Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.10.2016

06:44 Uhr

TV-Debatte in Frankreich

Konservative scheuen den harten Schlagabtausch

VonThomas Hanke

Bei der ersten Debatte der konservativen Bewerber für die Präsidentschaftsvorwahl geht es steif und wenig anspruchsvoll zu – Ex-Premier Fillon diagnostiziert der Wirtschaft den „Hirntod“, Konkurrent Sarkozy arbeitet sich am Burkini ab.

Wahlen in Frankreich

Alain Juppé: Frankreichs Hoffnung und Sarkozys Alptraum?

Wahlen in Frankreich: Alain Juppé: Frankreichs Hoffnung und Sarkozys Alptraum?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

ParisSieben Kandidaten, eine Premiere und nur ein Ziel: bei der ersten Debatte zur Vorwahl des konservativen Präsidentschaftskandidaten eine gute Figur zu machen. Eine Frau und sechs Männer (Nathalie Kosciusko-Morizet, Alain Juppé, Nicolas Sarkozy, François Fillon, Bruno Le Maire, Jean-François Copé und Jean-Frédéric Poisson), alle Mitglieder der konservativen „Republikaner“, haben sich für die Vorwahl qualifiziert, die den Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühling bestimmen soll. Es ist die erste in der Geschichte der französischen Konservativen. Am Donnerstagabend stellten sie sich im Fernsehen den Fragen von drei Journalisten.

Auch wenn es sieben Teilnehmer waren, im Grunde ging es nur um zwei von ihnen: Juppé, der in allen Umfragen vorn liegt, kontra Sarkozy, dem nur noch gut vier Wochen bleiben, um aufzuschließen. Am 20. November findet die erste Runde der Primärwahl statt. Die anderen fünf Kandidaten liegen in den Umfragen weit abgeschlagen zurück.

Frankreich

Bruttoinlandsprodukt

Nach Daten des IMF betrug das französische BIP im vergangenen Jahr rund 2,42 Billionen US-Dollar. Im europäischen Vergleich steht das Land damit an dritter Stelle hinter Spitzenreiter Deutschland und Großbritannien. Was zunächst positiv klingt, erscheint mit Blick in die frühe Vergangenheit gar nicht mehr allzu rosig. Nur ein Jahr zuvor hatte das Bruttoinlandsprodukt noch fast 400 Milliarden US-Dollar mehr auf dem Konto – und stand damit auch vor dem Vereinigten Königreich. Vom Allzeithoch aus dem Jahr 2008 (2,94 Billionen US-Dollar) ist Frankreich ein gutes Stück entfernt.

Einwohnerzahl

Im „französischen Mutterland“ lebten zu Beginn des zurückliegenden Jahres 64.204.247 Menschen. Nimmt man die Überseedépartements Guadeloupe, Martinique, Französisch-Guayana, Réunion und Mayotte hinzu, kommt die französische Republik auf über 66,3 Millionen Einwohner. Einer Prognose von Eurostat zufolge wird das zweitbevölkerungsreichste Land Europas bis 2050 sehr nah an die künftigen Zahlen aus Deutschland herankommen – knapp über 74 Millionen Menschen sollen beide Staaten dann jeweils beherbergen.

Bevölkerungsdichte

Mit rund 550 km² ist Frankreich auch ohne die dazugehörigen Überseeinseln und -gebiete bereits das flächenmäßig größte Land in Europa. Dementsprechend viel Platz steht den zahlreichen Franzosen zur Verfügung, was sich auf die Bevölkerungsdichte auswirkt. Mit 117 Einwohnern pro Quadratkilometer befindet sich die Republik so nah am EU-weiten Durchschnitt (116,3) wie kein anderes europäisches Land.

Staatsoberhaupt

Mit der Annahme einer neuen Verfassung im Oktober 1958 wurde in Frankreich die sogenannte „Fünfte Republik“ eingeführt. Beginnend mit Charles de Gaulle standen seither sieben Präsidenten an der Spitze des Staates. Seit Mitte 2012 hat François Hollande das höchste Amt inne, der nach der erfolgreichen Wahl den bis dahin amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy vorzeitig ablöste.

Nationalhymne

Die „Marseillaise“ ist seit 1795 die offizielle französische Nationalhymne. Drei Jahre zuvor wurde sie von Claude Joseph Rouget de Lisle verfasst – allerdings als Kriegserklärung an Österreich. Unter dem Titel „Chant de guerre pour l’armée du Rhin“ („Kriegslied für die Rheinarmee“) war sie dem Oberbefehlshaber und Gouverneur von Straßburg, Nikolaus von Luckner, gewidmet und ertönt bis heute in dessen Geburtsort, Cham in der Oberpflaz, täglich als Glockenspiel auf dem Marktplatz. Das Lied wurde beim Einzug in Paris von Soldaten aus Marseille gesungen, wodurch der bekannte Titel zustande kam.

Das Problem mit den Rechten

Der Name der rechtsradikalen Partei Front National tauchte in der jüngsten Vergangenheit häufig in den Medien auf. Dabei konnte die Partei rund um deren Vorsitzende Marine Le Pen bereits in den 1980er Jahren erste Erfolge verbuchen – und das aus denselben Gründen wie heute. Der wirtschaftliche Pessimismus innerhalb des Landes brachte dem FN zweimal in Folge mindestens einen Sitz in der Nationalversammlung. Aus der Europawahl 2014 ging der FN mit 24,86% der Stimmen als Sieger unter den französischen Parteien hervor. Bei der Präsidentenwahl im nächsten Jahr werden Le Pen gute Ergebnisse prognostiziert – wenngleich es nicht ganz für das Amt reichen solle.

Französische Revolution

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist nicht nur der Wahlspruch der Republik Haiti sowie der heutigen Französischen Republik, sondern auch das Motto der Französischen Revolution, die ab 1789 grundlegende Werte und Ideen der Aufklärung propagierte und umsetzte. Sie hatte signifikante gesellschaftspolitische Veränderungen auf dem ganzen Kontinent zur Folge. Die heutige französische Verfassung verweist auf die zu jener Zeit entstandene „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ und enthält sonst keinen eigenen Grundrechtekatalog.

Es hätte also ein spannendes Duell werden können, werden müssen. Doch sowohl Ex-Präsident Sarkozy wie auch Ex-Premier Juppé vermieden jede Schärfe. Die Urwahl und das Format der großen Debatte sind für die Konservativen noch so neu, dass alle auf Nummer sicher gingen und einfach nur nett wirken wollten.

Sarkozy allerdings erweckte dabei ständig den Eindruck, er müsse sich selber an der Leine halten, um nicht loszupreschen. Juppé hingegen wirkte lange nicht so entschlossen wie sein Gegenüber, der eine Gabe für knappe, treffende Formulierungen hat. Manche seiner eigenen Vorschläge musste Juppé vom Blatt ablesen.

Eine echte Diskussion kam schon deshalb nicht auf, weil das Forum wie eine Schulstunde organisiert war, bei der von der Wirtschaftspolitik bis zur Zuwanderung die Programme der Kandidaten abgefragt wurden. Wortwechsel oder Auseinandersetzungen zwischen den Kandidaten gab es fast nicht. Steifer geht es kaum.

Von einem Sieger oder Verlierer kann man nach zweieinhalb Stunden Fragerunde deshalb nicht sprechen. Die Fernsehzuschauer haben die Programme der Kandidaten besser kennengelernt – falls sie dazu in der Lage waren, die zum Teil filigranen Feinheiten bei Steuersenkungen, Arbeitszeit oder Verschärfung der Sicherheitsgesetze zu erkennen und nachträglich noch richtig zuzuordnen.

Die größten Risiken ging der unbekannteste Kandidat ein, Poisson, ein eher rechter Christdemokrat. Als einziger schwamm er gegen den konservativen Mainstream der sechs anderen, die den französischen Laizismus einsetzten, um den Islam als Fremdkörper und Störenfried in der französischen Gesellschaft darzustellen. „Der Laizismus garantiert die Freiheit der Religionsausübung, ohne Unterschied, die Religion kann sich auch in der Kleidung ausdrücken - ich werde nicht der Präsident sein, der eine Kleiderpolizei einführt“, wagte er in die Runde zu sagen.

Frankreich: Hollande redet sich um Kopf und Kragen

Frankreich

Hollande redet sich um Kopf und Kragen

In Frankreich erscheint ein neues Buch über François Hollande, geschrieben von zwei Journalisten. Es enthält Aussagen des Präsidenten, die auch von seinem schlimmsten Feind stammen könnten – oder von einem Kabarettisten.

Eilfertig hielt Sarkozy dagegen: „Der Burkini ist viel gefährlicher, als man denkt. Er verteufelt die Frau.“ Diesen Schwimmanzug will er verbieten, „und jeder Frau, die eine Burka trägt, werden sämtliche Sozialleistungen gestrichen“.

Juppé ist anderer Ansicht als Sarkozy, zog es aber am Donnerstag vor, sich bei diesem Thema zurückzuhalten. Das wirkte etwas ängstlich für jemanden, der so viel Erfahrung hat und klar in Führung liegt. Aber der 72-Jährige hat die Sorge, der harte Kern der Konservativen könnte ihn als zu liberal ansehen – da hält man lieber den Mund, wenn es brenzlig wird. Bei den Republikanern stehen schärfere Sicherheitsgesetze bis hin zur Schutzhaft für Gefährder und Druck auf Muslime hoch im Kurs.

In seinem Eingangsstatement suchte Juppé eine Balance zu halten zwischen Law and Order und Liberalität: Er wolle die „Autorität des Staates und die Würde des Amtes wiederherstellen“, sagte er einerseits und kündigte gleichzeitig an, Hürden für die Schaffung von Unternehmen und Arbeitsplätzen zu beseitigen. „Jeder Franzose soll gleiche Chancen haben, sein Leben zum Erfolg zu führen“, sagte Juppé.

Nur durch die deutlich jüngere Kosciusko-Morizet von Juppé getrennt, versuchte Sarkozy zweieinhalb Stunden lang, schon durch seine Körpersprache Entschlossenheit auszudrücken. Sehr ernst, die Lippen zusammengepresst, die Hände vor dem Bauch verschränkt, blickte er ständig starr geradeaus. Ab und zu wippte er auf den Fußspitzen.

Juppé dagegen stand lässig hinter seinem Pult und drehte sich zu seinen Mitdiskutanten. „Der politische Wechsel muss stark und schnell sein“, gab Sarkozy in einer Art Kommandoton von sich. Nur unter dieser Voraussetzung gebe es „eine Chance, gegen Frankreichs Abstieg zu kämpfen.“ Nicht gerade eine positive Botschaft.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

14.10.2016, 09:53 Uhr

 Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.http://www.handelsblatt.com/netiquette

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×