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16.08.2013

15:53 Uhr

Tui und Thomas Cook sagen Reisen ab

Bundesregierung verschärft Reisewarnung für Ägypten

Die Krawalle in Ägypten beunruhigen die EU und die Bundesregierung: Das Auswärtige Amt rät von Reisen derzeit dringend ab. Unterdessen häufen sich erneut Meldungen von tödlichen Auseinandersetzungen aus dem ganzen Land.

„Freitag der Wut“

Ägypten im Sog der Gewalt

„Freitag der Wut“: Ägypten im Sog der Gewalt

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Berlin/Kairo/BrüsselNach der Eskalation der Gewalt in Ägypten rät das Auswärtige Amt nun für das ganze Land von Reisen ab. Der Krisenstab des Ministeriums habe sich für diesen Schritt „aufgrund der aktuellen Lage und der Unvorhersehbarkeit der Entwicklung“ entschieden, sagte Sprecher Andreas Peschke am Freitag in Berlin. Neu ist, dass nun auch von Reisen in die Urlaubsgebiete am Roten Meer um Hurghada und Scharm el Scheich abgeraten wird.

Eine Reisewarnung gibt es weiterhin nur für den Nordsinai und das ägyptische Grenzgebiet zu Israel. Vor Reisen nach Kairo, nach Oberägypten und in das Nildelta wird „dringend abgeraten“.

Das Auswärtige Amt geht davon aus, dass sich derzeit noch eine fünfstellige Zahl von Deutschen in Ägypten aufhält. Mitarbeiter der Botschaft sollten in Reiseorte entsandt werden, um für Fragen von Urlaubern zur Verfügung zu stehen, sagte Peschke.

Als erster Reisekonzern reagierte Tui auf die aktuelle Einschätzung des Auswärtigen Amtes. Der Veranstalter sagt alle Reisen nach Ägypten bis einschließlich 15. September ab. Die Urlauber bekommen den vollen Reisepreis zurück und können kostenlos umbuchen. Reisende, die sich derzeit in den Baderegionen am Roten Meer befinden, können ihren Urlaub jedoch fortsetzen, da es dort unverändert ruhig sei. Wer seinen Urlaub dennoch abbrechen möchte, soll sich laut Tui an die Reiseleitung vor Ort wenden. Die Absage der Reisen gilt für die Marken Tui, 1-2-FLY, airtours und Discount Travel. Auch das Reiseunternehmen Thomas Cook hat seine Reisen nach Ägypten bis einschließlich 15. September abgesagt. Betroffen sind die Marken Neckermann, Thomas Cook, Bucher und Öger. Den Kunden würden alternative Ziele angeboten.

Ägypten als Machtfaktor im Nahen Osten

Bevölkerung

Mit rund 85 Millionen Einwohnern ist der Staat das bevölkerungsreichste arabische Land. Niltal und Nildelta zählen mit mehr als 1100 Menschen pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt.

Wirtschaftskraft

Bei der Wirtschaftsleistung gab es 2012 im Vergleich zum Vorjahr einen prognostizierten Zuwachs von zwei, für 2013 von drei Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte sich 2013 auf geschätzt knapp 276 Milliarden Dollar summieren.

Suezkanal

Kairo kontrolliert mit dem 1956 verstaatlichten Kanal eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Besondere Bedeutung haben die vielen Tanker, die Öl vom Golf nach Europa transportieren. Die Kanalgebühren sind eine tragende Säule des ägyptischen Staatshaushalts.

Tourismus

Die Branche ist einer der wichtigsten Devisenbringer des Landes. Nach einem Einbruch im Revolutionsjahr 2011 mit 9,8 Millionen Touristen (2010: 14,7 Millionen) kamen 2012 bis November 9,5 Millionen. Die Zahl der deutschen Urlauber stieg in den ersten neun Monaten 2012 im Vergleich zu 2011 um gut 29 Prozent auf rund 830 000.

Nahostfrieden

Für die EU und die USA ist Ägypten seit langem ein verlässlicher Vermittlungs- und Verhandlungspartner. Auf die palästinensische Seite wirkte Kairo oft mäßigend ein. Ägypten war das erste arabische Land, das Israel anerkannte. Die Staaten schlossen 1979 einen Friedensvertrag.

Dschihadisten

Präsident Husni Mubarak verfolgte einen harten Kurs gegen Islamisten und präsentierte Ägypten als „Bollwerk gegen Dschihadisten“. Unter seinem Nachfolger Mohammed Mursi konnten militante Islamisten in einigen Bezirken östlich der Stadt Al-Arisch mehr oder weniger unbehelligt von der Staatsmacht schalten und walten. Aus Sicht der Armee waren die Operationen gegen Extremisten mit Nähe zum Terrornetzwerk Al-Kaida in dem Gebiet in dieser Zeit halbherzig.

Eine Reisewarnung spricht das Auswärtige Amt nur aus, wenn es eine akute Gefahr für Leib und Leben gibt. Das gelte bisher nur für den Nordsinai und das Grenzgebiet zu Israel, erläuterte Peschke. Für die Touristengebiete am Roten Meer könne man „noch von einer ruhigeren Lage sprechen“, sagte er. „Die weitere Entwicklung in Ägypten ist unvorhersehbar“, fügte er aber hinzu. Das US-Außenministerium hatte alle US-Staatsbürger in Ägypten am Donnerstagabend zum Verlassen des Landes aufgerufen.

Die 27 EU-Staaten erwägen unterdessen, ihre Reisewarnungen für Ägypten untereinander abzustimmen. Darüber würden die EU-Botschafter voraussichtlich am kommenden Montag in Brüssel beraten, erfuhr die digitale Tageszeitung „Handelsblatt Live“ von EU-Diplomaten.

Das wäre eine Premiere in der Geschichte der Europäischen Union. Bisher ist üblich, dass jeder EU-Staat selbst entscheidet, ob er seine Bürger vor Reisen in ein Krisengebiet warnt und in welcher Form dies geschieht. Im Falle Ägyptens denkt die EU nun darüber nach, von der bisher üblichen Praxis abzuweichen und die Reisewarnungen zu koordinieren. Zu Begründung hieß es, dass Ägypten für die Europäer ein besonders attraktives Reiseland sei. Es mache daher Sinn, Widersprüche bei den Reisewarnungen zu vermeiden und diese auf EU-Ebene zu koordinieren. Darum kümmern soll sich Auswärtige Dienst der EU (EAD).

Kommentare (4)

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orakel

16.08.2013, 14:28 Uhr

Der scheinheilige türk. Ministerpräsident Erdogan sollte mal lieber im eigenen Land Demokratie zulassen, als über Ägypten zu hetzen. Erdogan ist ein waschechter Diktator, der sich politisch dreht, wie gerade der Wind weht.

Freilich, eins ist schon klar:
Die nun blutig verlaufenden politischen Auseinandersetzungen in Ägypten sind eine absolute Katastrophe.

Zuerst versucht ein demokratisch gewählter Mursi das Land
in eine islamische Diktatur zu verwandeln.
Und dann nutzt das Militär den Widerstand der Bevölkerung, um gegen die Islamisten zu putschen.

Schön wärs gewesen, wenn die Militärs danach einen Kompromiss mit den Unterlegenen ausgehandelt, und die Macht wieder in gemäßigte Hände gegeben hätten.

Stattdessen gibt's jetzt wohl Radikalisierung und endlose
Gewalt, wie wir das aus diesem Land bereits erlebt haben.

elly

16.08.2013, 16:58 Uhr

Also dass sich Erdogan hier aufspielt ist wirklich ein Hohn. Er selbst geht mit aller Macht gegen Demonstranten vor und verweist sie des Platzes. Er wollte auch kein Camp und hat dies, wie wir wissen, auch räumen lassen. Auch mit Tränengas und Verletzten!

Nur weil die demonstrierenden Menschen in der Türkei nicht so fanatische Glaubensbrüder sind, ist es nicht weiter zu grösseren Zusammenstössen gekommen.

Jetzt ärgert es ihn wohl, dass die islamische fundamentalistische Bewegung in gypten aufgehalten wird.
Er ist ja auch so ein verkappter,der immer mehr die Menschen einschränkt.

Hoffentlich hören diese Fanatiker in Ägypten endlich auf und setzen sich an den Verhandlungstisch. Das ist Mitbestimmung und nicht Gewalt!

Nur das wollen die oberen Prediger nicht. Wissen denn die Anhänger der Muslimbrüder nicht wie voll die Taschen dieser Hassprediger sind?

Vitalis

16.08.2013, 19:03 Uhr

Ägypten steht von einem jahrelangen Konflikt, denn die
Muslimbrüder sind es gewohnt, im Untergrund zu agieren
und dürften sich in ihrer Regierungszeit gut mit Waffen
versorgt haben. Erdogan wird genau beobachten, was in
Ägypten passiert und wird feststellen, dass rund um ihn
herum sich Krieg, Chaos und Wirtschaftskrisen (Griechenland
und Balkan) ausbreiten. Zu den wenigen stabilen Partnern
gehören erstaunlicherweise nun die Kurden in Nordirak.
Wenn Erdogan sich auf die Spuren von Mursi in seiner Innen-
Politik begibt, könnte ihm das Land bald entgleiten.

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