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15.08.2016

06:28 Uhr

Türkische Gewerkschafterin

„Sie wollen die Opposition loswerden“

Zehntausende Staatsbedienstete wurden seit dem Putschversuch in der Türkei suspendiert. Gewerkschafterin Nazife Bayram Tosu spricht über den Grund der Ermittlungen – und eine mysteriöse „schwarze Liste“.

Zehntausende Staatsbedienstete wurden seit dem Putschversuch in der Türkei suspendiert. Gewerkschafterin Nazife Bayram Tosu ist eine von ihnen. dpa

Fühlt sich in ihrer Würde verletzt

Zehntausende Staatsbedienstete wurden seit dem Putschversuch in der Türkei suspendiert. Gewerkschafterin Nazife Bayram Tosu ist eine von ihnen.

IstanbulSeit der Niederschlagung des Putsches in der Türkei hat die Regierung mehr als 60.000 Staatsbedienstete suspendiert. Ihnen wird vorgeworfen, Verbindungen zum Prediger Fethullah Gülen zu haben, den die Türkei für den Umsturzversuch verantwortlich macht. Suspendiert wurde auch Nazife Bayram Tosu, die bislang in der Direktion für Schienensysteme in der Istanbuler Gemeinde gearbeitet hat. Die Gewerkschafterin beteuert, keine Gülen-Verbindungen zu haben, was nun überprüft werden soll. Tosu fühlt sich hochgradig ungerecht behandelt, wie sie im Interview erläutert. 

Wie haben Sie von Ihrer Suspendierung erfahren?
Vergangenen Freitag habe ich einen Anruf von meiner Arbeitsstelle bekommen. Ich sollte kommen und meine Suspendierung unterschreiben. Das habe ich am darauffolgenden Montag auch getan.

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Was wurde Ihnen als Grund für Ihre Suspendierung genannt?
Es wurde überhaupt keine Begründung angegeben! Das ist insofern absurd, da bisher nie Ermittlungen gegen mich gelaufen sind. Es gibt weder Indizien noch Beweise, die dafür (für ihre Gülen-Nähe, Anm. d. Red.) sprechen würden. Im Gegenteil, ich habe gegen solche Organisationen immer angekämpft. Ich fühle mich in meiner Würde verletzt.

Warum glauben Sie dann, dass es Sie getroffen hat?
Man kennt mich, ich bin die Vorsitzende einer Zweigstelle der (Kommunalgewerkschaft) Tüm Bel-Sen. Ich nehme stark an, dass wir zuvor bereits auf die schwarze Liste gesetzt worden sind. Ich bin seit 26 Jahren aktiv, nehme an Demonstrationen teil und spreche mich seit Jahren offen gegen Putsche und Putschisten aus. Jetzt werde ich wie eine Terrorverdächtige behandelt. Man hat mir mitgeteilt, dass mein Reisepass nicht mehr gültig ist. Mir wurde das natürlichste Recht genommen, nämlich das Recht auf Arbeit. Ich darf nicht einmal mehr die Gemeindegebäude betreten. Das ist wirklich ehrverletzend.

Beziehen sie trotz der Suspendierung noch Lohn?
Ja, ich kriege weiterhin zwei Drittel meines Gehalts.

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