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18.03.2016

19:52 Uhr

Türkische Oppositionszeitung

„Zaman“ macht in Deutschland weiter

In der Türkei ist die Zeitung „Zaman“ unter staatliche Aufsicht gestellt worden. Die Redakteure der Deutschland-Ausgabe bekommen die Folgen ebenfalls zu spüren, Angestellte und Leser sind ernsthaft besorgt.

Die Zeitung war Anfang März unter staatliche Aufsicht gestellt worden. dpa

Die türkische Oppositionszeitung „Zaman“

Die Zeitung war Anfang März unter staatliche Aufsicht gestellt worden.

BerlinDie Deutschland-Ausgabe der türkischen Oppositionszeitung „Zaman“ soll auch nach der Übernahme des Istanbuler Blatts durch regierungsnahe Treuhänder erscheinen. „Sie schreiben weiterhin meinungsstark und kritisch über die Türkei, versicherten sie uns“, berichtete Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), nach einem Besuch der Redaktionsräume in Berlin am Freitag. Über die Hälfte der bislang aus der Mutterredaktion bezogenen Texte würden aber wegfallen. Angestellte und Leser seien ernsthaft besorgt.

Die Zeitung war Anfang März unter staatliche Aufsicht gestellt worden. Etwa 60 Prozent der bisherigen Texte könnten aufgrund der Zensur nun nicht mehr aus der Türkei übernommen werden, so Überall. „Man erscheint mit reduziertem Umfang beziehungsweise macht einiges von Deutschland aus selber.“

Das Erscheinen sei weiterhin möglich, weil es sich um ein Franchise-System handele. Erste vertriebliche Konsequenzen seien aber bereits zu spüren: Die Auflage sei runtergegangen. Es habe Bedrängungen gegeben, dass Anzeigenkunden nicht mehr in dem Blatt inserieren sollen.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

13. Mai 2016

Bei einer Sprengstoffdetonation in Diyarbakir kommen vier Menschen ums Leben. 15 werden verletzt. Die Tat wird der PKK zugeschrieben.

9. April 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul gibt es drei Verletzte. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist unklar.

31. März 2016

Mindestens 7 Tote, rund 23 Verletzte – das sind die Opfer eines Anschlags in Diyarbakir, hinter dem die PKK vermutet wird. Bei den Opfern handelt es sich um Polizeibeamte.

19. März 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul sterben mindestens fünf Menschen, etwa 36 werden verletzt. Bei den Opfern handelt es sich um Passanten in einer Einkaufsstraße. Hinter dem Anschlag steckt vermutlich der IS.

13. März 2016

Bei einem weiteren verheerenden Autobomben-Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am 13. März 37 Menschen ums Leben gekommen. Kurz darauf flog die türkische Luftwaffe Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak – die Regierung zufolge gehörte die Selbstmordattentäterin zu der verbotenen Partei.

Februar 2016

Am 17. Februar hat in Ankara ein Selbstmordattentäter 28 Menschen in den Tod gerissen. Inzwischen hat sich die militante Organisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) – eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK – zu der Tat bekannt.

Januar 2016

Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden elf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der Attentäter gehörte nach Angaben der türkische Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an.

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Ein weiteres Problem sei die in Deutschland lebende Leserschaft: „Weil dieses Medienunternehmen vom Staat als terroristische Organisation dargestellt wird, wird wohl auch in vielen türkischen Familien diskutiert, ob man dieses Blatt noch lesen soll“, so der DJV-Bundesvorsitzende. Probleme beim Einreisen in die Türkei würden befürchtet für jene, die etwa auf Abo-Listen stehen oder eine Ausgabe im Gepäck haben. „(Zaman) finanziert sich aber ausschließlich über Anzeigen und Abonnements, was jetzt natürlich schwieriger wird.“

Auch für die Angestellten sei die Situation eine „enorme persönliche Herausforderung“, sagte Überall. Einige machten sich Sorgen, ob sie ihre Verwandtschaft in der Türkei überhaupt noch besuchen können, „weil sie Angst vor Repressalien haben“. Zudem gebe es die Besorgnis, dass man den Anspruch auf Arbeitslosen- und Krankenversicherung verlieren könnte, weil das Angestelltenverhältnis unklar ist. „Einige Kollegen schweben in völliger Unsicherheit.“

Von

dpa

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