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27.08.2011

16:17 Uhr

Umbruch in Libyen

Die Absichten sind gut - die Aussichten nicht

VonJochen Bittner
Quelle:Zeit Online

Offenbar sind es Demokraten, die in Libyen die Macht erobert haben. Nun stehen sie vor dem Nichts: Es gibt keine Parteien, keine Institutionen, keine Polizei.

Ein libyscher Rebell in Tripolis. Reuters

Ein libyscher Rebell in Tripolis.

Was ist von den Rebellen zu erwarten?

Bislang machen die libyschen Aufständischen ganz überwiegend den Eindruck einer besonnenen Sammlungsbewegung. Und wenigstens in einem zentralen Punkt scheinen sie einig zu sein: Es kamen nie ernsthafte Zweifel daran auf, dass in Libyen eine Demokratie entstehen soll. Zwar zählt der sogenannte Nationale Übergangsrat (NTC) auch Muslimbrüder und islamisch strenggläubige Salafisten zu seinen Mitgliedern, doch ist die große Bandbreite eher eine Stärke als ein Problem: Bisher hat sich keine Gruppierung zu Wort gemeldet, die einem demokratischen, durch den Westen geförderten Staat den Krieg erklären würde.

Der Vorsitzende des Übergangsrates, der frühere libysche Justizminister Mustafa Abdul Dschalil, bekräftigte dieser Tage noch einmal, dass der NTC nach dem Sturz Gadhafis allenfalls noch acht Monate lang das Land lenken wolle; dann müsse es Wahlen geben und ein Verfassungsreferendum. Ein Vorteil des langen Kampfes gegen den Diktator ist, dass die Aufständischen Zeit hatten, sich zu sortieren und einen Fahrplan für die Zukunft zu skizzieren, inklusive eines Verfassungsentwurfs.

So einig die Rebellen in ihrer Programmatik zu sein scheinen, so zerstritten sind sie offenbar in Loyalitätsfragen. In Tripolis, so berichten Beobachter am Ort, fühlten sich viele Kämpfer zu wenig unterstützt vom Hauptquartier in Bengasi. Ausgerechnet die Truppen, die dem Regime den entscheidenden Schlag zu versetzen hatten, sind schlechter ausgerüstet als die Kämpfer im Osten des Landes, und »der NTC hat sich nicht wirklich Mühe gegeben, die Kluft zu schließen«, zitiert die New York Times Jussuf Mohammed, einen Managementberater, der den Rebellen gerade dabei hilft, die Hauptstadt zu sichern.

Libyen in Zahlen

Wirtschaftsleistung

Die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) wurde für 2009 auf 60,2 Milliarden US-Dollar geschätzt. Für 2010 soll sie nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei 76,6 Milliarden Dollar liegen. Libyen sei damit eines der reichsten Länder Afrikas, erklärt der Arabien-Experte der deutschen Fördergesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) Christian Glosauer. Zum Vergleich: Das BIP Deutschlands betrug 2009 rund 3352,7 Milliarden Dollar.

Wichtige Wirtschaftszweige

Mehr als die Hälfte des BIP erwirtschaftet Libyen mit Erdöl und Bergbau (2009: 56,5 Prozent). Dahinter folgen Bauwirtschaft (8,4 Prozent), Öffentlicher Dienst, Wohnungswirtschaft, Gastgewerbe.

Exporte

Bei den Ausfuhren wies Libyen 2009 ein Minus von gut 40 Prozent auf 37,1 Milliarden Dollar aus. Diese Veränderung gegenüber dem Vorjahr war laut Glosauer auf die extrem hohen Ölpreise 2008 zurückzuführen. Entsprechend stieg der Export 2010 auf 47,8 Milliarden Dollar. Libyen exportiert fast ausschließlich Öl und Gas (fast 98 Prozent) - zu den Hauptabnehmern zählen Nord- und Südamerika mit fast der Hälfte und die Europäische Union mit gut einem Viertel.

Importe

Libyen importiert hauptsächlich Maschinen und Transportausrüstungen (2009: 53,5 Prozent), desweiteren Rohstoffe zur Weiterverarbeitung sowie Lebensmittel und lebende Tiere. Insgesamt wurden 2009 Waren im Wert von rund 22,0 Milliarden Dollar eingeführt, 2010 waren es 25,3 Milliarden Dollar.

Handel mit Deutschland

Deutschland führte im vergangenen Jahr für 3,1 Milliarden Euro Güter aus Libyen ein. Die Exporte in den Wüstenstaat lagen bei lediglich knapp einer Milliarde Euro.

Wie tief die Zerwürfnisse innerhalb der Rebellenbewegung sind, zeigt ein Vorfall Ende Juli. Da wurde der oberste Militärkommandant der Rebellen, Abdel Fattah Jounis, durch andere Aufständische getötet, höchst wahrscheinlich als Vergeltung für den Tod zahlreicher Islamisten, den er als ehemaliger Innenminister Gadhafis zu verantworten hatte. Ein Menetekel.

Kommentare (4)

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Kalle

27.08.2011, 17:23 Uhr

"Offenbar sind es Demokraten." Wirklich? Schöne Demokraten, fangen gleich mit Erschiessungen an. Es ging doch nur ums Öl was die Chinesen nicht bekommen sollten. Aber das wollen wir doch nicht hören!

JaJa

27.08.2011, 21:41 Uhr

Offenbar sind es Demokraten, die plündernd wie eine Vandalenhorde durch Tripolis ziehen, das kann ja gar nicht anders sein... Müssen sich halt noch etwas abreagieren.
Kleinere Ausrutscher, bei denen verwundete Soldaten im Krankenhaus massakriert wurden und Erschießungen querbeet seien ihnen verziehen, denn es sind ja lupenreine Demokraten, denen mit diesem Artikel Absolution erteilt wird....
Selbstverständlich ist Deutschland jetzt eingeladen, sich am Staatsaufbau zu beteiligen... vorzugsweise mit bewährter Scheckbuchdiplomatie.

terrone

27.08.2011, 23:11 Uhr

schoener Artikel, in Frankfurt am Schreibtisch geschrieben. Natuerlich muessen die Warfalla eingebunden werden, die haben nicht nur den Sicherheitsapparat gebildet - vor allem stellen sie mit 1,5 Millionen Stammesangehoerigen 20-25% der Bevoelkerung. Da kommt ueberhaupt Nichts so, wie es Euch die NATO-Propaganda unterjubeln will. Einigermassen unzensiert schreibt schon jetzt Lorenzo Cremonesi im italienischen CdS, die rebs metzeln jetzt vorrangig Schwarzafrikaner nieder - da besteht kein Risiko der Blutrache - und klauen, was es zu klauen gibt. Dann lassen sich noch die Gelder verteilen, die jetzt aus den USA und Europa fliessen - und dann ist Schluss und Alles wird wie bisher, nur halt ohne Ghedaffi. Das ist eine Stammesgesellschaft und die Bedeutung der einzelnen Staemme ist unangetastet geblieben, zumal die Warfalla und alle Wuestenstaemme des Fezzan nicht am Konflikt teilgenommen haben. Zu Idris's Zeiten hat es schon einmal Parteien gegeben, die wieder aufgeloest wurden, weil sie sich nur die Koepfe eingeschlagen haben. Die grossen Staemme bestimmen, aber binden auch die kleinen ein. Die Nato hat jetzt Partei ergriffen fuer die ultra-traditionelle Bewegung aus Benghasi, aber die Senussi sind nur ca. 40-45.000; ohne NATO-Bomben laufen die schnell nach Benghasi zurueck.

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