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10.12.2013

17:38 Uhr

Ukraine

Aus den Boxen schallen Hymnen des Protests

Am 19. Protesttag rücken die Polizisten hart gegen die Demonstranten vor. Noch immer harren viele aus, singen Protestsongs – doch ihre letzte Hoffnung scheint das Ausland und dessen Einfluss auf Janukowitsch zu sein.

Tag 19 reißt und zerrt an den Kräften – die Demonstranten, die in der Ukraine für eine proeuropäischen Kurs eintreten, geraten langsam ins Hintertreffen. Reuters

Tag 19 reißt und zerrt an den Kräften – die Demonstranten, die in der Ukraine für eine proeuropäischen Kurs eintreten, geraten langsam ins Hintertreffen.

KiewMit großer Entschlossenheit trotzen Tausende prowestliche Regierungsgegner in Kiew auch nach fast drei Wochen Dauerprotest Kälte und Schnee. Die Menschen in der Menge machen sich gegenseitig Mut, wärmen sich an Feuern, die in großen Fässern lodern, und tanzen zur Musik der Rockband Kozak System. „Ein Bruder für den Bruder“, tönt es aus den Boxen.

Es ist die Hymne der Demonstranten auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz im Herzen der ukrainischen Hauptstadt. „Ein Bruder für den Bruder“ – gemeint sind die bekanntesten Brüder des Landes, die Regierungsgegner Vitali und Wladimir Klitschko. „Jeder, dem seine Freiheit und seine Zukunft nicht egal sind, muss sich uns anschließen und auf den Maidan gehen“, ruft Vitali Klitschko zu weiteren Protesten auf. Aber der Druck auf die Gegner von Präsident Viktor Janukowitsch nimmt zu.

Am 19. Protesttag ist die Staatsmacht eindeutig im Vorteil. Spezialeinheiten der Polizei rücken immer weiter auf die Barrikaden am Maidan vor. Die Kontrolle über das Regierungsviertel hat die Staatsmacht längst zurückerobert.

Euromaidan - Was steckt dahinter?

Wortkreation

Euromaidan ist eine linguistisch wie soziologisch spannende Wortkreation, die der Lage der Ukraine zwischen Ost und West - geografisch wie politisch - Rechnung trägt. Der Urheber des Begriffs ist nicht bekannt, möglicherweise ist Euromaidan eine Frucht des kollektiven Unterbewusstseins einer Nation.

Woraus setzt sich Euromaidan zusammen?

Die Bedeutung des ersten Teils des Wortes, „Euro“, liegt auf der Hand: Europa. „Maidan“ klingt für westeuropäische Ohren zunächst mysteriös. Das Wort hat persische Wurzeln und wurde vermutlich von den Osmanen ins Land gebracht. Es bedeutet „Platz“ oder „offener Ort“. Euromaidan deshalb mit „Europaplatz“ zu übersetzen, wäre zwar technisch korrekt, würde jedoch zu kurz greifen, denn es würde die emotionale Dimension außer Acht lassen, die dem Begriff seine Kraft verleiht.

Europa

Geografisch gehört die Ukraine zu Europa. Für die Demonstranten in den Straßen von Kiew ist Europa jedoch ein Konzept, eine lebhafte aber frustrierend weit entfernet Vision. Europa steht in ihren Augen für echte Demokratie, vertrauenswürdige Polizei und aufrichtigen Respekt der Menschenrechte.

Maidan

Maidan bezieht sich zunächst einmal auf den „Maidan Nesaleschnosti“ (Platz der Unabhängigkeit) im Zentrum von Kiew. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde er zur Sowjetzeit im Stil der Stalin-Architektur wieder aufgebaut - weder düster noch einschüchternd in seiner Ausstrahlung, doch mit Gebäuden hoch genug, um zu beeindrucken. Es herrscht eine angenehme Stimmung auf dem Platz und wenn sich die Kiewer dort verabreden, nennen sie ihn fast zärtlich bei seinem ersten Namensteil: „Lass uns auf dem Maidan treffen.“

Euromaidan

Wenn nun Europa und Maidan zu einem Wort verschmelzen, wird daraus vor allem eine Idee, losgelöst vom Platz. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Kiewer Maidan Schauplatz von Protesten für westliche Werte wird. Während der Orangenen Revolution 2004 war der Platz das Zentrum der täglichen Demonstrationen, die zur Aufhebung der Präsidentenwahlen führte. Schon damals war Maidan eine zweisilbige Versinnbildlichung friedlichen Widerstands und entschlossener Handlung. Die Ausstrahlung von Euromaidan ist kräftig genug, dass ukrainische Medien die Wortschöpfung übernehmen und inzwischen sämtliche Protestaktionen im Land damit umschreiben.

Ambivalenz des Begriffs

Die Welle des zivilen Widerstands 2004 war ergreifend und mitreißend, doch die Hoffnungen, die mit der Orangenen Revolution verbunden waren, blieben weitgehend unerfüllt. Auf den Umschwung folgten Jahre geprägt von Streit und Ernüchterung. 2010 wählten die Ukrainer Viktor Janukowitsch zu ihrem Präsidenten, denselben Mann, der die 2004 rückgängig gemachte Wahl nominell gewonnen hatte. Die Heldin der Revolution, Julia Timoschenko, landete wegen Machtmissbrauchs als Regierungschefin im Gefängnis.
Daher ist auch die endgültige Bedeutung von Euromaidan zunächst noch undefinierbar. Es muss sich noch herausstellen, ob der Begriff für Erfolg oder Scheitern steht.

Die Sperren aus Stacheldraht, Europaletten und Mülltonnen sind abgeräumt, die kleinen Zeltdörfer mit den Fahnen der Oppositionsparteien stehen leer. Auf beiden Seiten soll es Verletzte gegeben haben. Zwar bleibt eine Eskalation vorerst aus, die Spannung ist dennoch überall in der Millionenstadt zu spüren.

Hoffnung setzen die Klitschkos und ihre Anhänger vor allem auf ausländische Hilfe. Die zuständige Abteilungsleiterin im US-Außenministerium, Victoria Nuland, eilt zu Gesprächen mit der Opposition herbei und lässt sich über den Maidan führen.

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