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21.05.2014

06:56 Uhr

TV-Duell der Spitzenkandidaten

Duschköpfe und Zukunftsfaulheit

VonChristian Bartels

Auf ihrer Europawahlkampf-Fernsehtour gastierten Martin Schulz und Jean-Claude Juncker nun auch in der ARD. Das war spannender als erwartet – wegen des Verzichts auf vorhersehbare Fernsehjournalisten-Fragen.

Wahlkämpfer Juncker (l.) und Schulz beim TV-Duell: Einmal mehr fehlten die Stimmen anderer Parteien. dpa

Wahlkämpfer Juncker (l.) und Schulz beim TV-Duell: Einmal mehr fehlten die Stimmen anderer Parteien.

BerlinWie Jean-Claude Juncker etwas gequält auf die erste Frage aus dem Publikum antwortete, was er denn von der Eurovision Song Contest-Gewinnerin Conchita Wurst hält, ließ für die ARD-„Wahlarena“ Schlimmes befürchten: dass die beiden Europawahl-Spitzenkandidaten sich erst routiniert für gute Fragen bedanken, wie es Martin Schulz gern tut, um anschließend erneut ihre schon in zahllosen Formaten des Medien-Wahlkampfs abgefragten Standards zu reproduzieren. Schließlich unterscheiden sich die Positionen der beiden in vielen Punkten gar nicht besonders. Das war erst vor anderthalb Wochen im ZDF zu sehen gewesen.

Genau wie ZDF und ORF hatte nun auch die ARD am Dienstagabend die Europawahl-Spitzenkandidaten der Konservativen und der Sozialdemokraten zum Wahlduell gebeten. Mit WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich und NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz führten ebenfalls eine Moderatorin und ein Moderator durch die Sendung. Anders als in der in Deutschland nur bei Phoenix gezeigten Eurovisions-Debatte, genau wie im ZDF, fehlten die Stimmen anderer Parteien.

Anspruchsvolle Fragen aus dem Publikum

Doch das Prinzip der ARD-Show war ein anderes: Sämtliche Fragen stellte das Studiopublikum live. Und gleich die zweite hatte es in sich. Es ging um europäische Energie-Abhängigkeit von Russland, und der gut informierte Fragesteller hakte gar noch mit einer präzisen Frage um einen Energieunion-Vorschlag des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk nach – einem Thema also, das auf der deutschen Agenda nicht weit oben steht. Der „Wahlarena“-Ansatz, nicht in einer vorab festgelegten Reihenfolge Themenfelder abzuhaken, vermochte den Fernsehwahlkampf zu beleben.

Konjunkturaussichten für die Euro-Länder

Spanien

Spanien könnte 2014 wieder um ein Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit soll jedoch mit 25,7 Prozent hoch bleiben. Das Haushaltsdefizit wird auf 5,8 Prozent der Wirtschaftsleistung geschätzt.

Frankreich

Frankreichs Wachstum dürfte 2014 mit 1,0 Prozent unter dem Durchschnitt der Euro-Zone bleiben. Die Arbeitslosigkeit soll auf elf Prozent steigen.

Griechenland

Die griechische Wirtschaft soll 2014 erstmals seit sechs Jahren wieder um 0,6 Prozent wachsen. Trotz der erwarteten Besserung dürfte die Arbeitslosigkeit mit 26 Prozent vergleichsweise hoch bleiben. Bei der Verschuldung werden 177 Prozent der Wirtschaftsleistung erwartet.

Italien

Italiens Wirtschaft soll 2014 um 0,6 Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit dürfte hingegen auf einen Rekord von 12,6 Prozent klettern. Der Schuldenstand bleibt hartnäckig hoch: 2015 soll er mit 132,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts leicht unter dem diesjährigen Niveau liegen.

Zypern

Um 4,8 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt einbrechen. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf den Rekordwert von 19,2 Prozent steigen.

Portugal

Für Portugal erwartet die EU-Kommission 2014 ein Wachstum von 0,8 Prozent. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 16,5 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen. Der Schuldenstand dürfte nach dem Rekordwert von 129,4 Prozent im vorigen Jahr bis 2015 wieder auf 125,8 Prozent zurückgehen.

Irland

Irlands Wirtschaft dürfte 2014 mit 1,8 Prozent deutlich stärker wachsen als der gesamte Währungsraum. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,2 Prozent fallen, nachdem sie 2013 noch bei 13,1 Prozent lag. Das Defizit soll 2015 auf 4,3 Prozent sinken.

Quelle

EU-Kommission

Aus dem gut 200-köpfigen, vom Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap als repräsentativ ausgewählten und in Hamburg vor Hafenhintergrund versammelten Publikum kamen Fragen von einer Länge und Komplexität, die Fernsehreporter sich kaum zutrauen würden. Schließlich wünschen die sich immer kurze Antworten. Gestern aber gab es Detailfragen zu Themen wie dem gesamteuropäischen Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen oder zum Beschaffungswesen im Verteidigungssektor, und auch solche, die in diesem Wahlkampf kaum gestellt werden, etwa nach Eurobonds, als gemeinsame Staatsanleihen der Euroländer. Viele Fragen wurden mit spürbarem Engagement formuliert, viele auch gut informiert. Vor allem kehrten einige Themenfelder immer wieder, insbesondere das europäisch-amerikanische Verhältnis im Licht des NSA-Skandals und des geplanten Freihandelsabkommens TTIP.

So konnten einigen Antworten durchaus überraschen. Auf die Eurobonds-Frage sagte etwa der SPD-Politiker Schulz, das Thema sei „erledigt“, da eine Mehrheit der Bürger dagegen sei und die SPD es daher in der Bundesregierung nicht habe „verankern“ können. Der Konservative Juncker dagegen hielt ein Plädoyer für Solidarität („Es ist nicht so, dass die Tugendhaften im Norden Europas sitzen und die Sünder im Süden“).

Kommentare (18)

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21.05.2014, 07:50 Uhr

Während Schulz wie immer aufgeregt und aktiv war, war Juncker dagegen seriös zurückhaltent mit leicht bissiger Satire. Die Fragen bis auf eine schon hundert mal in Talkshows durchgekaut. Allerdings war die Frage zu tausenden Lobbyisten die in Brüssel sitzen schon interessant. Hier
gibt es immer noch keine Transparenz wenn EU Politiker mit Lobbyisten sprechen. Das Schulz sich in seiner aufgeregten Manier gleich von allen Verdächtigungen frei sprach, war schon etwas merkwürdig.

Aber als Abschluss kann man sagen, beide lieben ihren Job über alles, nichts ist schöner in Europa Politiker zu sein, weit ab von Presse und Bürgern. Die Prügel stecken immer die Landespolitiker ein.

Ändern wird sich nichts in Europa. Schon die Aufnahme der Türkei die angestrebt wird... lässt einen gruseln.

Account gelöscht!

21.05.2014, 08:02 Uhr

Zum kotzen diese Schmierenkomödie....
Und die Schafe gehen auch noch zum wählen - in eine noch fortgeschrittenere Knechtschaft...
Die Masse der Menschen ist so naiv und armselig....

Account gelöscht!

21.05.2014, 08:20 Uhr

"Ich bin fast aus dem Sessel gekippt. Ist dafür vor kurzem nicht die Afd von nahezu allen mit den Schlagworten „rechtspopulistisch“ und „fremdenfeindlich“ in der Luft zerrissen worden? Und diese Wetterfahne zaubert das jetzt im letzten Moment aus dem Hut?"
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Das paßt doch voll in's Bild. Die Etablierten haben panische Angst davor, daß die Wähler aufwachen und Alternativen wählen, gleich welcher Art. Ergo macht man sich unmittelbar vor der Wahl VORÜBERGEHEND deren Argumente zu eigen.
Sie können sicher sein, daß NACH der Wahl wieder alles beim Alten ist und die Sozialfälle im Zehntausenderpack importiert werden, zumal von GrünSozen. Politiker sind nach eigenem Eingeständnis Lügner! Oder schon vergessen:

"Wenn es ernst wird, muß man lügen."
(Jean-Claude Juncker)

Da beschreibt einer sehr schön die Haupteigenschaft dieses "Berufsstandes".

Ansonsten verweise ich auf einen Artikel hier im Handelsblatt Online:

"Bereits seit 1991 genießen die Präsidenten der EU-Volksvertretung eine äußerst großzügige Sonderbehandlung. Sie erhalten für jeden Tag im Jahr eine Spesenpauschale, die derzeit 304 Euro beträgt - egal ob sie im Europaparlament sind, auf Dienstreisen => oder mit ihrer Familie Urlaub machen <=. Außerdem bekommen sie jeden Monat eine Zulage für ihre Residenz in Höhe von mehr als 3700 Euro und eine monatliche Repräsentationspauschale von 1418 Euro."
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http://www.handelsblatt.com/politik/international/ueppige-steuervorteile-spesenregelung-fuer-eu-abgeordnete-in-der-kritik/9889268.html

"Spesenpauschalen in Höhe von 304 Euro erhalten auch alle anderen Abgeordneten - allerdings nur für Tage, an denen sie nachweislich in Brüssel oder Straßburg anwesend sind."
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Beliebte Praxis: Sich freitags noch schnell registrieren lassen und kassieren, dann unmittelbar abreisen plus Reporter (Sch*** aber auch, erwischt!) übel abkanzeln, die darauf ansprechen.

Lügen und für's Nichtstun kassieren. Eine wahrhaft ehrenwerte Gesellschaft!

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