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07.05.2014

14:45 Uhr

Ukraine-Krise

„Schokoladenbaron“ will politische Macht

Er ist reich und mächtig, wegen seiner Schokoladenfabrik nennt man ihn „Schokoladenbaron“, nun will er mehr: Der Oligarch Petro Poroschenko tritt bei der ukrainischen Präsidentschaftswahl an und gilt als Favorit.

Petro Poroschenko verlässt den Bundestag in Berlin: Der Oligarch will Präsident der Ukraine werden. AFP

Petro Poroschenko verlässt den Bundestag in Berlin: Der Oligarch will Präsident der Ukraine werden.

KiewEr leitet ein Süßwarenimperium, ist steinreich und machte sich als Finanzier der ukrainischen Revolution verdient. Jetzt will der Oligarch Petro Poroschenko Präsident des Landes werden - wobei er Umfragen zufolge beste Chancen auf das Amt hat. Sollte er die für den 25. Mai geplante Wahl gewinnen, dürfte der eigenwillige Milliardär im Konflikt mit Russland kaum auf verbale Abrüstung setzen.

Bei einem Besuch in Berlin wetterte Poroschenko am Mittwoch bereits wortgewaltig gegen „Terroristen mit Maschinengewehren“ im Osten des Landes. Angesichts von Plänen der von ihm gemeinten prorussischen Separatisten, Referenden über eine Abspaltung von der Ukraine abzuhalten, sagte er voraus: „Die Menschen unterstützen das überhaupt nicht und werden nicht zu den Wahllokalen gehen.“ Zugleich versprach er den Einwohnern im Osten des Landes „annehmbare Arbeitsplätze und Löhne“.

Der eskalierende Machtkampf in der Ostukraine

Nach dem Sturz...

... der moskautreuen Führung in Kiew und dem Anschluss der Krim an Russland ist der Konflikt um die mehrheitlich russischsprachige Ostukraine eskaliert.

Erste Ausschreitungen...

... gibt es am 6. April. Bei Demonstrationen in der Ostukraine gibt es massive Ausschreitungen. Moskautreue Aktivisten besetzen Verwaltungsgebäude in den Millionenstädten Charkow und Donezk.

Die Besetzer...

... fordern am 7. April erstmalig Referenden über eine Abspaltung der Ostukraine von Kiew und rufen eine souveräne Volksrepublik aus. In weiteren Orten werden Gebäude besetzt.

Ein „Anti-Terror-Einsatz“...

... am 13. April gegen Separatisten in Slawjansk fordert Tote und Verletzte. In Charkow werden bei Zusammenstößen von Gegnern und Anhängern einer Annäherung an Russland Dutzende verletzt.

Barack Obama...

... telefoniert am 14. April mit Kremlchef Wladimir Putin. Der US-Präsident äußert sich darin besorgt darüber, dass Moskau die prorussischen Separatisten unterstütze. Putin bestreitet eine Einmischung.

Ein Friedensplan...

... wird am 18. April bei einem internationalen Treffen in Genf beschlossen. Wichtigster Punkt: Die Separatisten sollen die Waffen niederlegen und besetzte Gebäude räumen.

Mit Panzern und Hubschraubern...

... gehen Regierungstruppen am 24. April bei Slawjansk gegen Separatisten vor. Putin verurteilte den Einsatz der ukrainischen Armee als „sehr ernstes Verbrechen“, das „Folgen“ für die Regierung in Kiew haben werde.

Militärbeobachter der OSZE...

... werden am 25. April von Separatisten in deren Gewalt gebracht, darunter sind vier Deutsche. In Slawjansk beschuldigt der örtliche Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow die Gruppe der Spionage.

Zurschaustellung der Geiseln...

...am 27. April. Die OSZE-Geiseln werden von Ponomarjow der Presse vorgeführt. Sie sollen gegen inhaftierte Separatisten ausgetauscht werden.

Neue Sanktionen...

... gegen Moskau verhängen die EU und die USA am 28. April aus Verärgerung über das Vorgehen Russlands gegen Moskau. Am selben Tag wird in Charkow der Bürgermeister durch einen Schuss schwer verletzt. Auf dem Militärflugplatz Kramatorsk beschießen Unbekannte Regierungseinheiten.

Die prorussischen Militanten...

... besetzen 30. April in Lugansk und Gorlowka weitere Gebäude. In Kiew räumt Übergangspräsident Alexander Turtschinow ein, die Kontrolle über Teile des Landes verloren zu haben.

Der Gegenschlag...

... von Kiew erfolgt am 2. Mai. Truppen der ukrainischen Armee, der Nationalgarde und des Innenministeriums gehen in Slawjansk und Kramatorsk massiv gegen die Separatisten vor.

Bereits nach dem Verlust der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel an Russland in der Folge eines solchen Referendums verkündete Poroschenko, er sei „überzeugt, dass eine verantwortungsvolle ukrainische Regierung in der Lage sein wird, die Krim zurückzuholen“. Um alle Zweifel auszuräumen, schob der 48-jährige Volkswirt und verheiratete Vater von vier Kindern hinterher: „Die Krim wird immer ukrainisch sein.“ Seinen Wählern versprach er „eine neue Armee, modern und effizient“.

Als einziger Oligarch des Landes hatte sich Poroschenko offen hinter die proeuropäische Maidan-Bewegung gestellt. Und er war ihr wichtigster Geldgeber. Einer Schätzung des US-Magazins "Forbes" zufolge beläuft sich sein Vermögen auf umgerechnet rund eine Milliarde Euro. Zudem war er der einzige Politiker, der persönlich auf die Krim flog, um mit den dort aufmarschierten prorussischen Kräften zu verhandeln. Letztlich wurde er zwar unverrichteter Dinge heimgeschickt, das Signal aber blieb.

Poroschenko machte sein Vermögen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er Jahren. Anders als die meisten Oligarchen der Ukraine, die sich seinerzeit billig Staatseigentum unter den Nagel rissen, erarbeitete er sich seinen Reichtum selbst. Er begann mit dem Verkauf von Kakaobohnen, übernahm mehrere Süßwarenfabriken und gründete schließlich den Branchengiganten Roschen, der nach Firmenangaben 450.000 Tonnen Süßwaren pro Jahr herstellt - daher der Spitzname "Schokoladenbaron".

Hochburgen prorussischer Milizen in der Ostukraine

Slawjansk

Die Industriestadt (110.000 Einwohner) in der Region Donezk.

Donezk

Die Hauptstadt der gleichnamigen Region (eine Million Einwohner) ist zugleich die Hauptstadt der von den Aktivisten ausgerufenen „Republik Donezk“. Das Gebäude der Regionalverwaltung wurde am 6. April besetzt, das Rathaus zehn Tage später.

Lugansk

Die Hauptstadt der Region Lugansk (400.000 Einwohner) wird von den Milizen auch als Hauptstadt der „Republik Lugansk“ bezeichnet. Die Geheimdienstzentrale ist seit dem 6. April besetzt, am 29. April stürmten prorussische Demonstranten zudem das Gebäude der Regionalverwaltung.

Kramatorsk

In der Nachbarstadt von Slawjansk (160.000 Einwohner) besetzten Aktivisten am 12. April erstmals das Rathaus. Auch ein Gebäude des Geheimdienstes ist in ihrer Gewalt. Ein ukrainischer Militärstützpunkt in der Nähe ist jedoch weiterhin unter Kontrolle ukrainischer Soldaten.

Weitere Städte

In diesen Städten sind die Rathäuser besetzt: Gorliwka (260.000 Einwohner), Makijiwka (360.000 Einwohner), Artemiwsk (78.000 Einwohner), Jenakijewe (85.000 Einwohner), Charzysk (60.000 Einwohner), Schdaniwka (14.000 Einwohner), Kirowsk (28.000 Einwohner), Tores (80.000 Einwohner), Kostjantyniwka (80.000 Einwohner)

Heute gehört Poroschenko zu den zehn reichsten Ukrainern. Ihm gehören auch Automobil- und Busfabriken, eine Werft und nicht zuletzt ein oppositionsnaher Fernsehsender, der live von den Protesten auf dem Unabhängigkeitsplatz in der Hauptstadt Kiew berichtete. Diese trieben den russlandtreuen Staatschef Viktor Janukowitsch schließlich aus jenem Amt, das Poroschenko nun anstrebt.

In die Politik ging Poroschenko im Jahr 1998 als Abgeordneter im Windschatten des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma. Zwei Jahre später gründete er mit Gleichgesinnten die Partei der Regionen, in der auch Janukowitsch groß wurde. Bald darauf tat sich Poroschenko aber mit seinem Freund Viktor Juschtschenko zusammen, der im Jahr 2004 zum Helden der sogenannten orangenen Revolution und zum ukrainischen Staatschef aufstieg.

Unter Juschtschenko war Poroschenko in den Jahren 2009 und 2010 Außenminister, blieb aber politisch flexibel: Als in Kiew wieder Janukowitsch ans Ruder gelangte, übernahm er im Jahr 2012 kurzzeitig das Amt des Wirtschaftsministers. Wegen seiner Erfahrung und guten Kontakte zur Geschäftswelt halten ihn jetzt viele für prädestiniert, den freien Fall der ukrainischen Wirtschaft aufzuhalten und das Land zu einen. Einen Konkurrenten ist Poroschenko bereits los: Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärte seinen Verzicht auf die Präsidentschaftskandidatur und unterstützt nun den "Schokoladenbaron". Dadurch wiederum scheint auch die Kandidatur der früheren Regierungschefin Julia Timoschenko nahezu aussichtslos. Die Politikerin zerstritt sich einst mit Poroschenko, woraufhin Juschtschenko beide entließ.

Von

afp

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

07.05.2014, 16:44 Uhr

Der Mann erfüllt die Anforderungen für einen Präsidenten der bis auf die Knochen korrupten Ukraine bestens. Selbst die braune Farbe seiner Schokolade paßt hervorragend zum braunen Sumpf der "neuen". Ukraine. Und die Russen wird er in wenigen Tagen von der Krim vertreiben und gleich die Schwarzmeerflotte übernehmen. Hurra, das sind neue Perspektiven!

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