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01.09.2015

01:25 Uhr

Überfüllte Züge in Budapest und Wien

Ungarn reicht die Flüchtlinge an den Westen weiter

Hunderte Migranten sind in überfüllten Zügen gen Westen aufgebrochen. Die ungarische Polizei hatte sie gewähren lassen. Während immer mehr Flüchtlinge in Deutschland und Österreich ankommen, kocht die Debatte hoch.

Unmenschliche Zustände in Ungarn

Flüchtling: „Wir durften nichts machen, wie im Gefängnis“

Unmenschliche Zustände in Ungarn: Flüchtling: „Wir durften nichts machen, wie im Gefängnis“

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Budapest/Wien/RosenheimHunderte Flüchtlinge sind am Montagabend und in der Nacht zum Dienstag mit Zügen aus Ungarn und Österreich nach Bayern gekommen. Zuvor hatte die ungarische Polizei am größten Budapester Bahnhof überraschend aufgehört, Flüchtlinge am Besteigen der Züge Richtung Westen zu hindern.

Im ersten der Züge waren am Abend rund 400 Flüchtlinge. In Rosenheim stoppte die Bundespolizei ihn und brachte 190 der Flüchtlinge zur Registrierung in eine ehemalige Kaserne. Etwa 200 weitere konnten nach München weiterreisen. Sie wurden nach der Ankunft in einer Nebenhalle registriert. Am Abend erreichten noch weitere Züge mit Flüchtlingen den Münchner Hauptbahnhof.

Die Stimmung am Bahnhof sei „ruhig“ bis „euphorisch“ gewesen, sagte ein Sprecher. Viele Flüchtlinge hätten bei ihrer Ankunft „Thank you, Germany“ oder „We love you, Germany“ gerufen. Auch Bürger waren vor Ort und begrüßten die Flüchtlinge mit Wasser und Lebensmitteln.

Die Polizei schätzte, dass bis Mitternacht zwischen 500 und 600 Flüchtlinge in München angekommen sind. Einige seien direkt registriert worden, andere wurden mit Bussen in Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht. Ob in der Nacht noch weitere Regionalzüge mit Flüchtlingen eintreffen, war zunächst unklar.

Die Aufhebung polizeilicher Kontrollen am Budapester Ostbahnhof hat Hunderten Flüchtlingen die ersehnte Weiterfahrt von Ungarn nach Österreich und Deutschland ermöglicht. Nach dem überraschenden Rückzug der Polizei vom größten Bahnhof der Stadt stürmten die Menschen Züge Richtung Wien und München. Am Abend kamen die ersten der rund 400 Flüchtlinge aus Budapest per Bahn in Bayern an.

In Rosenheim stoppte die Bundespolizei den Zug und brachte 190 der Flüchtlinge zur Registrierung in eine ehemalige Kaserne. Etwa 200 weitere konnten nach München weiterreisen. Die Polizei nahm sie dort in Empfang und führte sie zur Registrierung in eine Nebenhalle. Passanten verteilten spontan Wasserflaschen und Süßigkeiten an die Neuankömmlinge.

„Wer nach Ungarn kommt, muss sich dort registrieren lassen und das Asylverfahren dort durchführen“, forderte das Bundesinnenministerium. Die Behörde wies zudem Gerüchte zurück, wonach die Bundesrepublik syrische Flüchtlinge mit Sonderzügen nach Deutschland hole. Auch habe Deutschland keineswegs die Regel ausgesetzt, wonach derjenige Mitgliedstaat für ein Asylverfahren zuständig ist, in dem ein Asylbewerber erstmals europäischen Boden betritt.

Nach Angaben der Hilfsorganisation Migration Aid saßen bisher auf Budapester Bahnhöfen rund 2000 Asylbewerber fest, weil ihnen das offenbar überforderte Einwanderungsamt keine Lager mehr zuwies. Nach der Dublin-Verordnung ist derjenige Staat für das Verfahren eines Asylbewerbers zuständig, in dem dieser erstmals europäischen Boden betreten hat.

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Ein Großteil der Flüchtlinge kommt aus den Kriegsgebieten Syriens, Nordiraks und aus Diktaturen wie Eritrea. Rund 40 Prozent stammen aber auch vom Balkan und haben wenig Chancen auf ein Bleiberecht.

Speziell für sie eröffnet Bayern an diesem Dienstag das bundesweit erste Aufnahmezentrum für Balkan-Flüchtlinge. In einer ehemaligen Kaserne am Rande von Manching bei Ingolstadt sollen künftig 500 Flüchtlinge aus Südosteuropa untergebracht werden. Durch enge Zusammenarbeit der Behörden sollen die Verfahren deutlich schneller als bisher abgewickelt werden. Ziel ist es, abgelehnte Asylbewerber so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat zurückzuschicken. Der Beschluss des Münchner CSU-Kabinetts hatte vom Juli hatte bundesweit Kritik hervorgerufen.

Nach der offiziellen Prognose der Bundesregierung werden in diesem Jahr in Deutschland 800 000 Asylbewerber erwartet. Auch die Regierung will Flüchtlinge ohne Anerkennungschance von vornherein von Deutschland fernhalten oder sie schnell abschieben, um Kapazitäten für eine schnelle Integration der Bleibeberechtigten zu schaffen.

Auch in Wien kamen am Abend Hunderte weitere Flüchtlinge aus Ungarn an. Genaue Zahlen könnten nicht genannt werden, hieß es von der Polizei. Die sichtlich abgekämpften Ankömmlinge wurden neben der Polizei auch von freiwilligen Helfern in Empfang genommen, die sie mit Mineralwasser und Obst versorgten, wie die Nachrichtenagentur APA berichtete.

Die Flüchtlinge waren zuvor in Zügen unterwegs gewesen, die an der ungarischen Grenze wegen Überfüllung gestoppt und geräumt wurden. Nach stundenlanger Wartezeit fuhren mehrere Züge schließlich in die österreichische Hauptstadt weiter. Nach Polizeiangaben sollten Menschen, die ohne gültiges Schengen-Visum weiterreisen wollten, zurück nach Ungarn gebracht werden. Zahlreiche Flüchtlinge versuchten am Abend jedoch noch, in Züge Richtung München zu kommen.

Die EU-Kommission ermahnte Ungarn, europäisches Recht einzuhalten und alle ankommenden Flüchtlinge mit Fingerabdrücken zu registrieren, wie es die Dublin-Verordnung vorsieht.

Eine EU-Kommissionssprecherin sagte in Brüssel, es sei nationale Aufgabe, den Schutz der Grenzen zu gewährleisten. Bei einem Besuch im nordfranzösischen Calais, wo sich seit Jahren Migranten in der Hoffnung auf Weiterreise nach Großbritannien sammeln, sagte der für Grundrechte zuständige Kommissionsvize Frans Timmermans: „Wir werden niemals diejenigen zurückweisen, die Schutz brauchen“, Europa müsse „seinen humanitären Werten treubleiben“.

Kommentare (226)

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Herr Rainer Feiden

31.08.2015, 14:10 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Jordache Gehrli

31.08.2015, 14:19 Uhr

Guter Vorschlag! Der sollte auch durchgehen, ohne dass Sie Nazi-Ecke gestellt werden. Mal schauen, wann die Linken und Grünen hier aufschlagen. Dann sind Sie vielleicht aber trotzdem noch dran! ;-)

Dirk Meyer

31.08.2015, 14:19 Uhr

Ich habe Angst! Frau Merkel faselt irgendeinen Unsinn, das man alles schaffen kann wenn wir nur wollen. Die Frau muss weg. Schnellstens. Die soll mal nach Sachsen Anhalt! Da muss man nach MDR Videotext Seite 172 womöglich tageweise Schulen schließen, weil dort Lehrer fehlen. Wie will man denn die tausenden Migranten Deutsch unterrichten? Die können doch kein Wort Deutsch. Englisch können Sie auch nur ein Wort und zwar Germany! Wo will man die Menschen unterbringen? Die europäischen Nachbarstaaten, außer Österreich, zeigen ihre Solidarität mit Deutschland??? Wo das enden wird, mag ich mir gar nicht vorstellen.

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