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31.10.2014

12:53 Uhr

Ukraine-Konflikt aus Putins Sicht

Der Westen ist schuld!

VonMaximilian Nowroth

Die Krim-Annexion? Vergleichbar mit der deutschen Wiedervereinigung. Die Maidan-Proteste? Vom Westen inszeniert: Viele Russen haben eine komplett andere Sicht auf die Ereignisse in der Ukraine. Das hat drastische Folgen.

Die Zwei Gesichter des Wladimir Putin: Im Westen ein Aggressor, in Russland ein Held. dpa

Die Zwei Gesichter des Wladimir Putin: Im Westen ein Aggressor, in Russland ein Held.

MoskauDer ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte vor einigen Wochen die Idee, dass Historiker aus Russland und Deutschland ein gemeinsames Geschichtsbuch schreiben sollten. Das würde „einen Beitrag dazu leisten, Vergangenheit aus verschiedenen Sichten zu vermitteln und wahrzunehmen“, sagte Schröder.

Sollte dieses Projekt Wirklichkeit werden, dürfte das Kapitel „Die Ereignisse in der Ukraine 2014“ für große Kontroversen sorgen. Denn die russische Sicht auf die Ereignisse in der Ukraine könnte unterschiedlicher nicht sein im Vergleich zu der Geschichte, die die meisten westlichen Politiker und Medien erzählen.

Die russische Version in Kürze: Die Proteste auf dem Maidan? Keine ukrainische Demokratiebewegung, sondern ein vom Westen provozierter, faschistischer Sturz der Regierung. Die Krim? Keine Annexion durch einen Völkerrechtsbruch, sondern ein demokratischer Prozess. Der Abschuss des Passagierflugs MH17? Nicht die pro-prussischen Separatisten, Schuld daran tragen die ukrainische Regierung und die USA. Der Krieg in der Ostukraine? Keine Aggression Putins, sondern ein Völkermord des ukrainischen Militärs an Russen.

Die ukrainischen Parteien und ihre Köpfe

Petro-Poroschenko-Block

Die Parlamentswahl soll der krisengeschüttelten Ukraine an diesem Sonntag eine stabile Regierung bringen. Wegen der Gefechte im Osten werden aber vorerst nur 424 der 450 Sitze in der Obersten Rada in Kiew vergeben, es gilt die Fünfprozenthürde. Um 225 Sitze bewerben sich 29 Parteien mit mehr als 3000 Kandidaten, die restlichen 199 Mandate werden per Direktwahl bestimmt. Stimmberechtigt sind gut 36 Millionen Bürger. Die aussichtsreichsten Parteien im Überblick.

PETRO-POROSCHENKO-BLOCK: „Zeit für Einigkeit“ ist der Slogan der neu gebildeten Partei von Präsident und Namensgeber Petro Poroschenko. Sie liegt in Umfragen weit vorne. Spitzenkandidat ist der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko, der einen Wechsel vom Rathaus ins Parlament bisher kategorisch ausschließt. Vizeregierungschef Wladimir Groisman auf Listenplatz Vier gilt als Vertrauter von Poroschenko und wird als dessen Favorit für das Ministerpräsidentenamt gehandelt.

Oppositionsblock Silnaja Ukraina

Vertreter der bis zum Machtwechsel im Februar regierenden Partei der Regionen treten getrennt an. Ex-Vizeministerpräsident Juri Boiko muss mit dem Oppositionsblock um den Einzug bangen. Sicher im Parlament dürfte dagegen der ehemalige Sozialminister und Vizeregierungschef Sergej Tigipko mit seiner wiederbelebten Kraft Silnaja Ukraine (Starke Ukraine) sein.

 

Swoboda

Den Rechtsradikalen um Parteiführer Oleg Tjagnibok werden in Umfragen nur geringe Chancen für einen Wiedereinzug gegeben.

Vaterlandspartei

Die Partei von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko hat sich nach dem Weggang „altgedienter Kader“ verjüngt. Listenplatz Eins trat Timoschenko demonstrativ an die Militärpilotin Nadeschda Sawtschenko ab, die in Russland wegen Mordverdachts im Gefängnis sitzt. Kiew wirft Moskau politische Motive in dem Fall vor.

Radikale Partei

Frontmann ist der Abgeordnete Oleg Ljaschko. Sein Markenzeichen ist eine Heugabel, mit der er Kiew „ausmisten“ will.

Narodny Front

Ganz auf Regierungschef Arseni Jazenjuk zugeschnitten ist der Wahlkampf der neugegründeten Volksfront. Auf ihrer Liste stehen viele Kabinettsmitglieder, etwa Innenminister Arsen Awakow. Auch Parlamentspräsident Alexander Turtschinow und der frühere Sicherheitsratschef Andrej Parubij sowie Journalisten und Frontkämpfer stehen Jazenjuk zur Seite. Viele Spitzenkandidaten arbeiteten früher in der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko.


Wer hierzulande diese Schlüsselereignisse des Ukrainekonflikts so interpretiert, wird schnell in die Ecke der „Verschwörungstheoretiker“ gedrängt oder als „Putin-Versteher“ verspottet. In Russland dagegen sind solche Meinungen in weiten Teilen der Bevölkerung das, was wir in Deutschland „alternativlos“ nennen.

Das betrifft vor allem die sogenannte „Krimfrage“. Neulich auf einer Podiumsdiskussion zwischen deutschen und russischen Wirtschaftsvertretern: Ein leicht untersetzter Russe im Anzug lässt sich das Mikrofon bringen, steht auf und stellt sich als Chef einer großen Gewerkschaft vor. Dann setzt er an: „Warum diskutieren wir hier überhaupt, ob die Krim russisch bleiben soll oder nicht? Die Rückkehr der Krim ist für uns doch genauso selbstverständlich wie die Wiedervereinigung Deutschlands 1990!“ Ein leises Raunen geht durch den Saal. Allerdings nur unter den deutschen Zuhörern. Die russischen Anwesenden applaudieren.

Das russische Levada-Center sorgt mit seinen repräsentativen Umfragen dafür, dass solche subjektiven Eindrücke faktisch untermauert werden. 79 Prozent aller Russen fordern, dass die Krim russisch bleiben muss, fand Russlands renommiertestes Meinungsforschungsinstitut heraus. Beim Kurznachrichtendienst Twitter hat diese Devise auch schon längst seinen eigenen Hashtag: #кримнаш, was so viel bedeutet wie: Die Krim gehört uns.

Tatsächlich scheint es in Russland gar keine „Krimfrage“ zu geben, sondern nur klare Antworten, die ich immer wieder in Gesprächen mit Russen bekomme: „Es war ein demokratischer Prozess“, sagt Ira, eine 22-jährige Studentin aus Jekaterinburg. „Hier spricht keiner von einer Annexion“, erklärt Alexander. „Wir nennen es die Rückkehr.“

Kommentare (16)

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Herr Josef Schmidt

31.10.2014, 13:17 Uhr

Krim ist für Russland von strategischer Bedeutung und durfte nicht in US Hand gelangen. Wie hat sich die NATO das vorgestellt dass die russischen Schiffe aus dem Hafen laufen und sie einlaufen können ? Wie kann man nur so dämlich sein. Wenn ich mir aber die EU anschaue dann erübrigt sich die Frage.

Hätte sich die USA an die Zusagen gehalten die bei der Wiedervereinigung Deutschlands von Baker und Kohl an Gorbatschow dass die NATO kein Zentimeter nach Osten vorrückt gehalten dann wäre das nicht passiert.

Putin hat trotz der Aufnahme ehemaliger Ostblockstaaten zurückgehalten aber klar gesagt dass die Grenze bei Ukraine und Georgien liegt. Man hat sich auch hier nicht zurückhalten können. Jetzt bezahlen wir den Preis.

Spielt die NATO weiter mit dem Feuer dann werden die Russen den INF Vertrag kündigen da es sowieso Russland einseitig benachteiligt, weil die USA niemanden mit Mittelstreckenracketen angreifen kann. Dann will ich die Fresse der NATO Strategen sehen.

Wir leben mir Russland auf denselben Kontinent und wir sollen versuchen mir Russland gut zusammenzuarbeiten und gemeinsame Interessen und Ziele verfolgen. SO lange uns USA in die Suppe spuckt ziehen wir den Kürzeren.

Herr Heinricht Franziskus

31.10.2014, 13:35 Uhr

Der Artikel beschreibt recht gut die russischen Medien. Man darf ncht vergessen, das fast alle für den Normalbürger erreichbaren Programme vom Staat kontrolliert werden. Dort werden teils absurde Thesen verbreitet und mit Youtube Videos belegt, die teilweise sogar dem dazu präsentiertem Text widersprechen (ich habe mir das selbst mehrfach angeschaut).

Ob die EU sich nach Osten (ohne jede kriegerische Handlung) erweitert mag manch einer kritisch sehen. Mich verstört aber vielmehr, das manche den Tot von 4000 Menschen als eine logisch Schlussfolgerung daraus sehen. Diese Menschen beschtreiten eine Souveränität dieser Staaten. Als logische Schlussfolgerung müsste die "Heim ins Reich" Strategie Deutschlands vor dem zweiten Weltkrieg ebenfalls gerechtfertig sein. Im übrigen wurden dabei anfangs auch keie Mnschen getötet, wie bei der Krim-Invasion.

Man muss klar sehen, das es einen großen Unterschied geben MUSS zwischen politischer, wirtschaftlicher und militärischer Konfrontation. Diese entsprechen n der oben genannen Rehenfolge 3 möglichen Eskalationsstufen mindestens zweier Staaten.

Russland hat mit der militärischen Invasion in der Ukraine die höchst mögliche Konfrontations, Aggressions und Eskalaionsstufe begangen. Es kann keine Steigerung mehr geben. Das MUSS man Russland in diesem Fall vorwerfen! Es darf keine Rechtfertigungen geben andere Länder anzugreifen, vorallem nicht aus "hystorischem Recht§ heraus. Wer das bestreitet, begibt sich auf den selben Pfad wie einst die Nazis.

Herr Jürgen Arck

31.10.2014, 13:46 Uhr

Ich war neulich im Rahmen einer Exkursion ein paar Tage in Moskau. Auf den Landkarten der dort besuchten Institute war ausnahmslos die Krim als zu Russland gehörig dargestellt. Ansonsten war die Ukraine grenzmäßig noch intakt. Auffällig allerdings: Auf einigen Karten konnte man noch die Grenzen zwischen der BRD und DDR sehen. Mein Eindruck: Dass man darauf warten sollte, dass die Landkarten wieder umgeändert werden und die Krim als Teil der Ukraine dargestellt wird, macht wohl keinen Sinn. Vielleicht sollte man aber einige Karten in Bezug auf Deutschland nachbessern.

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