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25.09.2016

15:02 Uhr

Türkische Schulen im Ausnahmezustand

„Es kommt eine Generation voll Hass und Wut“

Vor Beginn des neuen Schuljahres hat die Türkei 11.000 Lehrer suspendiert, viele davon in den Kurdengebieten. Fehlende Bildungschancen könnten die Jugendlichen dort geradewegs in die Arme der PKK treiben.

Die türkische Regierung hat rund 11.000 Lehrer suspendiert. In der kurdischen Stadt Diyarbakir kam es deswegen zu Protesten. AFP; Files; Francois Guillot

Proteste in Diyarbakir

Die türkische Regierung hat rund 11.000 Lehrer suspendiert. In der kurdischen Stadt Diyarbakir kam es deswegen zu Protesten.

DiyarbakirDas Telefon klingelt ständig im Gewerkschaftsbüro von Diyarbakir. Mehmet Nuri Özdemir klemmt den Hörer zwischen Schulter und Ohr, gibt geduldig besorgten Lehrern Auskunft und winkt Kollegen zu, die nach und nach eintrudeln. Jemand verteilt gelbe Leibchen mit dem Abzeichen der türkischen Bildungsgewerkschaft „Egitim Sen“. Die rund dreißig Lehrer, die sich hier täglich versammeln, haben alle keinen Job mehr.

Sie gehören zu rund 11.000 Lehrern, die die türkische Regierung kurz vor Beginn des türkischen Schuljahrs in dieser Woche suspendiert hat. Grund ist der Vorwurf der Unterstützung der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Mehr als 4000 der betroffenen Lehrer arbeiteten in der kurdischen Millionenstadt Diyarbakir.

Schon zuvor hatte die islamisch-konservative AKP-Regierung Tausende Lehrer wegen mutmaßlicher Verbindung zur Bewegung des Predigers Fethullah Gülen vom Dienst freigestellt. Die Regierung macht Gülen für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich. Kritiker werfen der AKP und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bei den folgenden Entlassungen und Festnahmen Missachtung des Rechtsstaats vor.

Özdemir, der mit einer Kollegin die Zweigstelle der Gewerkschaft Diyarbakir leitet, wurde selbst suspendiert. Die Zeit nach dem Putschversuch hätte ihm zunächst neue Hoffnung gegeben, sagt er. „Alle haben zusammengehalten, egal ob Kurde, Türke oder Alevit.“ Wir dachten, jetzt könne auch wieder über eine friedliche Lösung des Kurdenkonflikts gesprochen werden. Aber genau das Gegenteil ist passiert. Zuerst sind sie gegen die Fethullah-Anhänger vorgegangen und danach gegen die Opposition.“

Die Kurden - ewiger Streit

Kurdengebiete

Das Kurdengebiet erstreckt sich vom Osten der Türkei über Syrien, bis in den Irak und Iran. Kurdische Nationalisten fordern seit jeher ein eigenes Staatsgebiet für die Kurden. Die Staaten in diesem Gebiet, allen voran die Türkei, lehnen das jedoch ab.

Tradition und Religion

Die Kurden sind eine Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen Sprache, traditionellen Festen, Musik und Literatur und einer eigenen kurdischen Küche. Religiös sind die Kurden hingegen gespalten: Die Mehrheit der Kurden sind Sunniten. Daneben gibt es, wenn auch wenige, Schiiten, Jesiden, Christen und Juden.

Politik

In der Türkei, in Syrien und im Iran gründeten Kurden eigene Parteien, die jedoch zum Teil nur im Untergrund agieren können, da sie von den nationalen Regierungen unterdrückt werden. Die wohl bekannteste von ihnen ist die PKK in der Türkei. Nur die autonome Region Kurdistan, im Irak, hat ein eigenes Parlament und wählt ihren eigenen Präsidenten.

Türkei Konflikt

Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK gilt als der längste Konflikt zwischen Kurden und der türkischen Regierung. Die PKK fordert seit ihrer Gründung im Jahr 1978 einen unabhängigen Kurdenstaat. Diesen versucht sie, zum Teil auch gewaltsam, durchzusetzen. Die Türkei lehnt einen autonomen Kurdenstaat ab und ging ihrerseits immer wieder militärisch gegen die PKK vor. Die PKK wird von der der Türkei, von den USA und von der EU als terroristische Vereinigung eingestuft.

Sport

Die beliebteste Sportart in der autonomen Region Kurdistan ist Fußball. Vor zehn Jahren gründete sich der kurdische Fußballverband „Kurdistan Football Association“, in dem heute 24 Mannschaften spielen. Außerdem gibt es eine kurdische Fußballauswahl, die von der FIFA jedoch nicht anerkannt wird und deshalb nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen darf.

Der Chef der größten Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, äußerte sich kürzlich ähnlich. Laut der Zeitung „Hürriyet“ kritisierte er, der Ausnahmezustand sei dazu gedacht, um die Gülen-Bewegung zu bekämpfen. Die AKP nutze diese Macht jedoch auch, um gegen die Opposition vorzugehen.

Die Lehrer in Diyarbakir haben ihre Schuhe ausgezogen und hocken auf dem Teppichboden. Ihren Sitzstreik können sie nur drinnen abhalten. Auf der Straße gilt striktes Demonstrationsverbot. Vor dem Gewerkschaftsgebäude stehen gepanzerte Polizeifahrzeuge.

Baris, ein 32-jähriger Grundschullehrer, betrachtet nach seiner Zukunft gefragt nachdenklich seine Socken. „Ich weiß es nicht“, sagt er seufzend. Zwar erhielten die Lehrer bis zum Abschluss der Ermittlungen Zweidrittel ihres Gehalts. Der eigentliche Grund ihrer Suspendierung, glauben hier viele, sei jedoch die Teilnahme an einem Streik, der sich gegen die Militäroperationen im Südosten richtete. Baris glaubt daher, dass die Regierung die Lehrer früher oder später per Notstandsdekret ganz loswerden will. „Jeder hier fragt sich, wie er finanziell durchkommen soll. Ich bin seit neun Jahren Lehrer, ich habe nichts anderes gelernt. Zur Not muss ich kellnern gehen.“

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