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25.02.2014

16:53 Uhr

Ukraine

Das Epizentrum des Widerstands

VonPauline Tillmann

Die meisten Demonstranten auf dem Maidan stammen aus der Westukraine. Der Protest hat hier Tradition. Schon immer wurden die Menschen hier als „Separatisten“ und „Nationalisten“ bezeichnet. Ein Ortsbesuch in Lemberg.

Ukraine kommt nicht zur Ruhe

Freunde und Gegner Russlands stoßen auf der Krim aufeinander

Ukraine kommt nicht zur Ruhe: Freunde und Gegner Russlands stoßen auf der Krim aufeinander

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LembergDie Menschen in Lemberg tragen das Revoluzzer-Gen in sich. Wenn es um Protest geht, sind sie an vorderster Front dabei. Sie kämpfen, wenn man kämpfen muss. Und wenn der Protest blutig niedergeschlagen wird, hauen sie nicht etwa ab, sondern holen immer mehr nach. So war das auch auf dem Maidan in Kiew. Viele von den Menschen, die ums Leben gekommen sind, kamen aus dem Westen der Ukraine. Einige auch aus Lemberg unweit der polnischen Grenze.

Am vergangenen Freitagabend wurden zwei von ihnen auf dem Hauptplatz von Lemberg, auf ihrem Maidan, aufgebahrt. Tausende Menschen sind gekommen, um ihnen bei einer Trauerfeier die letzte Ehre zu erweisen. Als die beiden Särge eintreffen, rufen die Menschen „Helden sterben nicht!“ Viele haben dabei Tränen in den Augen. Eigentlich sollten sie sich freuen, weil sie das wofür sie monatelang gekämpft haben, endlich erreicht haben. Präsident Viktor Janukowitsch ist abgesetzt und der Weg für einen echten Neuanfang ist frei. Doch den meisten ist nicht zum Feiern zumute. Die Trauer über die vielen Toten, sie ist überall.

Immer wieder halten die Menschen inne, zünden eine Kerze an, einige sprechen ein Stoßgebet. Im Fernsehen werden Aufnahmen der blutigen Gefechte in Kiew gezeigt. Gestürzte Leninstatuen flackern auf, dazwischen Fotos von Getöteten. TV-Bilder haben eine besondere Macht, das wissen auch Janukowitsch-Anhänger. Und so haben sie vergangene Woche Provokateure nach Lemberg geschickt, um die Fenster der Prokurator und der Miliz einzuschlagen und die Gebäude scheinbar einzunehmen. „Es ging darum zu zeigen, wie radikal die Lemberger sind“, erklärt Politikwissenschaftler Anatoliy Romanyuk. Es war das erste Mal, dass es zu Ausschreitungen dieser Art gekommen war.

So flüchtete Viktor Janukowitsch

Freitag, 21.2., abends

Janukowitsch und enge Vertraute, darunter Präsidialamtschef Andrej Kljujew, fliegen mit Hubschraubern in die ostukrainische Millionenstadt Charkow. Dort wollen sie am Samstag an einem Kongress von regierungstreuen Gouverneuren, Bürgermeistern und Abgeordneten aus dem prorussischen Osten und Süden teilnehmen.

Samstag, 22.02., tagsüber

Janukowitsch hält sich in einer Staatsresidenz in Charkow auf. Eine Teilnahme am Kongress lehnt er nun ab. Der abgesetzte Präsident gibt ein Interview und betont, er werde weder zurücktreten noch das Land verlassen. Später fliegt er per Hubschrauber in die Stadt Donezk.

Samstag, 22.02., abends

Gemeinsam mit bewaffneten Leibwächtern will Janukowitsch am Flughafen Donezk in zwei VIP-Maschinen vom Typ „Falcon“ umsteigen. Der Grenzschutz verweigert die Abfertigung – wegen angeblich fehlender Dokumente. Janukowitsch wird in einer gepanzerten Limousine in eine Residenz gefahren. Nach mehreren Stunden bricht er in Richtung der Halbinsel Krim auf.

Sonntag, 23.02., tagsüber

Janukowitsch trifft auf der Krim ein, er sucht Zuflucht in einem privaten Erholungsheim. Staatliche Gebäude meidet er. Als er erfährt, dass die kommissarischen Chefs von Innenministerium und Geheimdienst auf dem Weg zur Krim sind, fährt Janukowitsch in Richtung des internationalen Flughafens Sewastopol – doch dort landen bereits die neuen Machthaber.

Sonntag, 23.02., abends

Der gestürzte Präsident bricht die Fahrt ab und lässt sich zu einer Privatresidenz bei Balaklawa bringen. Er bietet seinen Leibwächtern an, zurückzubleiben und verzichtet schriftlich auf staatlichen Schutz. Ein Teil der Sicherheitskräfte zieht daraufhin ab. Die übrigen Wachen und Präsidialamtschef Kljujew besteigen gemeinsam mit Janukowitsch insgesamt drei Fahrzeuge und fahren in unbekannte Richtung davon.

Montag, 24.02., vormittags

Das Innenministerium teilt mit, dass Janukowitsch wegen „Massenmordes“ zur Fahndung ausgeschrieben sei. Ein Ermittlungsverfahren sei eingeleitet.

Auch dass sich die Stadt für autonom oder unabhängig erklärt habe, wie vergangene Woche gemeldet wurde, sei falsch. „Wir genießen hier im ehemaligen Galizien schon immer eine besondere Form von Freiheit“, meint Romanyuk. Deshalb spreche man traditionell vom „Zentrum des Separatismus“. In der Praxis bedeutet das aber nichts anderes als ein besonders ausgeprägtes Maß an Selbstverwaltung. „Wenn es ein Problem zu lösen gibt, nimmt das unser Bürgermeister selber in die Hand und fragt nicht erst in Kiew nach Erlaubnis“, so der Politikwissenschaftler. Als es zum Beispiel darum ging nach den Pogromen die Sicherheit in der Stadt sicherzustellen, hat er eine freiwillige Bürgerwehr eingesetzt, die das Zentrum vor weiteren Attacken schützen soll. Außerdem hat man Restaurants dazu angehalten, nach 18 Uhr keinen Alkohol mehr auszuschenken, um möglichen Konflikten vorzubeugen. Galizien gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Kaiserreich Österreich-Ungarn, mit etwa 700 Kilometern ist die Entfernung von Wien nach Lemberg vergleichsweise gering.

Kommentare (4)

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Nachdenklicher

25.02.2014, 19:24 Uhr

Ich denke, eine solche Menge von bewaffneten und gewaltbereiten "Demonstranten", wie sie, von weither herangeschafft, den Maidan bevölkerten, hätte sich z.B. in Washington gar nicht bilden können. Schon das erste renitente Grüppchen ware vermutlich von schwerbewaffneten Polizisten und Elitekämpfern niedergemacht und als "Terroristen" auf Jahrzehnte eingesperrt worden. Wehe ihnen, wenn auch nur ein einziger Polizist zu Schaden gekommen wäre! (Zur Erinnerung ein Vorgang aus dem vergangenen Jahr: Eine junge Autofahrerin mit Kleinkind auf dem Rücksitz ist von Polizei durch Washingtoner Straßen gejagt worden; als sie, von einer Straßensperre gestoppt, aus dem Wagen stieg, ist sie von dort auf der Lauer liegenden vermummten Scharfschützen erschossen worden!) Weder unsere Politiker noch unsere Medien würden wagen, die dortigen Opfer von Staatsgewalt als heldenhafte "Revoluzzer" zu feiern und ihnen etwa den US-Präsidenten als "Massenmörder" gegenüberzustellen! Im Gegenteil, selbst die vielen Opfer mörderischer US-Drohnen sind ihnen kein Anlass, den Verantwortlichen im Weißen Haus an den Pranger zu stellen. Ist dieses Messen mit zweierlei Maßstäben nicht typisch für die Art und Weise, wie Politik und Medien uns lenken? Wir sind daran so sehr gewöhnt, dass die meisten es nicht einmal wahrnehmen.

dot

25.02.2014, 20:17 Uhr

Wenn die Ukrainer genauso selbstbewusst protestieren, wenn sie merken, was die EU so alles bieted bzw nicht bieted, dann nur rein mit ihnen. Davon könnten die anderen "Europäer" lernen.

Aber am meisten könnten "die Europäer" lernen, wenn man die Ukraine pleite gehen lässt.

Ich wette hundertausende Deutsche würden freiwillig helfen, wenn in der Ukraine jemand verhungern sollte vor lauter Mitgefühl. Die Deutschen in erster "Front", weil sie gutmütige Menschen sind. Vollgepackte Autos würden in die Ukraine fahren.. usw...
Aber es dreht sich dummerweise nicht um Menschen in erster Linie, das wissen wir doch - alle, oder?







Account gelöscht!

25.02.2014, 20:27 Uhr

Ich finde es interessant, dass Putin nicht die Gunst der Stunde nutzt, um die Ostukraine einschließlich der Krim zu besetzen. Man hätte mit Sevastopol dann endlich wieder einen ordentlichen Hafen am Schwarzen Meer und man könnte sich auch besser gegen die islamische Einflussnahme durch die südlichen Republiken Usbekistan, Tadschikistan wappnen. Der ukrainischen Bevölkerung wäre es unter der Hegemonie Russlands sowieso besser ergangen, weil Russland das Land mit Milliarden an Hilfen und Energielieferungen unterstützt, während die bankrotten Europäer nur mit IWF Krediten winken, die die arme ukrainischen Bevölkerung auf Jahre versklaven wird. Also bis zum Dnepjr könnte sich Russland problemlos nach Westen ausdehnen. Wäre für alle besser.

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