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16.02.2011

19:55 Uhr

TV-Sender

Wie Al Jazeera Mubarak stürzte

VonMartin Gehlen

Auch Unterdrückung konnte die Berichterstattung nicht verhindern. Nie zuvor ist eine Revolution so umfassend live in den Medien verfolgt worden wie der Wandel in Ägypten. An vorderster Front: der TV-Sender Al Jazeera.

Menschenmassen feiern den Rücktritt von Ägyptens Präsident Mubarak: Al Jazeera war stets live dabei. Quelle: dpa

Menschenmassen feiern den Rücktritt von Ägyptens Präsident Mubarak: Al Jazeera war stets live dabei.

KairoBis zuletzt spielte Mubaraks Regime mit harten Bandagen. Erst entzog es Al Jazeera die Sendelizenz und machte gezielt Jagd auf seine Reporter. Dann steckte man Büroleiter Abdel Fattah Fayed hinter Gitter. Und schließlich wurde noch das Studio von staatlichen Schlägern komplett verwüstet. Und trotzdem - der populäre Sender ließ sich einfach nicht zum Schweigen bringen. Vom ersten bis zum letzten Tag des Umsturzes in Ägypten blieb er auf Sendung - und produzierte damit die erste live übertragene Revolution in der Weltgeschichte. Ohne Unterbrechung gab es Bilder vom Tahrir-Platz - zuletzt gedreht mit kleinen Handkameras und per Handy kommentiert.

"Wir haben die Bilder vom Fall der Mauer gesehen, das Niederreißen der Statue von Saddam Hussein, Handyvideos des Massenaufstands im Iran, aber nie zuvor von den Balkonen eines Hochhauses herunter Live-Aufnahmen rund um die Uhr von einem solchen weltgeschichtlichen Umbruch", schreibt die Kairoer Politologin Sheila Carapico in der Zeitschrift "Foreign Affairs".

Für Ägypten, genauso wie zuvor in Tunesien oder jetzt in Bahrain, Jemen, Kuwait und Jordanien ist der in Qatar ansässige Sender die wichtigste Informationsquelle der Bevölkerung über die dramatischen Ereignisse im eigenen Land. Fünf Tage hatte das Regime am Nil das Internet komplett lahm gelegt. Mit geballter Propaganda versuchten die staatlichen Sender "Al Masria" und "Nile TV", die Demonstranten mal als radikale Islamisten, mal als vom Ausland gesteuerte Agenten zu denunzieren.

Wie am Nil ballen alle Potentaten in der arabischen Welt inzwischen die Fäuste in der Tasche. Kuwait und Marokko ließen die Büros schließen und zogen alle Akkreditierungen ein, "wegen zahlloser Verstöße gegen die Regeln eines seriösen und verantwortungsvollen Journalismus", wie es in Rabat zur Begründung hieß. Algerien verweigert den Teams seit Wochen die Pressevisa. Und Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh appellierte an den Emir von Qatar, beim Sender zu intervenieren "um die Lage zu beruhigen und um dessen Provokationen, Verdrehung der Fakten und Übertreibungen" zu unterbinden.

Doch Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, der vor kurzem erst die Fußballweltmeisterschaft 2022 für seine ölreiche Halbinsel sichern konnte, deckt dem Sender weiter eisern den Rücken, den er weitgehend aus seiner eigenen Tasche finanziert. 1996 gegründet hat Al Jazeera die politische Berichterstattung in der arabischen Welt revolutioniert. Vorbild für die Gründer war seinerzeit die britische BBC. Zunächst in arabischer Sprache kam 2006 auch ein englisches Programm hinzu, das vor allem in Afrika und Asien die öffentliche Meinung stark beeinflusst.

In der arabischen Welt ist der Sender inzwischen zusammen mit Al Arabiya aus Dubai unbestrittener Platzhirsch, für die Protestierer in Tunis, Kairo, Sanaa und Manama eine Art weltweites Megaphon für ihre politischen Forderungen.

Trotz massiver staatlicher Zensur konnte Al Jazeera nicht zuletzt deshalb weiter aus Ägypten senden, weil ein Team in Doha das Programm systematisch mit Amateurvideos aus Youtube und Facebook ergänzte. Gerade diese kontinuierliche Berichterstattung auch in der Nacht, die Sender wie CNN oder BBC nicht machten, habe den Demonstranten "ein gewisses Momentum" gegeben, räumte Al Jazeeras Generaldirektor Wadah Khanfar in einer ersten Bilanz gegenüber der "New York Times" ein.

Er sprach sogar von einem neuen Ökosystem, das zwischen herkömmlichen und neuen Medien entstanden sei. "Beide stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich". Als seine Korrespondenten in Ägypten sich vor den staatlichen Häschern verstecken mussten, "hatten wir plötzlich tausende Korrespondenten unter den Aktivisten".

Kommentare (1)

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Pendler

21.08.2011, 10:14 Uhr

Die armen Islamisten können einem echt schon leid tun. Haben sie doch schon gedacht, sie könnten dem Westen das Licht abdrehen, aber dann kommt die Obama Administration und veröffentlicht über Wikileads die korrupten Schweinereinen der der arabischen Oberhäuptlinge und schon brodelt es im arabischen Lager.

Ein tunesischer Kollege hat uns derzeit hautnah über die Anfänge der arabischen Revolte berichtet. Es begann mit Wikileads, was von auch in Tuinesien von den Studenten und Professoren "aufgesogen" wurde. Und von den Hochschulen gingt die Wut auf das Volk über.

Echt genial,. wie die USA das hin bekommen haben.

Verschleiern sich die Muslim Frauen eigentlich aus Scham?

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