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03.10.2014

17:10 Uhr

Ukraine-Krise

Rot-Kreuz-Mitarbeiter stirbt bei Gewalteskalation

In der Ostukraine stirbt ein Schweizer Rot-Kreuz-Helfer. Separatisten wie die ukrainische Armee beteuern ihre Unschuld. Eskaliert die Gewalt weiter?

Seit Wochen ein gewohntes Bild: In Donezk steigt immer wieder schwarzer Rauch auf – aber nicht aus Kohlöfen. dpa

Seit Wochen ein gewohntes Bild: In Donezk steigt immer wieder schwarzer Rauch auf – aber nicht aus Kohlöfen.

Donezk/MoskauNach dem Tod eines Rot-Kreuz-Mitarbeiters in der Ostukraine haben sich die Führung in Kiew und die prorussischen Separatisten gegenseitig die Schuld an der Gewalteskalation gegeben. Der 38-jährige Schweizer starb, als eine Granate das Büro des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Donezk traf. Der prowestliche Außenminister Pawel Klimkin sagte, „Terroristen“ hätten das Geschoss abgefeuert. Dagegen machte Russland am Freitag wie zuvor die Aufständischen ebenfalls die ukrainische Armee für den tödlichen Beschuss vom Donnerstagabend verantwortlich.

„Wir sind zutiefst schockiert über den tragischen Verlust“, teilte das IKRK mit. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich besorgt über die zunehmende Gewalt der vergangenen Tage. Ein umfassendes Wiederaufflammen der Kämpfe könne katastrophal für die Ukraine, die Region und darüber hinaus werden, teilte Ban mit.

Separatistenführer Andrej Purgin bekräftigte, die Aufständischen wollten die seit dem 5. September geltende Feuerpause aufrechterhalten.

Was ist „Neurussland“?

Neuer Streit um ein historisches Gebiet

In der Ostukraine haben prorussische Separatisten im Mai ihre „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk zu „Neurussland“ vereinigt. Auch Russlands Präsident Putin verwendete mehrfach diese Bezeichnung. Sie hat einen historischen Ursprung.

Feldzüge gegen Türken

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde ein Militärbezirk nördlich des Schwarzen Meeres so genannt. Neurussland reichte damals von Bessarabien (heute die Republik Moldau) bis zum Asowschen Meer. Zentrum war Krementschuk, etwa 300 Kilometer südöstlich von Kiew. Zur Zeit der Feldzüge gegen die Türken und das Krim-Khanat sollte die Ansiedlung russischer und ukrainischer Bauern sowie ausländischer Siedler das Grenzgebiet stabilisieren.

Auflösung nach Eroberung der Krim

1764 bildete Zarin Katharina die Große das „Neurussische Gouvernement“. Nach der Eroberung der Krim verlor Neurussland seine strategische Bedeutung und wurde rund 20 Jahre nach der Gründung wieder aufgelöst. Zar Paul I. bildete 1796 erneut ein kurzlebiges Verwaltungsgebiet Neurussland um den Hauptort Noworossisk, dem heutigen Dnjepropetrowsk.

Deutsche Siedler

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein russisches „Generalgouvernement Neurussland-Bessarabien“ geschaffen. Von 1818 bis etwa 1880 wurden wieder ausländische Siedler angeworben. Auch aus deutschsprachigen Gebieten kamen viele Menschen in die Steppen Neurusslands. Die Dörfer dieser „Schwarzmeerdeutschen“ existierten bis zu den Deportationen in der Stalin-Zeit.

Beobachter registrierten in den vergangenen Tagen immer heftigere Gefechte mit zahlreichen Toten, vor allem am Flughafen von Donezk. Dieser ist seit Wochen umkämpft. Allein am Freitag berichtete der Sicherheitsrat in Kiew von zwei getöteten und neun verletzten Soldaten innerhalb von 24 Stunden. Dem Stadtrat von Donezk zufolge wurden bei Artilleriebeschuss mindestens fünf Menschen verletzt. Am Donnerstag hatte es nach Militärangaben mindestens acht Tote gegeben.

Das wirtschaftliche Zentrum der Ukraine, der Donbass, ist Präsident Petro Poroschenko zufolge durch die Kämpfe schwer beschädigt worden. Die Hälfte der Infrastruktur sei zerstört. „Kohlegruben stehen unter Wasser, Hochöfen sind defekt - wir brauchen viele Milliarden Dollar, um alles wieder herzustellen“, sagte der prowestliche Staatschef.

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