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18.07.2014

04:39 Uhr

Ukraine

Erste Hinweise auf Ursache des Flugzeugabsturzes

In der Nacht zum Freitag liegt noch im Dunkeln, wie es zum Absturz des malaysische Passagierflugzeugs über der Ostukraine kam. Es verdichten sich Hinweise, es sei abgeschossen worden - möglicherweise versehentlich.

Werden die Trümmer Aufschluss geben, was passiert ist? Helfer am Absturzort des Passagierflugzeugs in der Nähe des ukrainischen Dorfes Grabowo. ap

Werden die Trümmer Aufschluss geben, was passiert ist? Helfer am Absturzort des Passagierflugzeugs in der Nähe des ukrainischen Dorfes Grabowo.

Washington/Moskau/GraboweNach dem Absturz eines malaysische Passagierflugzeugs in einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet der ostukrainischen Unruheregion Donezk am Donnerstag verdichten sich Hinweise, es sei abgeschossen worden. Wer dafür verantwortlich wäre, liegt im Dunkeln. Russland, ukrainische Regierung und Separatisten beschuldigen sich gegenseitig.

US-Geheimdienstexperten gehen "stark" davon aus, dass die Maschine von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde, wie die Nachrichtenagentur AFP am Donnerstag aus Regierungskreisen in Washington erfuhr. Die Regierung gehe stark davon aus, dass die Maschine mit knapp 300 Menschen an Bord von den Separatisten im Osten der Ukraine angegriffen worden sei, sagte ein US-Regierungsvertreter am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Es gebe keinerlei Hinweise, dass die ukrainischen Streitkräfte eine Rakete auf die Boeing vom Typ 777 abgefeuert hätten. Ein anderer US-Regierungsvertreter sagte dagegen, es sei noch unklar, wer das Flugzeug abgeschossen habe.

Die ukrainischen Geheimdienste warfen Russland eine Verwicklung in den Abschuss der Passagiermaschine vor. Der Chef der sogenannten Staatssicherheit, Walentyn Naliwaischenko, präsentierte auf einer Pressekonferenz Audiomitschnitte und Videomaterial, die eine Kommunikation zwischen den Rebellen in der Ukraine und russischen Geheimdienstmitarbeitern rund um den Abschuss der Maschine dokumentieren sollen.

Der Nachrichtensender CNN berichtete, dass die US-Geheimdienste den Einsatz einer Boden-Luft-Rakete mit Hilfe von Radarbildern bestätigt hätten. Ein Radarsystem erfasste demnach, wie eine Rakete kurz vor dem Absturz ein Flugzeug verfolgte. Ein zweites System habe ein Wärmebild vom Zeitpunkt des Aufpralls des Geschosses geliefert. Derzeit werde die Flugbahn der Rakete analysiert, um den Abschussort zu bestimmen.

Unabhängige westliche Verteidigungsexperten sagten der Nachrichtenagentur AP, dass sowohl die ukrainischen als auch die russischen Streitkräfte über die Kapazitäten verfügten, SA-17-Raketen zu starten. Diese Raketen können eine Höhe von 20.000 Metern erreichen. Es ist möglich, dass ein paar dieser Waffensysteme beim Rückzug ukrainischer Truppen in die Hände prorussischer Rebellen fielen. AP-Journalisten sahen einen Raketenwerfer ähnlich dem SA-17-System am Donnerstag nahe der ostukrainischen Stadt Snischne, die von Aufständischen kontrolliert wird.

Kein Notruf aus der Maschine

Die ukrainische Luftverkehrsbehörde gab an, dass der in Amsterdam-Schiphol gestartete Passagierjet mit Flugziel Kuala Lumpur bis zum Verschwinden vom Radar "ohne Probleme" die Ukraine überquert habe und auch keine Unregelmäßigkeiten von der Crew gemeldet worden seien. Malaysia Airlines bestätigte den Kontaktverlust mit Flug MH17 um 16.15 Uhr MESZ.

Laut dem Service FlightAware.com, der den Weg von Flugzeugen verfolgt, war die letzte bekannte Position von Flug MH17 in 10.000 Meter Höhe knapp westlich der ukrainischen Grenze zu Russland. Ukrainische Stellen meldeten den Absturz, und ein Journalist der Nachrichtenagentur AP entdeckte die Stelle in der Nähe eines Dorfes, das 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt und von prorussischen Kämpfern kontrolliert wird. Nach den Schilderungen des Reporters brach das Flugzeug anscheinend vor dem Aufprall auf der Erde auseinander. Brennende Wrackteile und Gegenstände, die den Passagieren gehörten, waren über ein großes Gebiet verstreut.

Der eskalierende Machtkampf in der Ostukraine

Nach dem Sturz...

... der moskautreuen Führung in Kiew und dem Anschluss der Krim an Russland ist der Konflikt um die mehrheitlich russischsprachige Ostukraine eskaliert.

Erste Ausschreitungen...

... gibt es am 6. April. Bei Demonstrationen in der Ostukraine gibt es massive Ausschreitungen. Moskautreue Aktivisten besetzen Verwaltungsgebäude in den Millionenstädten Charkow und Donezk.

Die Besetzer...

... fordern am 7. April erstmalig Referenden über eine Abspaltung der Ostukraine von Kiew und rufen eine souveräne Volksrepublik aus. In weiteren Orten werden Gebäude besetzt.

Ein „Anti-Terror-Einsatz“...

... am 13. April gegen Separatisten in Slawjansk fordert Tote und Verletzte. In Charkow werden bei Zusammenstößen von Gegnern und Anhängern einer Annäherung an Russland Dutzende verletzt.

Barack Obama...

... telefoniert am 14. April mit Kremlchef Wladimir Putin. Der US-Präsident äußert sich darin besorgt darüber, dass Moskau die prorussischen Separatisten unterstütze. Putin bestreitet eine Einmischung.

Ein Friedensplan...

... wird am 18. April bei einem internationalen Treffen in Genf beschlossen. Wichtigster Punkt: Die Separatisten sollen die Waffen niederlegen und besetzte Gebäude räumen.

Mit Panzern und Hubschraubern...

... gehen Regierungstruppen am 24. April bei Slawjansk gegen Separatisten vor. Putin verurteilte den Einsatz der ukrainischen Armee als „sehr ernstes Verbrechen“, das „Folgen“ für die Regierung in Kiew haben werde.

Militärbeobachter der OSZE...

... werden am 25. April von Separatisten in deren Gewalt gebracht, darunter sind vier Deutsche. In Slawjansk beschuldigt der örtliche Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow die Gruppe der Spionage.

Zurschaustellung der Geiseln...

...am 27. April. Die OSZE-Geiseln werden von Ponomarjow der Presse vorgeführt. Sie sollen gegen inhaftierte Separatisten ausgetauscht werden.

Neue Sanktionen...

... gegen Moskau verhängen die EU und die USA am 28. April aus Verärgerung über das Vorgehen Russlands gegen Moskau. Am selben Tag wird in Charkow der Bürgermeister durch einen Schuss schwer verletzt. Auf dem Militärflugplatz Kramatorsk beschießen Unbekannte Regierungseinheiten.

Die prorussischen Militanten...

... besetzen 30. April in Lugansk und Gorlowka weitere Gebäude. In Kiew räumt Übergangspräsident Alexander Turtschinow ein, die Kontrolle über Teile des Landes verloren zu haben.

Der Gegenschlag...

... von Kiew erfolgt am 2. Mai. Truppen der ukrainischen Armee, der Nationalgarde und des Innenministeriums gehen in Slawjansk und Kramatorsk massiv gegen die Separatisten vor.

Russlands Präsident Wladimir Putin macht die Ukraine für den Absturz der Malaysia-Airlines-Maschine im Osten des Landes verantwortlich. Putin sagte am Donnerstagabend laut der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, die "schreckliche Tragödie" mit vermutlich knapp 300 Toten wäre ausgeblieben, wenn es in der Ostukraine keinen Konflikt mit den Separatisten gäbe.

Ukraines Präsident Poroschenko sprach von einem „terroristischen Akt“. Er warf den Separatisten vor, die Boeing abgeschossen zu haben - wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Poroschenko schloss einen Unfall ebenso aus wie eine Mitschuld der ukrainischen Streitkräfte, die keine Schüsse auf Ziele in der Luft abgegeben hätten.

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