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03.03.2017

16:53 Uhr

Tunesien

Die Tücken der Revolution

VonSandra Louven

Tunesien ist das einzige Land, in dem nach dem arabischen Frühling tatsächlich Demokratie herrscht. Doch die hat auch zu wirtschaftlichen Problemen und einem Anstieg des Terrorismus geführt.

Seit der Revolution Ende 2010, ist die Demokratie in Tunesien keine ungetrübte Erfolgsgeschichte. dpa

Tunesien

Seit der Revolution Ende 2010, ist die Demokratie in Tunesien keine ungetrübte Erfolgsgeschichte.

Madrid„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“, versprach der französische Philosoph Voltaire. Vor sechs Jahren taten die Tunesier es ihm gleich: Als sich Ende 2010 ein Gemüsehändler aus Protest gegen Drangsalierung durch die Polizei verbrennt, regt sich im gesamten Land Widerstand. Der Funke der Revolution steckt zahlreiche Länder in Nordafrika an – doch allein in Tunesien hat sich nach den Unruhen tatsächlich die Demokratie als neue Staatsform durchgesetzt. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel, die heute nach Tunesien reist, ist das Land deshalb ein „Leuchtturm der Hoffnung“.

Allerdings ist die Demokratie in Tunesien keine ungetrübte Erfolgsgeschichte. Zwar gibt es inzwischen Presse- und Meinungsfreiheit sowie ein demokratisch gewähltes Parlament. Doch Wirtschaft hat unter den unsicheren Aussichten gelitten: Während sie in den zehn Jahren vor der Revolution im Schnitt um fünf Prozent pro Jahr zugelegt hat, waren es 2016 nur noch 1,3 Prozent. Die politische Freiheit hat offenbar auch dazu geführt, dass der Terrorismus sich in dem ehemaligen Polizeistaat ausbreiten konnte. Viele Tunesier fühlen sich heute in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher.

Zwar haben diese Ängste bislang nicht dazu geführt, dass die Mehrheit der Tunesier sich das autokratische Regime zurück wünscht: In Umfragen geben sie weiter mit eindeutiger Mehrheit an, dass die Demokratie ihre bevorzugte Regierungsform ist. Die Menschenrechtsorganisation amnesty international warnt allerdings, dass die Behörden in ihrem Versuch, den Terrorismus einzudämmen auf die alten Methoden wie Folter oder willkürliche Verhaftungen zurück greifen.

Krisenherde in der arabischen Welt

SYRIEN

Seit 2011 wird das Land von einem Bürgerkrieg und dem Terror des Islamischen Staates (IS) erschüttert, mehr als 400.000 Menschen kamen bereits ums Leben. Millionen wurden vertrieben.

IRAK

Der zeitweilige Vormarsch des IS hat viele Menschenleben gekostet. 2015 starben in dem zerrütteten Land mehr als 7.500 Zivilpersonen eines gewaltsamen Todes. Dieses Jahr waren es bis September mehr als 4.000.

GAZA

Seit 2008 gab es drei Gaza-Kriege. Allein während des jüngsten Konflikts im Sommer 2014 wurden mehr als 2.200 Menschen getötet.

TÜRKISCHES KURDISTAN

Im Kurdenkonflikt starben seit 1984 mehr als 40.000 Menschen. Er strahlt in Nachbarländer ab. Seit 2015 eine Waffenruhe endete, herrschen in Teilen der Südosttürkei bürgerkriegsähnliche Zustände.

JEMEN

Im Bürgerkrieg zwischen der von Saudi-Arabien unterstützten sunnitischen Regierung und den schiitischen Huthi-Rebellen sind seit März 2015 mehr als 4.000 Zivilisten getötet worden.

SINAI

Das ägyptische Militär kämpft auf der Halbinsel gegen das Terrornetzwerk Islamischer Staat. Hunderte Menschen starben seit 2011 bei Anschlägen radikaler Islamisten auf der Halbinsel und in Kairo.

LIBYEN

Libyen ist nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi 2011 in Chaos und Bürgerkrieg versunken. Das Land gilt als Sammelbecken für IS-Kader aus dem Kerngebiet in Syrien und dem Irak.

Zwar haben diese Ängste bislang nicht dazu geführt, dass die Mehrheit der Tunesier sich das autokratische Regime zurück wünscht: In Umfragen geben sie weiter mit eindeutiger Mehrheit an, dass die Demokratie ihre bevorzugte Regierungsform ist. Die verstärkten Sicherheitsanstrengungen der Behörden im Kampf gegen den Terror haben die einmal errungene Freiheit denn auch nicht wieder zurückgeholt.

Dennoch hat die Revolution für viele nicht den erhofften finanziellen und beruflichen Aufschwung gebracht. Im Gegenteil: Nach den Unruhen ging es wirtschaftlich bergab:  Investoren scheuten die unsicheren politischen Aussichten des Landes nach der Revolution und auch Touristen mieden Tunesien. Als sich die Lage gerade entspannt hatte, erschütterten 2015 zwei Terroranschläge auf Touristen das Vertrauen erneut. Im selben Jahr sank die Zahl der europäischen Tunesien-Urlauber um rund 70 Prozent. Der Tourismus ist für Tunesien von großer Bedeutung: Er macht rund sieben Prozent der Wirtschaftsleistung aus und sichert 400.000 Arbeitsplätze.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 15 Prozent, bei den häufig gut ausgebildeten Jugendlichen ist sie doppelt so hoch. Im vergangenen Sommer musste der damalige Ministerpräsident Habib Essid abtreten, weil er nicht genug gegen die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes und gegen die Korruption getan hatte.

ISIS-Kämpfer kehren in ihre Heimat zurück: Tunesiens Angst vor den Mördern

ISIS-Kämpfer kehren in ihre Heimat zurück

Tunesiens Angst vor den Mördern

In Syrien und im Irak verlieren die IS-Kämpfer derzeit an Boden. Für Tunesien verschärft sich dadurch ein Problem, das die Gesellschaft verängstigt: Tausende Bürger des Landes hatten sich den Extremisten angeschlossen, nun kommen immer mehr von ihnen zurück.

Gerade die Regionen im Landesinneren sind häufig stark vernachlässigt. Perspektivlose Jugendliche dort werden zur leichten Beute für Anwerber von Terroristen. Auch der Berliner Weihnachstmarkt-Attentäter Anis Amri kam aus einem solchen Ort, der Wüstenstadt Tataouine im Süden des Landes.

Der Internationale Währungsfonds mahnt schnellere Struktur-Reformen an, damit Tunesien stärker wachse, mehr Jobs schaffe und die Bevölkerung von ausreichenden staatlichen Leistungen profitieren könne. Für dieses Jahr erwartet der Fonds mit 2,5 Prozent aber immerhin ein deutlich stärkeres Wirtschaftswachstum als im vergangenen Jahr.

Das liegt auch daran, dass der Tourismus sich langsam wieder erholt. Die Regierung habe viel getan, um die Sicherheitslage zu stabilisieren, versichert eine Sprecherin des tunesischen Fremdenverkehrsamtes. So müssten inzwischen müssen alle Hotels etwa mit Metalldetektoren und Überwachungskameras ausgerüstet sein, einen separaten Sicherheitsraum besitzen und sämtliche Kennzeichen von  Autos registrieren, die in die Hotelanlage fahren. Zwar kamen in diesem Jahr zwischen Januar und Oktober immer noch 44 Prozent weniger Touristen als im vergangenen Jahr. Doch in jedem Monat ist die Zahl der Gäste aus Deutschland angestiegen.

Kommentare (2)

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Herr Hans Henseler

03.03.2017, 18:37 Uhr

Voltaire hatte gut Sprueche machen - er war ein sehr reicher Mann. Die Tunesier
duerften sich fragen, ob ihre Revolution sich gelohnt hat. So schlimm war es vorher
nicht und mittlerweile hat sich die Armut und Perspektivlosigkeit ungemein verstaerkt
und die Sicherheitslage hat sich verschlimmert.

Herr Hans Henseler

03.03.2017, 18:39 Uhr

Voltaire hatte gut Sprueche machen - er war ein sehr reicher Mann. Die Tunesier
duerften sich fragen, ob ihre Revolution sich gelohnt hat. So schlimm war die Lage
vorher nicht - da war kein Nordkorea. Mittlerweile haben sich Armut und Perspektiv-
losigkeit ungemein verstaerkt und die Sicherheitslage hat sich verschlimmert.

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