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16.04.2015

17:10 Uhr

TV-Fragestunde mit dem Kremlchef

Die große Putin-Show mal anders

VonMaxim Kireev

Sonst verkündet Russlands Präsident Wladimir Putin in seiner großen TV-Fragestunde die Reparatur von Wasserleitungen und verschenkt Prinzessinnenkleider. Doch diesmal geschah im Staatsfernsehen etwas Unerwartetes.

Der russische Präsident und der „Heiße Draht“: Mehr als drei Millionen Fragen seien im Vorfeld für den Kremlchef eingegangen. Reuters

Wladimir Putin

Der russische Präsident und der „Heiße Draht“: Mehr als drei Millionen Fragen seien im Vorfeld für den Kremlchef eingegangen.

MoskauEs sollte nicht weniger als das Ereignis des Tages sein, sagten die Fernsehmoderatoren fast parallel auf den beiden großen russischen Staatssendern. Mehr als drei Millionen Fragen seien für den Präsidenten im Callcenter eingegangen, auch per MMS und Videobotschaft. Es seien nur noch wenige Minuten bis zum Auftritt des Präsidenten. Die Spannung steige. Schon im vergangenen Jahr hatten mehr als die Hälfte aller Fernsehzuschauer zugeschaut, wie Wladimir Putin Dutzende der Fragen beantwortete.

Doch wenn der Kremlchef mit festem Schritt und zu dramatischer Musik vor die Fernsehkameras tritt, dann ist tatsächlich selten die Stunde für Überraschungen. Insbesondere, wenn es um seine jährliche Fragestunde mit dem Volk geht. Dann präsentiert Putin sich als der große Problemlöser, lässt in fernen Dörfern Wasserleitungen reparieren oder verschenkt Prinzessinnenkleider an junge Mädchen in der Provinz. Die Journalisten und Fragesteller im Studio treten meist als bequeme Sparringspartner auf.

Wladimir Putin über...

... mögliche Militäraktionen in der Ukraine:

„Russland erwägt keinen Anschluss der Krim.“

„Was den Einsatz von Streitkräften angeht: Bisher gibt es eine solche Notwendigkeit nicht.“

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“

„Meine Entscheidung über einen Militäreinsatz in der Ukraine wird völkerrechtlich legitim sein.“

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“

... Sanktionsforderungen

„Drohungen an die Adresse Russlands sind kontraproduktiv und schädlich.“

... den G8-Gipfel in Sotschi:

„Wenn die anderen nicht anreisen wollen, müssen sie das nicht tun.“

... über den Sturz Janukowitschs:

„Janukowitsch bleibt gesetzmäßiger Präsident der Ukraine. Er wurde in einem ungesetzlichen Verfahren seines Amtes enthoben.“

„In der Ukraine hat es einen verfassungswidrigen Umsturz und eine bewaffnete Machtergreifung gegeben.“

„Ich denke, er hat keine politische Zukunft mehr.“

„Janukowitsch ist wohlauf und wird sich noch bei der Beerdigung derjenigen erkälten, die ihm jetzt Böses wünschen.“

(Putin über Medienberichte, der entmachtete ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch sei tot)

... die US-amerikanische Ukraine-Politik:

„Ich habe manchmal den Eindruck, dass hinter dem großen Teich eine Art Laborant in Amerika sitzt und Experimente macht, wie mit Ratten, ohne die Folgen seines Handelns zu begreifen.“

Auch diesmal haben viele erwartet, dass Putin seinen „Heißen Draht“, den die beiden Staatssender parallel übertragen, dazu nutzen wird, um sich als Retter in der Not zu präsentieren. Doch die Sendung läuft gerade erst einige Minuten, als die Millionen Zuschauer etwas erleben, was im Russlands staatsorientierter Fernsehlandschaft eigentlich nicht stattfindet.

Putin war gerade dabei, über angebliche Erfolge beim Krisenmanagement zu referieren, etwa, dass die Wirtschaft im jüngsten Quartal nicht geschrumpft sei. Doch Plötzlich kontert der sonst zahme Moderator Kirill Klejmenow: „Ihre Statistiken klingen gut, doch in der Realität sieht alles weniger rosig aus.“ Auch der Grund für den steigenden Rubel liege kaum am Krisenmanagement, so der Journalist, sondern am wieder steigenden Ölpreis und am extrem hohen Leitzins.

Warum Wladimir Putin niemals krank sein darf

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Ein Seitenhieb, den Putin erwartet hat? Putin reagierte verschnupft: „Sie haben mir wohl nicht genau zugehört. Ich habe sehr wohl erwähnt, dass es Probleme gibt, wenn auch geringer als erwartet.“ Tatsächlich weiß derzeit wohl keiner, was in Russlands Fernsehen geplant und was spontan abläuft. Bereits 2009 hatten Studenten Vorwürfe gegen das Staatsfernsehen erhoben, ihnen vorgefertigte Fragen im Vorfeld einer solchen Sendung gegeben zu haben.

Kommentare (6)

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Herr mathias müller

16.04.2015, 18:12 Uhr

Was die Fragenstellung angeht

Es ist Hierzulande nicht anders! Der/Die Befragte muss sich doch auf die Fragen
vorbereiten. Oder doch auswendig lernen?
Wofür haben wir sonst Sekretäre u.a ??

Herr Heinz Keizer

16.04.2015, 18:19 Uhr

Fernsehshows sind hier Shows und in Russland. Da erwartet ja wohl keiner ernsthaft Neutralität. Die erwarte ich aber in Nachrichtensendungen und da ist sie auch bei uns keineswegs immer gegeben.

Sergio Puntila

16.04.2015, 19:14 Uhr

Putin erkennt zusehends, was embedded journalism im Westen auch nicht zu leisten vermag: Probleme zu lösen.

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