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14.05.2013

10:52 Uhr

Umfrage in acht EU-Staaten

Griechen halten sich selbst für die Redlichsten

Die langwierige Krise frustet Europas Bürger. Immer weniger Menschen können sich für die Union erwärmen. Deutschland wird von den Nachbarn zwar als sehr vertrauenswürdig angesehen, gilt aber aber zugleich als arrogant.

Die EU verliert bei den Bürgern dramatisch an Zustimmung. AFP

Die EU verliert bei den Bürgern dramatisch an Zustimmung.

BrüsselIn Europa macht sich Trübsinn breit. Angesichts der langwierigen Wirtschafts- und Schuldenkrise verliert die Europäische Union dramatisch an Zustimmung. Laut einer Umfrage in acht EU-Staaten ist die Unterstützung für den Staatenbund dramatisch gefallen.

In Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Italien, Polen sowie Griechenland und Tschechien zählen sich aktuell nur noch 45 Prozent der Bürger zu den EU-Befürwortern, wie eine am Montag veröffentlichte Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zeigt. Im Vorjahr waren es noch 60 Prozent.

In keinem Land schwindet der Mut und die Zuversicht schneller als in Frankreich. Dort glauben inzwischen drei von vier Bürgern, dass die europäische Integration dem Land geschadet hat. Und 58 Prozent bewerten die Arbeit der EU schlecht – ein Anstieg von 18 Prozentpunkten binnen eines Jahres.

Die gebrochenen Versprechen der Euro-Retter

Keine Finanzhilfe für Griechenland

„Hilfe steht nicht auf der Tagesordnung, denn Griechenland sagt selbst, dass es im Augenblick keine Hilfe braucht."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. März 2010

Ende April beantragt Griechenland offiziell Finanzhilfe, im Mai beschließen die EU, die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) das erste Griechenlandpaket.

Keine dauerhaften Rettungsschirme

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart."
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 24. Juli 2010

Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (ESFS) ist zwar zeitlich befristet, aber die Euro-Finanzminister einigen sich Anfang 2012 auf den dauerhaften Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).

Kein griechischer Schuldenschnitt

„Ich werde langsam müde, diese Gerüchte immer wieder zu dementieren."
Griechenlands früherer Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am 18. April 2011

Im Oktober beschließen die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone einen Schuldenschnitt für Griechenland: Private Gläubiger und Banken verzichten auf 50 Prozent ihrer Forderungen.

Das Volumen der Rettungsschirme

„Wir haben jetzt ein Land unter dem Schirm, das ist Irland. Und damit ist das Volumen noch weit davon entfernt, ausgeschöpft zu sein."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. Januar 2011

Im April 2011 stellt Portugal Antrag auf Hilfe. Es wird klar, dass die bisher hinterlegten Bürgschaften nicht ausreichen, um die Kredite zu den gewünschten Zinskonditionen zu beschaffen. Im Juni beschließt die Euro-Zone, den EFSF auf 780 Milliarden Euro aufzustocken, durch den sogenannten Hebel wird das Volumen im Oktober auf mehr als 1000 Milliarden Euro erhöht.

Keine Haftungsunion

„Eine gesamtschuldnerische Haftung wird es nicht geben, solange ich lebe."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 26. Juni 2012

Im Oktober 2012 schlägt die Troika aus EU, EZB und IWF den Finanzministern der Euro-Zone einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland vor: Auch die öffentlichen Gläubiger sollen Athen nun einen Teil ihrer Forderungen erlassen. Damit würde die Rettung Griechenlands erstmals die deutschen Steuerzahler wirklich Geld kosten. Schäuble lehnt ab und schlägt vor, Griechenland mehr Zeit zu geben.

Die Spareinlagen sind sicher

Die Europäische Union garantiert, dass Ersparnisse bis zu 100.000 Euro innerhalb der Währungsunion sicher sind.

Im Fall Zyperns war die Politik kurz davor, gegen ihre eigenen Zusagen zu verstoßen. Zunächst war geplant, Kleinsparer an der Bankenrettung zu beteiligen. Nach empörten Protesten wurde die Zwangsabgabe überarbeitet. Nun müssen nur noch zyprische Sparer mit einem Vermögen über 100.000 Euro haften.

Nur ein Einzelfall?

„Zypern war nun ein ganz besonderer Fall, das wusste jeder.“
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 28. März 2013

Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem hatte zuvor in Interviews die Einbeziehung von wohlhabenden Kunden zyprischer Banken in die Maßnahmen zur Zypern-Rettung als richtungsweisend hingestellt. Er bezeichnete sie als „Blaupause“ für andere Länder, relativierte die Aussagen dann später wieder.

In den acht Staaten blickt eine Mehrheit der Bürger sorgenvoll in die Zukunft. Insgesamt erwarten zwei Drittel der 7646 Befragten, dass es ihren Kindern finanziell schlechter ergehen wird als ihnen selbst. In Frankreich beträgt dieser Anteil sogar 90 Prozent. Ein Ausstieg aus dem Euro ist dennoch kein Thema. In den fünf Ländern mit der Gemeinschaftswährung wollen 60 Prozent den Euro behalten.

Als das vertrauenswürdigste Land wird Deutschland gesehen. Für diese Ansicht fanden sich Umfragemehrheiten in sieben der acht Staaten. Allein die Griechen denken, dass sie selbst die Redlichsten sind.

Zugleich wird der „EU-Zahlmeister“ Deutschland auch sehr kritisch gesehen. Sie gelten als die arrogantesten und gleichgültigsten Europäer.

In den Einzelstaaten sind die jeweiligen Regierungschefs allesamt unpopulär und kommen auf magere Zustimmungsraten von 20 bis 30 Prozent. Einzig Bundeskanzlerin Angela Merkel ragt heraus und bekommt von den Deutschen 74 Prozent Zustimmung. Der zweitbeliebteste Regierungschef ist der Brite David Cameron, der aber nur 37 Prozent Unterstützer verbucht.

Von

ap

Kommentare (25)

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Account gelöscht!

14.05.2013, 11:21 Uhr

"Deutschland wird von den Nachbarn zwar als sehr vertrauenswürdig angesehen, gilt aber aber zugleich als arrogant. "

An letzterem ist leider etwas dran und schadet Deutschland sehr, weil das ein Grund ist, warum alle Angst vor einem starken Deutschland haben. Würde es sich rücksichts- und verständinisvoll verhalten und seine Stärke und Begabung zurückhaltend und weise einsetzen, hätte es die Euro-Zwangsjacke in die es und Europa sich gesteckt hat und in der niemand mehr Luft bekommt, wahrscheinlich gar nicht geben. Deshalb ist ein wichtiges Element im Kampf gegen die Schuldensowjetunion diese unsägliche Arroganz zu erkennen und zu transformieren.

diestimme

14.05.2013, 11:21 Uhr

so was nennt man relitätsverlust

Wartturm

14.05.2013, 11:28 Uhr

Liebe Griechen, aus eurer Sicht habe ihr jedenfalls recht. Denn wenn ich Lug und Betrug zum obersten Prinzip meiner Ethik mache, dann seid ihr Weltmeister! Gratulation. Aber habt dann wenigstens soviel Anstand und geht. Eure Schulden könnt ihr sowieso nie zurückzahlen. Und wir können euch auch nicht das Wasser reichen. Hier bei uns habe ich das Lied gelernt:"Üb immer Treu und Redlichkeit!" und als Bankkaufmann gilt das auch heute noch für mich. Ich bin eben von vorgestern. Nur unterscheiden uns Welten zwischen eurer und meiner Ethik. Deshalb kann auch nicht zusammenkommen was nicht zusammengehöhrt. Also mit allen Respekt. Behaltet euren Glauben an eure Redlichkeit und geht.

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