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24.07.2014

08:52 Uhr

TV Kritik

Flugzeugabschuss „ein wirklich dummes Versehen“

VonChristian Bartels

Anne Wills Talkshow zur Lage in der Ostukraine war nicht leicht zu ertragen. Nicht, weil die Diskussion langweilte, sondern weil die ganze Hoffnungslosigkeit eines kriegerischen Konflikts in Europa zutage trat.

An der Absturzstelle: Wrackteile des malaysischen Passagierflugzeugs MH17. AFP

An der Absturzstelle: Wrackteile des malaysischen Passagierflugzeugs MH17.

Im Jahr 2014 wird so häufig an den Beginn des Ersten Weltkriegs erinnert, dass sich manchmal Fragen aufdrängen wie die, ob alles genau so gekommen wäre, wenn es vor 100 Jahren die Medien der Gegenwart gegeben hätte. Hätten Vertreter Österreich-Ungarns und Serbiens in Talkshows über Schuldige und Konsequenzen des Attentats in Sarajewo diskutiert?

Jedenfalls saßen am späten Mittwochabend, im Anschluss an eine Sondersendung über den „Todesflug MH17 – Europas Tragödie“, ein Gesandter an der russischen Botschaft in Berlin, Oleg Krasnitskiy, und Vasyl Khymynets, der Leiter ukrainischen Botschaft – nachdem der bisherige Botschafter Pawlo Klimkin im Juni zum Außenminister berufen worden war – nebeneinander in Anne Wills Talkshow. Die beiden tauschten mit jeweils osteuropäischem Akzent ihre Ansichten über die Verantwortung für den Abschuss aus. Was sie sagten, war so wenig überraschend wie das, was die deutschen Gäste äußerten. Dennoch war es aufschlussreiches Fernsehen.

Zunächst nannte der Russe Krasnitskiy den Abschuss eine „Trägodie“, die ohne alle Vorurteile aufgeklärt werden müsse. Er kritisierte, dass schon am Tag der Katastrophe viele gewusst haben wollen, wer schuld sei.

Anschließend sah der Ukrainer Khymynets die Verantwortung außer bei denen, „die auf den Knopf gedrückt haben“, auch bei denen, die „die Waffe zur Verfügung gestellt“ hatten, also bei Russland. Inzwischen verdienten die Separatisten „Terroristen“ genannt zu werden, sagte er, und: Russland wolle „Rache“ dafür nehmen, dass „das ukrainische Volk den Weg in die europäische Familie gewählt“ hat.

Die Russland-Geschäfte deutscher Konzerne

Eon

Der größte deutsche Energiekonzern hat seit 2007 rund sechs Milliarden Euro in den russischen Strommarkt investiert. Er hält knapp 84 Prozent an dem Kraftwerksbetreiber E.ON Rossiya OAO. Der Anteil des russischen Stromgeschäfts am Umsatz lag 2013 bei 1,5 Prozent und am operativen Gewinn bei gut sieben Prozent. E.ON beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter in Russland. Der Versorger bezieht zudem 30 bis 40 Prozent seines Erdgases von dort. Die Düsseldorfer sind auch mit 25 Prozent an dem sibirischen Gasfeld Juschno Russkoje beteiligt und mit 15,5 Prozent an der Ostsee-Pipeline, durch die Gas - an der Ukraine vorbei - von Russland nach Deutschland fließt. Die Mehrheit an beiden Projekten hält der russische Gazprom -Konzern.

BASF

Der weltgrößte Chemiekonzern ist vor allem in seinem Öl- und Gasgeschäft kräftig in Russland engagiert. So ist der Konzern mit seiner Tochter Wintershall am Gas-Projekt ZAO Achimgaz, einem Joint Venture mit Gazprom, zu 50 Prozent beteiligt. ZAO Achimgaz produziert in Sibirien etwa 3.500 Kilometer nordöstlich von Moskau Erdgas. Ferner ist Wintershall über die Gesellschaft OAO Severneftegazprom nach eigenen Angaben mit insgesamt 35 Prozent an der Ausbeutung des sibirischen Gasfeldes Juschno-Russkoje beteiligt. Zusammen mit einer Tochter des russischen Erdölproduzenten Lukoil betreibt Wintershall zudem das Gemeinschaftsunternehmen Wolgodeminoil zur Förderung von Erdöl. Die BASF-Tochter hält daran 50 Prozent.

Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn ist im Schienenverkehr sowie im Logistik-Geschäft mit insgesamt fünf Unternehmen in Russland vertreten: Vier davon sind 100-Prozent-Beteiligungen. An einer weiteren Firma, die Schienentransporte quer durch Russland von China nach Deutschland organisiert, hält die Bahn einen Anteil von gut einem Drittel. Es ist ein Gemeinschaftsunternehmen unter anderem mit der russischen Staatsbahn RZD. Bahnchef Rüdiger Grube hatte das Geschäftsvolumen in Russland zuletzt mit rund 250 Millionen Euro beziffert.

Daimler

Der Autokonzern ist zusammen mit der Entwicklungsbank EBRD mit 15 Prozent an dem russischen Lkw-Bauer Kamaz KMAZ.MM beteiligt. Die Stuttgarter lassen in zwei Gemeinschaftsunternehmen in dem Land Lastwagen der Marken Mercedes-Benz und Fuso montieren, die besonders robust und damit an die dortigen Straßenverhältnisse angepasst sind. Im abgelaufenen Jahr wurden 5600 Lkw der beiden Marken in Russland ausgeliefert. Etwa die Hälfte davon wurde vor Ort gebaut, der Rest aus Deutschland importiert.

Metro

Russland ist für den Handelsriesen mit einem Jahresumsatz von rund 4,3 Milliarden Euro und 22.000 Mitarbeitern der wichtigste Auslandsmarkt. Der Konzern betreibt dort 73 Cash&Carry-Märkte und 57 Media-Saturn-Filialen. Den Börsengang seines russischen Großmarktgeschäfts hatte Metro im März wegen der Ukraine-Krise auf Eis gelegt.

Henkel

Für den Konsumgüterkonzern ist Russland der weltweit viertgrößte Markt. Der Hersteller von Persil und Pritt hatte dort 2013 rund eine Milliarde Euro Umsatz erzielt. Die Ukraine zählt zu den zehn wichtigsten Wachstumsmärkten Henkels. Im ersten Quartal war Henkel trotz der politischen Unruhen währungsbereinigt in Russland "im mittleren einstelligen Prozentbereich gewachsen" und in der Ukraine "ganz leicht" geschrumpft.

Adidas

Für den Sportausrüster ist Russland einer der wichtigsten Wachstumsmärkte. Infolge der Ukraine-Krise hat dem Konzern bisher vor allem der Verfall des Rubel zu schaffen gemacht. Schuhe und Kleidung mit den drei Streifen, die in Russland seit Sowjetzeiten etabliert sind, waren dort weiter gefragt. Adidas ist in Russland Marktführer.

An dieser Stelle wurde deutlich, dass Fragen, die in vielen Diskussionen um die Ukraine mitschwingen, auch bei Anne Will nicht ausdrücklich gestellt wurden: ob die Europäische Union die Ukraine als Mitgliedsstaat aufnehmen würde, ob eine Nato-Mitgliedschaft in Frage käme und sinnvoll wäre.

„Welche Verantwortung hat Putin?“, lautete der Sendungstitel, und Moderatorin Will trug der unnötigen Personalisierung mit beharrlichen Fragen wie „Trägt Ihr Präsident gar keine Verantwortung?“ Rechnung. Krasnitskiy wollte erwartungsgemäß gar keine Verantwortung bei Russland sehen. Will bemühte sich mit kritischen Fragen, an Khymynets etwa zur in der Ukraine beschlossenen Teilmobilmachung, aber doch um überparteiliches Moderieren.

Kommentare (8)

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Sergio Puntila

24.07.2014, 09:26 Uhr

Unerträglich war der inzwischen nur zu gewohnte Schlagabtausch zwischen einem Vertreter der Ukraine un einem Vertreter Russlands allemal.

Man hat tatsächlich mitunter den Eindruck, als könne es der "Schoß der europäischen Familie" nicht abwarten, die säumigen Zahler und hochverschuldeten Edeldemokraten, die gerade in Kiev ihre Vorstellungen einer demokratisch legitimierten und demokratisch agierenden Regierung geben, die Ukraine dem Gesamtschuldenkonvolut der EU anzugliedern.
Meinungsverschiedenheiten dazu: Tabu im Rahmen der Staatsräson.

Vergleichbar allerdings wirken schmallippig vorgetragene Bemerkungen zu als Hinhaltetaktik begriffenen Positionen Russlands.

Beide Positionen indes zeigen, auf welch schwierigem Terrain sich Vermittler da empfinden könnten.

Für die Weltgemeinschaft springt dabei überdies noch das Wort erbärmlich heraus, diesem Treiben nicht mit der gebotenen Entschiedenheit entgegenzutreten.

Herr Jürgen Dannenberg

24.07.2014, 10:07 Uhr

„ein wirklich dummes Versehen“ eine Petitesse vielleicht? Das war Massenmord. Wenn auch vielleicht nicht gewollt.
Aber die deutsche Bevölkerung ist so was von brutal abgestumpft das es auf keine Kuhhaut mehr geht.
Die große Betroffenheit würde erreicht sein, wenn sabbernde Töllen nicht mit in einem Lokal dürfen.

Herr Timur Andre

24.07.2014, 10:32 Uhr

Nicht das erste mal, nur damals war es die USA, der Kapitaen erhielt dann auch noch eine Auszeichnung

Iran-Air-Flug 655 (IR655) war ein Linienflug der Iran Air von Teheran über Bandar Abbas, Iran nach Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Am 3. Juli 1988 wurde diese Route von einem Airbus A300B2 mit der Kennnummer EP-IBU geflogen. Die Maschine wurde auf der zweiten Teilstrecke des Fluges über dem Persischen Golf nahe Qeschm vom US-Kriegsschiff USS Vincennes (CG-49) abgeschossen, wobei alle 290 Menschen an Bord getötet wurden. Nach Angaben der US-Regierung war das Flugzeug von der Schiffscrew als eine angreifende, feindliche F-14 Tomcat identifiziert worden.

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