Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.04.2014

18:43 Uhr

Ukraines Ex-Präsident

Janukowitsch sieht Abspaltung der Krim als „Tragödie“

Wäre er noch Präsident der Ukraine, hätte Russland die Krim nicht annektiert, davon ist Viktor Janukowitsch überzeugt. Er hoffe, dass die Halbinsel wieder zur Ukraine komme, und bietet an, deswegen mit Putin zu sprechen.

Viktor Janukowitsch sagt, er habe keinen Schießbefehl gegeben, als in Kiew bei Protesten 80 Menschen getötet wurden. dpa

Viktor Janukowitsch sagt, er habe keinen Schießbefehl gegeben, als in Kiew bei Protesten 80 Menschen getötet wurden.

Rostow-am-DonDer frühere ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch hat die Abspaltung der Halbinsel Krim als „Tragödie“ bezeichnet. Unter seiner Führung wäre die Annexion der Region durch Russland nicht geschehen, sagte er am Mittwoch der Nachrichtenagentur AP und dem russischen Fernsehsender NTV. Derweil versprachen die USA und die EU der Ukraine Hilfe bei der Energieversorgung, nachdem der russische Konzern Gazprom am Vortag die Gaspreise für das Land erhöht hatte.

„Die Krim ist eine Tragödie“, sagte Janukowitsch im Interview. Er hoffe, dass die Halbinsel eines Tages wieder zur Ukraine komme, und dass er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin darüber sprechen könne. Die Krim hatte sich nach einem eilig anberaumten Referendum Mitte März Russland angeschlossen. Der Westen erkennt dies jedoch nicht an.

Es müsse ein Weg gefunden werden, dass die Krim unter allen Umständen an die Ukraine zurückgegeben werde und die Region zugleich maximale Autonomie habe, erklärte Janukowitsch. Er habe bereits eine „ruhige“, aber „schwierige“ Unterhaltung mit Putin geführt, sagte er.

Die Halbinsel Krim - bald wieder russisch?

Besteht die Gefahr eines Krieges oder einer Ausweitung des Konflikts auf andere Regionen?

Der Russland-Experte Ewald Böhlke von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagt ja. „Niemand soll sich Illusionen machen und glauben, er hat das im Griff. Denn solche Prozesse sind irrational zum Teil, sie sind spontan, sie sind nicht planbar, und wir haben ja auf dem Maidan und anderswo gesehen, es reicht manchmal ein kleiner Funke, und schon gibt es eine Riesenflamme.“ Es sei davon auszugehen, dass in der Ost- und Südukraine andere Gebiete zumindest „in den Sog“ des Krim-Referendums kommen. Zudem hätten etwa in der Republik Moldau viele Menschen Angst vor einem ähnlichen Szenario.

Wie geht es jetzt weiter?

Die EU und die USA erkennen das Referendum - ebenso wie Kiew - nicht an, weil es aus ihrer Sicht gegen das Völkerrecht und die Verfassung der Ukraine verstößt. Sie weiteten am Montag ihre Sanktionen aus, um Putin zu bestrafen und zur Rückkehr zum Dialog zu zwingen. Russland treibt unterdessen die Eingliederung der Krim voran.

Wie ging die Volksabstimmung aus?

Nach Angaben der Wahlkommission stimmten rund 97 Prozent für die Angliederung an Russland.

Was war Gegenstand des Referendums?

Die rund 1,8 Millionen Wahlberechtigten konnten wählen zwischen einer Vereinigung der Krim mit Russland oder der Wiederherstellung der Gültigkeit der Krim-Verfassung von 1992 und für einen Status der Krim als Teil der Ukraine. Anders als im aktuellen Text der Verfassung der Ukraine steht im Grundgesetz von 1992 nicht, dass die Krim ein unveräußerlicher Teil der Ukraine sei.

Wie kam es zum Referendum?

Im Zuge der zunehmenden politischen Instabilität in der Ukraine bereitete Kremlchef Wladimir Putin - da sind sich ukrainische Nationalisten und Kreml-Gegner einig - die Übernahme der Krim generalstabsmäßig vor. Nach dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und der Bildung einer prowestlichen Übergangsregierung in Kiew beraumten prorussische Kräfte im Eiltempo ein Referendum an. Putin erkennt die neue Regierung in Kiew nicht an und behauptet, sie bedrohe die russische Minderheit in der Ukraine.

Warum will Russland die Krim?

Für Russland ist sie geostrategisch und militärisch von großer Bedeutung. Denn in der Hafenstadt Sewastopol befindet sich die Basis der russischen Schwarzmeerflotte. Die Eingliederung der Krim in der Ukraine durch Chruschtschow wurde als historischer Fehler bewertet. Viele ethnische Russen auf der Halbinsel - aber auch Ukrainer - sind enttäuscht von der politischen Klasse im fernen Kiew und der schlechten wirtschaftlichen Lage, sie wünschen sich schon länger eine Heimkehr zu „Mütterchen Russland“.

Was passierte nach dem Fall der Sowjetunion?

Die Ukraine wurde ein unabhängiger Staat mit der Krim als Bestandteil. 1992 gewährte Kiew der Halbinsel einen begrenzten Autonomiestatus.

Wem gehört die Krim?

Im Verlauf der Geschichte hatte sie viele Herren. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte sie zu Russland. Kremlchef Nikita Chruschtschow, der in der Ukraine aufwuchs, schenkte die Halbinsel 1954 der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik, was in der Sowjetunion zunächst kaum praktische Auswirkungen hatte.

Wie setzt sich die Bevölkerung zusammen?

Von den mehr als zwei Millionen Einwohnern sind etwa 25 Prozent Ukrainer und knapp 60 Prozent Russen. Zudem siedelten sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR rund 250.000 Krimtataren wieder dort an, die Stalin in den 1940er Jahren nach Zentralasien deportieren ließ.

Was ist die Krim?

Die Krim ist die größte Halbinsel im Schwarzen Meer und umfasst rund 26.000 Quadratkilometer. Sie ist damit in etwa so groß wie das Bundesland Brandenburg.

Ende Februar hatte sich Janukowitsch nach monatelangen Protesten aus Kiew nach Russland abgesetzt. Danach übernahm eine neue Führung die Macht in der Ukraine und rief Wahlen für den 25. Mai aus. Russland bezeichnet den Machtwechsel als illegal. Janukowitsch sieht sich immer noch als rechtmäßiger Präsident der Ukraine, und Russland unterstützt ihn dabei. Zugleich hat Putin aber klar gemacht, dass er keine politische Zukunft für Janukowitsch sieht.

Auf die Massenproteste im Winter angesprochen, bei denen in der Endphase rund 80 Menschen getötet worden waren, sagte Janukowitsch, er habe keinen Befehl zum Schießen auf die Demonstranten gegeben. Die neue ukrainische Regierung hat Janukowitsch in Zusammenhang mit den Todesfällen angeklagt.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

03.04.2014, 09:01 Uhr

Wieso darf Russland die Öl- und Gasversorgung nicht als politisches Instrument nutzten? Die westliche Politik macht das gleiche mit den wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland. Sowohl das eine als auch das andere sind wunde Stellen.
Man darf also andere willkürlich beschneiden, aber wenn man selbst beschnitten wird, macht sich Empörung breit.

Account gelöscht!

03.04.2014, 11:05 Uhr

Bei der Europawahl am 25.5.2014 bleibt einem nichts anderes übrig, als AfD zu wählen, die es u.a. ablehnt, daß die Ukraine und andere Oststaaten(Georgien), der EU und der Nato beitreten. Die Befürworter einer Mitgliedschaft der Ukraine und der anderen Oststaaten in der EU und Nato sollten sich auch einmal mit der Neuen Weltordnung und Herrn Zbigniew Brzezinski befassen, der vor ein paar Wochen bei der Münchner Sicherheitskonferenz dem Panel zum Thema Ukraine-Krise angehörte.Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich die Nato-Militärführer zur Selbstbestätigung nach einem heißen Krieg mit Rußland sehnen. Damit können sie auch dem üblen Machtstreben der Machtpolitiker ein Ende setzen.Diesen heißen Krieg werden sie wohl auch nicht überleben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×