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25.08.2016

09:13 Uhr

Türkische Offensive gegen IS

Syrische Rebellen erobern Grenzstadt Dscharablus

Die türkische Großoffensive in Syrien trägt Früchte: Die Freie Syrische Armee eroberte mit Hilfe der Türkei den Grenzort Dscharablus von der Terrormiliz IS zurück. Ankara schickte heute weitere Panzer über die Grenze.

Die Türkei ist mit Panzern auf syrisches Gebiet vorgedrungen. dpa

Türkischer Panzer

Die Türkei ist mit Panzern auf syrisches Gebiet vorgedrungen.

IstanbulTürkische Truppen und syrische Rebellenkämpfer haben am ersten Tag einer Offensive in Nordsyrien eine Bastion der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unter Kontrolle gebracht. Die Freie Syrische Armee habe den Grenzort Dscharablus zurückerobert, sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach einem Treffen US-Vizepräsident Joe Biden am Mittwoch in Ankara. Erdogan deutete an, dass die Stadt vom IS verlassen worden sei.

Mehr als fünf Jahre nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs hatten türkische Truppen am Mittwoch erstmals eine Bodenoffensive im Nachbarland eingeläutet. Am Donnerstag verstärkte die Türkei offenbar die Bodenoffensive: Zehn weitere Panzer seien am Morgen auf syrisches Territorium vorgedrungen, begleitet von mehreren Krankenwagen und schweren Geschützen, wie ein AFP-Fotograf berichtete.

Der mit Panzern und der Hilfe syrischer Rebellen geführte Angriff auf Dscharablus ereignete sich unmittelbar vor dem Besuch von Biden. Die US-Streitkräfte unterstützten die Bodenoffensive mit ihrer Luftwaffe, teilte das US-Verteidigungsministerium mit. Nach seinem Treffen mit dem türkischen Regierungschef Binali Yildirim forderte Biden den Rückzug der Kurdenmilizen in Nordsyrien und machte deutlich, dass Washington keinen Kurdenstaat an der türkischen Grenze akzeptieren werde.

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Erdogan erklärte, der Militäreinsatz sei „gegen Bedrohungen gerichtet“, die für die Türkei von Terrororganisationen wie dem IS oder der syrischen Kurdenmiliz YPG ausgingen. „Hinter diese Angriffe muss jetzt ein Schlusspunkt gesetzt werden“, sagte Erdogan. „Das müssen wir lösen.“ Türkische Artillerie und Kampfflugzeuge hatten Dscharablus am Morgen zunächst aus der Luft bombardiert.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu drohte zugleich auch den Kurden im Norden Syriens. Der syrischen Kurdenpartei PYD und ihren Milizen warf er vor, den Kampf gegen den IS nur als Vorwand zu benutzen, um ein eigenes Herrschaftsgebiet in Syrien aufzubauen. „Wir werden diese geheime Agenda durchkreuzen“, sagte Cavusoglu.

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REGIME

Die syrische Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden die Anhänger von Präsident Baschar al-Assad von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern. Zudem fliegt die russische Luftwaffe Angriffe in Syrien.

ISLAMISCHER STAAT (IS)

Die Terrormiliz verlor in den vergangenen Monaten einige ihrer Gebiete an das Regime und die Kurden und befindet sich in der Defensive. Die Dschihadisten kontrollieren aber immer noch große Teile des Landes im Norden und Osten, vornehmlich Wüstengebiete.

KURDISCH GEFÜHRTE KRÄFTE

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte ein Bündnis unter Führung der kurdischen Volksschutzeinheiten YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückdrängen. Die Kurden kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch in der nordöstlichen Stadt Hasaka zu ungewöhnlich heftigen Zusammenstößen mit syrischen Regierungstruppen. Die Türkei ist ein erklärter Gegner der Kurden. Sie befürchtet angesichts eines mehr als 400 Kilometer langen Gebietes unter kurdischer Kontrolle an seiner Südgrenze Unabhängigkeitsbestrebungen der türkischen Kurden.

DSCHAISCH AL-FATAH

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die dschihadistische Miliz Fatah al-Scham. Teil von Dschaisch al-Fatah sind auch die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib. Einige der islamistischen Rebellen sollen Saudi-Arabien und Katar nahestehen.

AHRAR AL-SCHAM

Die islamistische Miliz ist neben Fatah al-Scham die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger. Die Türkei gilt als wichtige Unterstützerin der Miliz.

FREIE SYRISCHE ARMEE (FSA)

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah gehören, sowie im Süden.

Bei der Offensive „Schutzschild Euphrat“ dürfte es der Türkei neben der Bekämpfung des IS vor allem darum gehen, einen weiteren Vormarsch syrischer Kurden zu verhindern. Die kurdischen Volksschutzeinheiten YPG - die Kampftruppe der PYD - haben vom IS in Syrien bereits mehrere Gebiete erobert und beherrschen den größten Teil der rund 900 Kilometer langen Grenze zur Türkei. Unterstützung erhalten sie von Luftangriffen der US-geführten internationalen Koalition.

Die PYD ist eng mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden. Die Türkei sieht beide Kräfte als Terrororganisationen an. Sie will unter allen Umständen vermeiden, dass an ihrer Südgrenze ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet der Kurden entsteht.

Obwohl die USA die Kurden im Kampf gegen den IS unterstützen, machte Biden ihre Hoffnung auf einen eigenen Staat mit seinen Worten faktisch zunichte. Er forderte den Rückzug der syrischen Kurdenmilizen auf das Gebiet östlich des Flusses Euphrat. „Sie können und werden unter keinen Umständen amerikanische Unterstützung erhalten, wenn sie sich nicht an ihre Verpflichtung halten“, sagte Biden mit Blick auf die syrisch-kurdischen YPG-Einheiten.

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