Kinder, lasst die Finger von Kreditkarten. So umstritten viele der Erdogan-Empfehlungen auch sein mögen, seine Warnung vor dem Plastikgeld ist berechtigt. Viele Türken geben mit den Kreditkarten Geld aus, das sie gar nicht haben. Immer mehr Haushalte sind deshalb überschuldet. Und die türkische Leistungsbilanz rutscht immer tiefer in die roten Zahlen. Jetzt will die staatliche Bankenaufsicht dem Konsumrausch einen Riegel vorschieben.

Der Einkauf mit der Kreditkarte ist für viele Türken längst eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur im Restaurant zücken sie das Plastikgeld, auch im Supermarkt oder beim Gemüsehändler kommen oft die Karten zum Einsatz. Bei größeren Anschaffungen wie einem neuen Fernseher oder Kühlschrank erst recht, denn mit der Karte bekommt man scheinbar attraktive Zahlungsbedingungen: Der Kaufpreis wird dem Kartenkonto in 24, 36 oder gar 48 Monatsraten belastet. Selbst ein Paar Schuhe mit einer Kreditkarte auf Raten zu kaufen, ist in der Türkei durchaus üblich.

Ist das Limit einer Karte ausgereizt, besorgt man sich eine weitere. Viele Türken haben ein ganzes Sortiment. Die Banken geben die Karten bereitwillig und ohne große Bonitätsprüfung aus, denn sie verdienen gut daran. Während in Deutschland der in einem Monat aufgelaufene Betrag meist in voller Höhe vom Kartenkonto abgebucht wird, sind die türkischen Karten echte Kreditkarten: Man braucht am Monatsende nur einen Teil der ausgegebenen Summe zu bezahlen, den Rest stundet die Bank – und berechnet Zinsen von bis zu 27 Prozent.

Türkei - ein wichtiger Handelspartner für Deutschland

Wichtiger Exportpartner

Die Türkei gehört seit Jahren fest zum Kreis der 20 wichtigsten Handelspartner Deutschlands. Insbesondere beim Export ist die Bedeutung der Türkei in den letzten zehn Jahren gewachsen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) haben sich die Ausfuhren deutscher Unternehmen in die Türkei 2011 gegenüber 2001 fast vervierfacht. Der Wert der exportierten Waren lag 2011 bei 20,1 Milliarden Euro.

Einfuhren fast verdoppelt

Der Wert der Importe von der Türkei nach Deutschland lag 2011 bei 11,7 Milliarden Euro. Der deutsche Außenhandelssaldo mit der Türkei wies damit ein Plus von rund 8,4 Milliarden Euro aus. Rund 5.600 deutsche Firmen sind in der Türkei vertreten.

Was die Türkei nach Deutschland liefert

Bekleidung machte in 2011 über ein Viertel aller Einfuhrgüter aus der Türkei aus (3,2 Milliarden Euro beziehungsweise 27,3 Prozent aller Einfuhren aus der Türkei), hier vor allem Oberbekleidung und Wäsche. Aber auch Kraftwagen und Kraftwagenteile wurden eingeführt. Ihr Wert belief sich auf 1,4 Milliarden Euro (11,9 Prozent). Ein weiteres wichtiges Einfuhrgut waren Maschinen (1,3 Milliarden Euro beziehungsweise 10,7 Prozent der Einfuhren aus der Türkei im Jahr 2011).

Was Deutschland in die Türkei liefert

Im Jahr 2011 wurden vor allem Kraftwagen und Kraftwagenteile (5,1 Milliarden Euro beziehungsweise 25,3 Prozent der deutschen Ausfuhren in die Türkei) in die Türkei exportiert. Daneben wurden vor allem Maschinen im Wert von 3,8 Milliarden Euro (18,8 Prozent) sowie chemische Erzeugnisse (2,3 Milliarden Euro beziehungsweise 11,7 Prozent) in die Türkei ausgeführt.

Beliebtes Reiseziel

Die meisten Touristen in der Türkei kommen mit fast fünf Millionen Besuchern aus Deutschland. Überhaupt hat der Tourismus in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt. Von der Europäischen Union und einem Beitritt sehen manche Beobachter das Land sich jedoch wegbewegen - auch wenn der türkische Premier Erdogan an dem Beitrittsziel festhält.

Nach Angaben der staatlichen Bankenaufsicht BDDK kassierten die türkischen Banken im vergangenen Jahr mit dem Kreditkartengeschäft 14,8 Milliarden Lira (5,35 Milliarden Euro). Das war mehr als ihre gesamten Personalkosten, die 14,2 Milliarden Lira betrugen.
Rund 56 Millionen Kreditkarten sind in der Türkei im Umlauf, in Relation zur Bevölkerung mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. Auf umgerechnet 141 Milliarden Euro beliefen sich die Kreditkartenumsätze in der Türkei im vergangenen Jahr. Das entsprach 47 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: In Deutschland sind es nicht einmal drei Prozent.

Das Plastikgeld verführt viele Türken nicht nur zu Anschaffungen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können. Die Karten werden zunehmend auch zur Beschaffung von Bargeld eingesetzt. Lange Schlangen vor den Geldautomaten sind deshalb ein gewohnter Anblick in der Türkei. Jeden Tag werden rund 100 Millionen Lira (36 Millionen Euro) Bargeld mit Kreditkarten aus den Automaten gezogen. Die Kreditkarten-Schulden der Türken beliefen sich nach Angaben der türkischen Bankenaufsicht Anfang Juli auf umgerechnet 31 Milliarden Euro. Sie haben sich gegenüber 2010 mehr als verdoppelt.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

10.12.2013, 14:55 Uhr

Das ist nicht nur ein Problem der Türkei, sondern auch eins der USA und vielen anderen Nationen. Die Ausmaße des Konsums "auf Teufel komm raus" sind doch jetzt schon unübersehbar. Es wird doch ohnehin schon viel mehr produziert als konsumiert. Und den naiven Leuten soll es zusätzlich schmackhaft gemacht werden, noch mehr zu konsumieren. Die materialistisch verseuchte Gesellschaft wird somit narkotisiert. Es heißt nicht umsonst, dass man konsumieren muss, damit das Geld im Umlauf bleibt. Das Karussel darf nicht stehenbleiben. Das Argument der Schaffung und des Erhalts der Arbeitsplätze ist meines Erachtens nur solange tragbar, solange sich nichts grundsätzliches an unserem Verhalten ändert. Wenn aber der Mensch immer nur nach Reichtum und Luxus giert, dann wünscht er sich natürlich auch diesen bezahlen zu können, was natürlich mit einem Überangebot realisierbar ist. Denn Angebot, Nachfrage und Dummheit bestimmen den Preis. An Ressourcenverschwendung und tatsächlichem Nutzen für die Menschheit wird nicht einmal ansatzweise nachgedacht. Der Profit der Hersteller steht an Nummer eins. Wann begreift die Menschheit auf diesem Planeten, dass dieses unsere so tolle Wirtschaftssystem immer nur in eine Richtung geht. Den Menschen geht es wahrscheinlich immer noch zu gut. Wann kommt endlich die Revolution, der große Boykott?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×