Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.06.2012

16:55 Uhr

Umfrage unter Ökonomen

Griechenlands Stunde Null

VonDietmar Neuerer

Für die Griechen geht es am Sonntag um alles oder nichts. Gewinnt die radikale Linke die Wahl, dann steht die Rückkehr der Drachme auf der Tagesordnung. Europas Krisenpolitik erreicht das Ende ihrer Möglichkeiten.

Warten auf die Stunde Null - in Athen. dapd

Warten auf die Stunde Null - in Athen.

BerlinZwei Tage vor der alles entscheidenden Parlamentswahl steuert Griechenland Richtung Abgrund. Die Stunde Null mit Staatsbankrott und Exodus aus dem Euroland ist nicht mehr weit, sollte die radikale Linkspartei Syriza als Sieger aus dem Urnengang hervorgehen. Denn die reformfeindliche Linke hat die Vereinbarungen mit EU und IWF bereits für null und nichtig erklärt. „Das Insolvenz-Memorandum wird am Montag der Vergangenheit angehören“, tönte Parteichef Alexis Tsipras diese Woche. Zwar bekräftigte er gleichzeitig seinen Willen, das Land im Euro halten zu wollen. Das Beispiel Spanien zeige, dass es möglich sei, ohne Sparauflagen im Währungsraum zu bleiben. Aber ob das auch Griechenlands Partner so sehen, ist noch nicht entschieden.

Zwar verlautet aus EU-Kreisen, das die Euro-Länder bereit seien, Griechenland einen gewissen Spielraum bei der Umsetzung der Sparziele zu geben.  Doch in Berlin will man davon nichts wissen. So wies das Finanzministerium Berichte zurück, die Finanzminister der Euro-Gruppe hätten bereits eine Telefonkonferenz für den Wahlabend geplant. Deutlicher wurde der Chef der FDP-Bundestagfraktion, Rainer Brüderle. Verträge könnten „nicht beliebig gebrochen werden“, warnte er. „Europa hat die Hand weit ausgestreckt.“  Nun müsse Athen „vertragstreu sein“.

 Rückkehr zur Drachme: Gebrauchsanleitung für den Euro-Austritt

Rückkehr zur Drachme

Gebrauchsanleitung für den Euro-Austritt

Entscheiden sich die Griechen mit der Parlamentswahl für den Austritt aus der Euro-Zone? Und wenn ja: Wie soll das gehen? Handelsblatt Online zeigt eine Anleitung in fünf Schritten. So geht es raus aus dem Euro.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vermied es, direkt zu Griechenland Stellung zu beziehen. Doch zur Bewältigung der Schuldenkrise in Europa, die sie als „historische Bewährungsprobe“ sieht, gehört natürlich auch Griechenland. Merkel sagte denn auch: „Das Thema Europa, das entscheidet sich in diesen Monaten, in diesem Jahr ganz wesentlich.“ Europapolitik sei immer zum Teil auch Innenpolitik, weil die Staaten über die Gemeinschaftswährung so eng verbunden seien.

„Deshalb ist die Stabilisierung des Euroraums eine Schlüsselfrage für uns“, sagte die CDU-Vorsitzende vor der Stiftung Familienunternehmen. „Wir setzen deshalb alles daran, gemeinsam mit unseren Partnern unsere europäische Wirtschafts- und Währungsunion zu stärken.“ Dabei dürfe Deutschland aber nicht überfordert werden, bekräftigte Merkel. „Unsere Stärke ist nicht unendlich.“

Was ein Euro-Austritt Griechenlands kosten würde

Erhebliche Lasten

„Der Austritt eines Landes aus der Eurozone würde auch für uns eine Menge Turbulenzen mitbringen", warnte bereits Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Seriös lässt sich die Kostenfrage aber nicht beantworten, weil es kein Drehbuch für Pleite und Euro-Austritt gibt. Allenfalls eine Annäherung an eine Antwort ist möglich.

Umrisse des Problems

Aus dem ersten Hilfspaket hat Griechenland von anderen Euro-Ländern 53 Milliarden Euro erhalten. Hinzu kommen 35,4 Milliarden Euro aus dem zweiten Paket. Zudem hat der Euro-Rettungsschirm EFSF 25 Milliarden Euro bereitgestellt, damit das Land seine vom Schuldenschnitt im März angeschlagenen Banken rekapitalisieren kann. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding zufolge ist das Geld aber offenbar noch nicht an die Banken geflossen.

Risikobewertung griechischer Anleihen

Der Analyst geht außerdem davon aus, dass die EZB noch griechische Anleihen im Nominalwert von gut 35 Milliarden Euro in den Büchern hat. Weil die Zentralbank diese vermutlich zu Kursen von rund 75 Prozent des Nominalwertes gekauft hat, rechnet Schmieding hier mit einem maximalen nominalen Verlustrisiko von 27 Milliarden Euro. Allerdings hat die EZB auch Gewinne mit Hellas-Anleihen gemacht. Verrechnet man die beiden Posten miteinander, kommt man für die EZB auf ein echtes Verlustrisiko von etwa 20 Milliarden Euro.

Target-II-Salden

Hinzu kommt aber ein weiteres Risiko, das sich hinter dem Begriff „Target II-Salden" verbirgt, von dem ebenfalls völlig unklar ist, wie und in welchem Umfang es sich realisieren könnte: Innerhalb des Verrechnungssystems der europäischen Notenbanken für den Zahlungsverkehr zwischen Banken (Target II) hatte die griechische Zentralbank gegenüber dem Eurosystem bis Ende Januar ein Negativ-Saldo von 107 Milliarden Euro aufgebaut. Schmieding zufolge dürfte es heute bei 120 bis 130 Milliarden Euro liegen.

Kreditsicherheiten

Abgesichert wird der Negativ-Saldo durch Kreditsicherheiten, die griechische Banken bei der griechischen Notenbank hinterlegt haben. Ob diese nach einem Euro-Austritt ihren Verpflichtungen gegenüber dem Eurosystem weiter nachkommen würde, Sicherheiten abtreten würde und welchen Wert diese Sicherheiten noch hätten, steht dabei in den Sternen. Von möglichen Verlusten, die sich aus Target II ergeben würden, müsste Deutschland über die Bundesbank ebenfalls 27 Prozent tragen.

Weitere Forderungen

Schließlich müssten in die Gesamtrechnung noch Forderungen europäischer Bürger und Unternehmen gegenüber griechischen Banken einfließen. Ende 2011 betrugen die Auslandsschulden griechischer Unternehmen etwa 100 Milliarden Euro, davon 91 Milliarden Bankschulden und neun Milliarden anderer Unternehmen.

Fazit

Weil nicht klar ist, welche Risiken eintreten würden, lassen sich die Kosten eines Staatsbankrotts und Euro-Austritts vorher nicht beziffern. Sicher ist aber: Es würde teuer werden.

Führende Ökonomen in Deutschland kommen zu einer ähnlichen Einschätzung. Auch sie sehen - insbesondere was die Griechenland-Frage anbelangt – das Ende der Fahnenstange erreicht. Sie sind daher überzeugt, dass der Ausgang der Griechenland-Wahl auch über den Fortbestand der bisherigen Krisenpolitik der Euro-Retter entscheidet.

„Die erneute Wahl in Griechenland entscheidet darüber, ob der Grundsatz der bisherigen Krisenpolitik in der Eurozone - Geld gegen Auflagen - weiter trägt“, sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, Handelsblatt Online.

Man könne immer über Umsetzungsfragen reden, vor allem dann, wenn die wirtschaftliche Entwicklung noch deutlich schlechter sein sollte als in den Anpassungsprogrammen unterstellt, konzediert Hüther. „Doch der Grundsatz der Krisenpolitik darf nicht in Zweifel gezogen werden, wenn man nicht die Euro-Zone zur Haftungsunion ohne angemessene Kontrolle machen will.“

Countdown für Griechenlandwahl läuft

Video: Countdown für Griechenlandwahl läuft

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

KHD

15.06.2012, 15:15 Uhr

Allein, die Tatsache, dass es zu solchen negativen Erwartungen und Warnungen vor Panikzuständen an den Märkten und Bankruns, etc. in der EURO Union vor der Wahl in einem der kleinsten EURO Ländern kommt, zeigt, dass diese Währungsunion bereits gescheitert ist.
Die Reaktionen auf Probleme in der EURO Union wie am Beispiel der zugesagten Kredithilfen für Spaniens Banken ohne irgendwelche Auflagen zeigen, dass hier nicht be- und durchdacht gehandelt wird, sondern nur noch mit kurzfristigem, panikartigem Handeln vermeintlich noch grössere Schäden abgewehrt werden sollen.
Rechnet man die Verhaltensweise der Politiker der letzten Jahre hoch, wird das Problem der Unruhe in der EURO Union durch Ausscheiden eines Landes höher eingeschätzt als die konsequente Umsetzung der bereits zugesagten und vereinbarten Sparmassnahmen und Strukturreformen in Griechenland.
Es ist daher zu erwarten, dass nach der Wahl in Griechenland unabhängig vom Ausgang keine Strukturreformen oder bereits zugesagte Sparbeschlüsse eingehalten werden müssen.
Damit ist die Transferunion vollzogen.
Dass wird zusammen mit dem Beispiel Spanien bei anderen überschuldeten Staaten, die unter Sparbeschlüssen und Strukturreformen leiden oder diejenigen, die vor solchen "Rettungsmassnahmen" stehen wie Zypern, Spanien oder Italien, das gleiche Recht für sich in Anspruch nehmen wollen.
So lässt sich nachhaltig keine funktionierende Währungsunion führen.
Die Protagonisten des EURO sind faktisch mit der politischen Währungsunion gescheitert.
Mit der zu erwartende Vergemeinschaftung der Staatsschulden wird man etwas Zeit gewinnen, das Ziel des Scheiterns ist aber unabhängig davon vorgegeben.

Account gelöscht!

15.06.2012, 15:39 Uhr

Tito Tettamanti (zu Finanz und Wirtschaft):
"Der Euro ist ein gewollter Fehler, um die politische Union (Europas) zu erzwuingen."

Daddy

15.06.2012, 15:42 Uhr

Führende Kräfte von EU und IWF machen seit Monaten grvierende
Fehler .Anstatt Griechenland unter Druck zu setzen,lassen sie
keine Gelegenheit aus zu betonen ,das Griechenland in der Eurozone bleiben muß.Welch ein aufmunterndes Signal an die Griechen.Ist doch klar das dort jeder denkt-egal wie die Wahl ausgeht,uns passiert sowieso nichts.Auch Steuern zahlen wir weiter nicht ,von wem sollte das auch überprüft
werden?Mit Sicherheit nicht von der ultralinken Partei,die
wie Rattenfänger durch die Gassen laufen und Dumme suchen die sie wählen .

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×