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11.02.2015

10:02 Uhr

Ukraine-Krise

Die Gestrandeten von Kiew

VonNina Jeglinski

Abgemagert, verzweifelt, völlig entkräftet: Tausende Ukrainer sind auf der Flucht vor dem Krieg. Zu Hunderten kommen sie täglich unter anderem am Kiewer Hauptbahnhof an. Doch ihr Martyrium ist dort oft nicht zu Ende.

Flüchtlinge in der Ostukraine: „Was denken Sie, wie ein Mensch aussieht, der seit zwei Monaten im Keller lebt?“ Imago

Flüchtlinge in der Ostukraine

Flüchtlinge in der Ostukraine: „Was denken Sie, wie ein Mensch aussieht, der seit zwei Monaten im Keller lebt?“

KiewDie Szenen wiederholen sich in diesen Tagen auf dem Kiewer Hauptbahnhof, einem stalinistischen Bau inmitten der Millionenstadt: Um Punkt 11.30 Uhr fährt der Zug Nummer 334 aus Kostjantiniwka, einer Stadt im Oblast Donezk, ein. Seit Tagen bringt dieser Zug ausschließlich Flüchtlinge aus den umkämpften Gebieten der Regionen Donezk und Lugansk.

Alleine an diesem sonnigen, aber bitterkalten Februartag waren 239 Menschen an Bord. Eine von den vielen Gestrandeten ist Valentina. Die Rentnerin ist am Ende ihrer Kräfte. Im dunkelblauen Wintermantel sitzt sich im Wartesaal am Kiewer Hauptbahnhof und weint bitterlich.

Ihr Sohn wolle sie gleich abholen, warum er noch nicht da ist, weiß sie nicht. Eine Mitarbeiterin des ukrainischen Roten Kreuzes fragt die 72-Jährige, ob sie Medikamente brauche und reicht ihr zwei Beruhigungstabletten.

Feuerpause – Waffenruhe – Waffenstillstand?

Völkerrecht

Das Völkerrecht unterscheidet zwischen einer meist vorübergehenden Waffenruhe (Feuerpause) und einem vertraglich vereinbarten Waffenstillstand.

Waffenruhe

Nach einer Waffenruhe kann die Wiederaufnahme der Kämpfe folgen. Sie kann aber auch verlängert werden und in einen vertraglich vereinbarten Waffenstillstand übergehen.

Humanitäre Feuerpause

Mit dem umgangssprachlichen Begriff humanitäre Feuerpause ist meist eine von Gegnern im bewaffneten Konflikt angestrebte kurzzeitige Waffenruhe zur Versorgung Notleidender gemeint.

Einseitige Feuerpause

Auch von einer Seite verkündete einseitige Feuerpausen kommen vor. Diese bewirken nicht immer, dass auch der Gegner die Kampfhandlungen aussetzt.

Armistice

Die Haager Landkriegsordnung von 1907 als grundlegender völkerrechtlicher Vertrag über das Verhalten im Kriege kennt nur den Begriff „Armistice“, der meist mit Waffenstillstand übersetzt wird.

Waffenstillstand

In der Haager Landkriegsordnung heißt es: „Der Waffenstillstand unterbricht die Kriegsunternehmungen kraft eines wechselseitigen Übereinkommens der Kriegsparteien. Ist eine bestimmte Dauer nicht vereinbart worden, so können die Kriegsparteien jederzeit die Feindseligkeiten wieder aufnehmen.“

Quelle

dpa

Als sie der alten Frau den Blutdruck messen will und Valentina ihren Mantel und die Ärmel ihrer drei Pullover hochschiebt, wird das ganze Elend sichtbar. Der Arm besteht nur noch aus Haut und Knochen, ihre Haut hat einen ungesunden gelblichen Ton angenommen. „Was denken Sie, wie ein Mensch aussieht, der seit zwei Monaten im Keller lebt?“, wehrt Valentina alle Fragen ab. Sie habe in einem Vorort der Großstadt Donezk gelebt, in Pesky, einem seit Wochen umkämpften Gebiet.

Sie und ihr Mann hatten eine schöne Wohnung in einem Vier-Parteienhaus. Zuletzt war Valentina die einzige, die noch da war. „Im Keller waren es bloß fünf Grad über Null“, berichtet sie und muss ihre Tränen zurückhalten. Als sie auf ihren Mann angesprochen wird, kann sie ihre Trauer nicht mehr zurückhalten und sagt: „Den haben wir vor ein paar Tagen beerdigen müssen“. Was mit ihm passiert ist, bleibt offen.

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Die Stimmung bei den Ukrainern schwankt zwischen Wut und Verzweiflung. Viele beklagen sich über fehlende Reformen und die weiterhin schlechte Ausrüstung der Armee. Auch in der Wirtschaft wächst der Unmut.

Viele Flüchtlinge sind alte Leute wie Valentina, einige auf Rollstühle und Gehhilfen angewiesen. Shanna Tsenilowa steht mit ihren Kollegen am Bahnsteig 1, sie ist von der ukrainischen Sektion der Weltgesundheitsorganisation WHO und hat ein Auge auf verletzte Personen. Auch eine Gruppe des Internationalen Roten Kreuzes und eine des Uno-Flüchtlingswerks UNHCR stehen mit ihren weiß-roten oder hellblauen Oberteilen am Gleis.

Das Kommando am Bahnhof hat jedoch Anatoli Kornejew. Er ist Psychologe beim Innenministerium der Ukraine und koordiniert mit mehreren hundert Mitarbeitern die Ankunft der vielen Flüchtlinge am Bahnhof. In der Wartehalle, einem Saal mit sechs Meter hohen Decken und kunstvoller Wand- und Deckenmalerei, hat er sein Hauptquartier aufgeschlagen.

Kommentare (26)

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Herr walter danielis

11.02.2015, 10:15 Uhr

Ursächlich für diesen Konflikt ist der vom Westen gesteuerte Staatstreich in Kiew. Ohne das Eingreifen des Westens gäbe es keine Ukrainekrise. Das heißt, es gäbe keine tausende von Toten, keine Verletzten, keine Flüchtlinge, keine zerstörten Städte und Dörfer. Und es gäbe keine Kriegsgefahr in Europa. Was der Westen hier beklagt, hat er alleine ausgelöst.

Herr Marc Otto

11.02.2015, 10:17 Uhr

Ist das alles nicht schrecklich?

Überall, wo der Ami sich einmischt, entsteht Chaos und Blutvergießen ohne Ende.

Herr Marc Otto

11.02.2015, 10:22 Uhr

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