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03.03.2014

06:49 Uhr

TV-Kritik Günther Jauch

„Die Ukraine liegt näher als Mallorca“

VonChristian Bartels

Günther Jauch diskutierte die Kriegsgefahr auf der Krim mit Marina Weisband und einem ähnlich eloquenten Russen. Es gelang ein sachlicher Austausch von Argumenten. Die Kritik der Runde galt nicht nur Wladimir Putin.

Pro-europäische Demonstranten in Kiew: „Russland bricht das Völkerrecht". ap

Pro-europäische Demonstranten in Kiew: „Russland bricht das Völkerrecht".

Berlin„Gibt es jetzt Krieg?“ – so eine Frage darf sich eine aktuelle Talkshow natürlich nicht entgehen lassen. Insofern hatte Günther Jauchs Redaktion am Sonntag das Thema „Armes Deutschland, reiches Deutschland – Wie ungerecht ist das Geld verteilt?“ kurzfristig abgesagt zugunsten einer Diskussion über die Lage auf der Halbinsel Krim. Das letzte Mal wurde eine ähnliche Frage, wenngleich nicht Europa betreffend, im August bei Anne Will betalkt. Damals ging es um Syrien. Was dort anschließend geschah, könnte in der Ukraine auch drohen: ein Bürgerkrieg.

Das insbesondere würde in Kiew befürchtet, sagte die gebürtige Ukrainerin Marina Weisband. Damit eröffnete die talkshowerfahrene Piratenpolitikerin einen besonnenen Austausch scharfer Argumente. Jauch, der nicht übermäßig tief im Thema steckte, streute manchmal selten beachtete Fakten ein wie den, dass die Ukraine näher an Deutschland liegt als Athen oder Mallorca. Vor allem ließ er, anders als häufig, seine gut ausgewählten

Gäste immer wieder direkt miteinander sprechen. So konnte ein differenziertes Bild eines komplexen Konflikts entstehen.

Beziehungsweise von zwei Konflikten, wie es Wolfgang Ischinger, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, formulierte. Es gebe einen in der Ukraine und einen um die Ukraine.

Was den internationalen Konflikt angeht, gab es sowohl Kritik an vielen Akteuren als auch durchaus konkrete Lösungsvorschläge. Kritik galt natürlich Kremlchef Wladimir Putin. Wenn der Duma-Beschluss zur Intervention in der Ukraine umgesetzt werde, „begeht Russland einen Völkerrechtsbruch“, brachte Ischinger auf den Punkt. Kritik galt aber auch der Europäischen Union. „Die Art und Weise, wie die EU das Assoziationsabkommen verhandelt wurde, war fahrlässig“, beklagte die ehemalige Moskau-Korrespondentin der „FAZ“ und jetzige „Spiegel“-Journalistin, Christiane Hoffmann. Die EU habe die Ukraine behandelt wie Island und die enorme Bedeutung des Landes für die russische Westpolitik nicht berücksichtigt, meinte Ischinger.

Die Halbinsel Krim

Lage und Verwaltung

Die Halbinsel am Schwarzen Meer umfasst eine Fläche von 26.000 Quadratkilometer. Sie ist unterteilt in die Autonome Republik Krim und den Stadtbezirk Sewastopol, der direkt der ukrainischen Zentralregierung untersteht. 1991 hatten die Bewohner der Krim mehrheitlich für die Autonomie innerhalb der Ukraine gestimmt.

Bevölkerung

Knapp zwei Millionen Menschen leben auf der Halbinsel. Mit fast 60 Prozent stellen russische Staatsbürger den größten Bevölkerungsanteil. 24 Prozent der Einwohner sind Ukrainer, zwölf Prozent Krimtataren. Zu den weiteren Bevölkerungsgruppen gehören unter anderem Krimdeutsche, Weißrussen und Polen. Die Amtssprache ist Ukrainisch. Russisch und Krimtatarisch sind anerkannte Sprachen. In einer Volkszählung gaben 2001 fast 80 Prozent der Bevölkerung Russisch als Muttersprache an.

Strategische Bedeutung

Strategisch ist die Krim von besonderer Bedeutung, weil in Sewastopol die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist. 1997 handelten Russland und die Ukraine einen Freundschaftsvertrag aus, der die Stationierung der russischen Flotte bis 2017 festschrieb. Der Pachtvertrag wurde im Jahr 2010 bis 2042 verlängert.

Wirtschaft

Wichtige Wirtschaftszweige sind die Landwirtschaft, chemische und petrochemische Industrie, Schwerindustrie und der Tourismus.

Sie habe „Kolonialpolitik“ treiben wollen, sagte Ivan Rodionov. Der russische Journalist arbeitet als Chefredakteur einer in Berlin ansässigen, zum staatlich finanzierten Sender „Russia Today“ gehörenden Fernsehagentur. Er beklagte wiederholt „Versimpelungen“ in der deutschen Berichterstattung. So gelte der gestürzte Präsident Janukowitsch erst, seitdem er das EU-Abkommen verweigerte, als „prorussisch“, habe dabei vorher einen „Gaskrieg“ gegen Russland geführt.

Weitere Kritik galt dem Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Auflagen, die er der Ukraine für Finanzhilfen macht. Der Fonds denke „völlig apolitisch“, kritisierte der Linken-Politiker Gregor Gysi: „Wir brauchen in der Ukraine jetzt keine Sparpolitik wie in Griechenland“. „Wirtschaftliche Gesundung und politische Stabilisierung zusammen“ seien dort kaum möglich, befürchtete Hoffmann. Ebenfalls Kritik galt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Das von diesem ausgehandelte Abkommen „galt schon am Abend nicht mehr“, bemerkte Gysi. Es gab keinen Widerspruch, auch weil – tatsächlich bemerkenswert – kein Vertreter der Regierungsparteien im Studio saß.

Kommentare (24)

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03.03.2014, 08:36 Uhr

Ich freue mich, dass die russische Oligarchie mit fallenden Kursen in ihren Depots und Währungskonten den Preis für die illegalen militärischen Aktionen ihres Schutzherren bezahlt:
Die Furcht der Anleger vor einem militärischen Konflikt mit der Ukraine um die Krim hat die russischen Börsen am Montag auf Talfahrt geschickt. Dollar und Euro verteuerten sich in der Spitze um jeweils mehr als drei Prozent und waren mit 37 und 51,20 Rubel so teuer wie noch nie. Die russische Zentralbank hob daraufhin den Leitzins auf sieben von 5,5 Prozent an.
Russische Aktien warfen Investoren ebenfalls in hohem Bogen aus ihren Depots. Der Moskauer Micex, dessen Werte in Rubel notiert werden, fiel um bis zu 8,6 Prozent auf ein Acht-Monats-Tief von 1319,37 Punkten. Der RTS, in dem in Dollar notierte Aktienwerte zusammengefasst sind, brach sogar um bis zu zehn Prozent ein. Das ist der größte Tagesverlust seit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Mit 1139,12 Zählern lag der RTS am Montag auf dem niedrigsten Stand seit September 2009.

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03.03.2014, 08:44 Uhr

Was haben Sie erwartet? Dass die angelsächsisch geprägte Hochfinanz die Füße still hält in diesem unerklärten Krieg? Da wird aus allen (legal erscheinenden) Rohren gefeuert, um seine Vorherrschaft zu verteidigen und auszubauen. Man geht aufs Ganze!

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03.03.2014, 08:50 Uhr

Es gab einmal ein Land, dessen Alleinherrscher eine Olympiade abhielt, um sein Regime der Welt von der schönsten Seite zu zeigen. Wenig später wurde ein demokratisches Nachbarland mit einer regionalen ethnischen Minderheit von dem Alleinherrscher unter dem Vorwand, die Volksgenossen unter Schutz stellen zu wollen, attackiert. Zurück zu alter Größe gab der Alleinherrscher vor, sein Land führen zu wollen. Wer mit der Politik des Alleinherrschers nicht einverstanden war, wurde ins lager gesperrt. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

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