Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.01.2011

20:12 Uhr

Tunesier plündern Villen

„Das ist alles unser Geld!“

Sie schwelgten im Luxus und nahmen das Volk aus: Nun entlädt sich die Wut der Tunesier gegen die Familie der Ehefrau des geflohenen Präsidenten Ben Ali. Leila Trabelsi und ihre zehn Brüder hatten das Land fest im Griff - von ihrem Besitz bleibt nur noch ein Scherbenhaufen.

Tunesier plündern eine Villa des Trabelsi-Clans: Die Familie der Präsidentengattin hatte das Land fest im Griff. dpa

Tunesier plündern eine Villa des Trabelsi-Clans: Die Familie der Präsidentengattin hatte das Land fest im Griff.

PARIS. "Zu verkaufen" hat jemand auf die weißgetünchte Mauer der Luxusvilla mit Meerblick im tunesischen Ort Gammarth gesprüht. Pro Quadratmeter soll sie 100 Millimes kosten, steht daneben, umgerechnet sind das fünf Cent.

Vom Luxus der Trabelsi ist inzwischen nicht mehr viel übrig: Scherben bedecken den Boden, in dem mit blaugrünen Mosaiken verzierten Pool schwimmt eine zerborstene Tischplatte. Hier hat sich der Hass gegen den mächtigen Trabelsi-Clan entladen. Die weitverzweigte Familie von Leila Trabelsi, der zweiten Frau des geschassten Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali, hatte Tunesien jahrelang im Würgegriff.

"Das ist alles unser Geld!" ruft Jelal und fasst sich mit beiden Händen an den Kopf, als er die Villa betritt. Wie viele andere Tunesier ist er mit einer Mischung aus Neugier und Schadenfreude hergekommen. Und vielleicht auch, weil er handfeste Symbole braucht, um sich die rasante Wende in Tunesien zu vergegenwärtigen.

Der Besitzer der Villa war einer der zehn Brüder von Leila. Die ehemalige Friseuse hatte bereits ein erstes Kind mit Ben Ali, als dieser noch Chef des tunesischen Geheimdienstes und mit der Tochter eines Generals verheiratet war. Später ließ Ben Ali sich scheiden und machte die 21 Jahre jüngere Frau zu neuen Première Dame. Diese sorgte dann in erster Linie dafür, dass sämtliche einträglichen Geschäfte von ihren Clan-Mitgliedern übernommen wurden.

Ein zerrissenes Hochzeitsfoto liegt auf dem Boden. Drei mollige Grazien sind darauf zu sehen, die langen Haare kunstvoll drapiert, knallrot geschminkte Münder. Ein Bewohner des Hauses scheint krank gewesen sein, in einem Zimmer finden sich Tabletten und Gummihandschuhe. Andere Bewohner ließen es sich offenbar gut gehen, davon zeugt auch ein "Nicht stören"-Schild aus einem Hotel im Pariser Disneyland.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Margrit Steer

18.01.2011, 22:24 Uhr

So ist es, wenn sich Volkszorn entlädt und eben auch vermehrt der Pöbel auf die Straße geht.
Den angehäuften Reichtum hat wohl auch der Westen z. T. mit finanziert, denn unsere Entwicklungshilfe fließt ja in Strömen und die kam nicht dem Volk zugute.
Schon so mancher afrikan. Diktator hatte seine privaten gut gefüllten Konten im Ausland.
Vom Verdienst alleine war das wohl nie.
Der Westen muß aufhören Sozialamt zu spielen.
Dann klappt es auch in diesen Ländern besser.
So lang diese Despoten dort wissen, dass ja alles immer geregelt wird, haben sie doch keine Veranlassung etwas zu ändern zum Wohle des Volkes.
Hungert das Volk, weil Mißtwirtschaft betrieben wird, dann wissen sie doch, die Weizenlieferung uns sonstiges aus dem Westen kommen doch.
Vielleicht ist Tunesien nur der Anfang.
Aber der Westen sollte nun schnellstens mal seine Hausaufgaben machen
Arafat war auch Millionär wie man erfahren konnte nach seinem Tod.
Woher wohl?

norbert

20.01.2011, 11:34 Uhr

Jeder, der in totalitären Ländern Urlaub macht, könnte ja mal ins Nachdenken kommen, was er da mscht ....

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×