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04.05.2012

10:29 Uhr

TV-Kritik

„Man darf den Sport nicht als Waffe benutzen“

VonGabriela M. Keller

Seltene Eintracht bei Maybrit Illner: Die Fußball-EM soll in der Ukraine bleiben - trotz Julia Timoschenko. Wolfgang Bosbach sorgte mit einer überraschend ehrlichen Antwort für einen sehenswerten Moment.

Die Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine und Polen ist zum Politikum geworden. dapd

Die Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine und Polen ist zum Politikum geworden.

BerlinWiktor Janukowitsch hat allen die Fußball-Europameisterschaft verdorben. Sämtliche 27 Mitglieder der EU-Kommission haben sich nun entschlossen, dem Turnier fern zu bleiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel erwägt öffentlich, lieber nicht in die Ukraine zu fahren. Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen sowie SPD-Chef Sigmar Gabriel zählen zu denen, für die ein Besuch der Spiele nun nicht mehr in Frage kommt. „Ich weiß gar nicht, warum Sigmar Gabriel da sein müsste“, wundert sich der Oliver Pocher. Dieser simple Satz, den der TV-Moderator und Unterhaltungskünstler etwas ironisch bei Maybrit Illner daher sagte, fasst ziemlich gut zusammen, in welches Dilemma die Fußball-EM die Politiker bringt.

Wann immer es dieser Tage um Fußball geht, dann geht es auch um Menschenrechte. Vor allem aber geht es um das Schicksal der inhaftierten früheren Premierministerin Julia Timoschenko, die an einem chronischen Bandscheibenvorfall leidet und wegen angeblich schlechter Behandlung in den Hungerstreik getreten ist.

Präsident Janukowitsch und seine Gefolgsleute wollten eigentlich nur eine führende Oppositionelle ausschalten. Doch ihre Verhaftung erweist sich jetzt als Eigentor. Die Bilder der schwer kranken Frau gehen um die Welt. Die EM ist mit einem Mal ein Politikum. Und so sagen inzwischen auch Politiker ihren Besuch ab, die man gar nicht erwartet hatte. Denn je lauter die Boykott-Rufe werden, umso klarer ist: Wer sich die Spiele vor Ort anschaut, lässt Julia Timoschenko im Stich. „Rote Karte für Kiew – Darf man in der Ukraine einfach so Fußball spielen?“, fragte Maybrit Illner daher in dieser Woche.

So viel in den vergangenen Tagen über dieses Thema geredet worden ist, so wenig hatten Maybrit Illners Gäste dazu zu sagen. Etwa nach der Hälfte der Sendezeit hatten alle ihre Argumente vortragen und hätten eigentlich nach Hause gehen können. Das lag nicht unbedingt an den Eingeladenen. Tatsächlich machte die Show deutlich, dass die Meinungen gar nicht so weit auseinander liegen. Unterschiede gab es nur hinsichtlich des jeweiligen Blickwinkels und der graduellen Ausprägung der Aufregung über die fehlende Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine.

Vor allem in den folgenden beiden Punkt waren sich alle einig: Erstens: Die Fußball-EM kann ein guter Anlass sein, um auf eine Demokratisierung zu drängen. Zweitens:  Es wäre kontraproduktiv, die Spiele in ein anderes Land zu verlegen. Damit würde man eine Chance verspielen, Einfluss auf die Politik in der Ukraine zu nehmen. Am eindringlichsten warnte der frühere Profi-Schwimmer Klaus Steinbach vor einem Boykott: „Man darf den Sport nicht als Waffe benutzen.“ Steinbach weiß, wovon er spricht. Er selbst durfte 1980 nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teilnehmen. Letztlich aber, meinte er, hätten Sport-Boykotte bisher nirgends positive Veränderungen bewirkt.

Kommentare (10)

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svebes

04.05.2012, 10:17 Uhr

jetzt freut man sich schon wenn ein Politiker mal ausspricht was eh jeder weiss. Ok, Herr Bosbach das ist gut - aber sollte Normalität sein. Die Ukraine hat seltene Erden, etc. da wird jetzt ein wenig für die Galerie aufgeheult und dann gehts weiter. FIFA & UEFA & Olympisches Komitee sind ja strukturell mindestens so korrupt wie die Ukraine, da gibts keine Probs zu erwarten. Timotchenko und Konsorten gehörten auch nicht gerade zu den Feinen im Umgang mit Kritikern. Das ist in diesen Ländern noch Usus und da sollte man sich jetzt nicht plötzlich erstaunt zeigen. Aber macht nix, die Ukraine passt sicher auch noch, nach Ansicht der EU-Diktatoren in die EU.

HansWurst

04.05.2012, 10:33 Uhr

Kompletter Unfug der hier getrieben wird. Timotchenko hat auch Dreck am Stecken und war wenig zimperlich. There's room for improvement, aber den gibt es auch in Russland und v.a. in Weißrussland, China und und... Wenn, dann bitte auch konsequent sein.

hajohans

04.05.2012, 11:13 Uhr

Die Ukrainer haben falsch gewaehlt und der Westen verteidigt seine Kandidatin. Und wo kaemen wir hin, wenn
Regierende zukuenftig strafrechtlich belangt wuerden!
Im uebrigen sehe ich keine Veranlassung unsere Regierenden
und noch weniger die aus Bruessel auf Staatskosten zu
einer Sportveranstaltung reisen zu lassen.

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