Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.07.2015

10:59 Uhr

Umfrage unter Volkswirten

Grexit wird bald wieder akut

Ein möglicher Austritt Griechenlands aus dem Euro wird uns spätestens im nächsten Jahr erneut beschäftigen. Davon gehen Volkswirte aus. Das aktuelle Rettungspaket von 86 Milliarden Euro werde sich als zu klein erweisen.

Griechenland-Krise

„Man kommt um einen Schuldenschnitt nicht herum“

Griechenland-Krise: „Man kommt um einen Schuldenschnitt nicht herum“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Athen/LondonGriechenland könnte Ende 2016 erneut in Gefahr geraten, aus dem Euro gedrängt zu werden, glauben 71 Prozent der Teilnehmer an einer Bloomberg-Umfrage unter 34 Volkswirten.

Bis zum Ende des laufenden Jahres drohe dem Land keine Gefahr, sagen 70 Prozent der Umfrageteilnehmer. Allerdings ist knapp die Hälfte der Auffassung, dass das Rettungspaket im Umfang von 86 Mrd. Euro sich als zu klein erweisen wird.

Während der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras daran arbeitet, die Voraussetzungen für ein drittes Rettungsprogramm zu schaffen, regen sich Zweifel bezüglich der Umsetzbarkeit des auf drei Jahre angelegten Programms. Die europäischen Gläubiger haben bisher keine Angebote für Schuldenerleichterungen gemacht, die der Internationale Währungsfonds für unerlässlich hält, um die griechischen Finanzen zu stabilisieren.

„Ohne irgendeine Form der Schuldenerleichterung ist das Hilfspaket nie und nimmer groß genug“, formulierte Peter Dixon, Volkswirt bei der Commerzbank AG in London, in seinem Beitrag zur Bloomberg-Erhebung. „Einem Land zusätzliche Kredite aufzuhalsen, deren Rückzahlung es sich nicht leisten kann, kommt Einsteins Definition von Wahnsinn nahe: immer wieder dasselbe zu versuchen in der Erwartung, andere Ergebnisse zu erzielen.“

Sieben Wahrheiten über den Griechenland-Deal

1. Der IWF soll weiter an Bord bleiben

Wäre es nach Alexis Tsipras gegangen, dann hätte der Euro-Rettungsfonds ESM das dritte Hilfspaket allein gestemmt. Mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) wollte Tsipras partout nichts mehr zu tun haben. Fast die ganze Nacht wehrte sich der Grieche. Doch Merkel bestand darauf – und setzte sich durch. Die Vereinbarung sagt klar, dass der IWF nicht nur überwachen, sondern sich auch finanziell beteiligen soll. Allerdings ist das trotz Gipfelbeschlusses nicht gesichert. Das liegt nicht an Athen, sondern an Washington. Das IWF-Programm läuft noch bis März 2016. Um die verfügbaren 16 Milliarden Euro zu bekommen, muss Griechenland zunächst seine Zahlungsrückstände begleichen. Ob es dann frisches Geld gibt, ist ungewiss. Der IWF will sich noch nicht festlegen.

2. Reformen sind sofort  umzusetzen

Mit Reformversprechen der griechischen Regierung allein findet sich die Euro-Zone inzwischen nicht mehr ab. Die europäischen Partner wollen Taten sehen, bevor sie Hellas Geld leihen. Deshalb steht die Regierung in Athen jetzt unter großem Zeitdruck. Bis Mittwoch soll sie gleich mehrere Reformen und Kürzungen durch das Parlament bringen. Bei der Mehrwertsteuer sollen Befreiungen und ermäßigte Sätze entfallen. Sofort beschlossen werden sollen auch Teile der Rentenreform und eine gestraffte, effiziente Zivilgerichtsbarkeit. Solche Veränderungen hatte die Regierung vorher lange verweigert. Nun soll Athen sogar strengere Reformvorgaben erfüllen als ursprünglich geplant. Ob Premier Alexis Tsipras dieser Verpflichtung am Ende wirklich nachkommt, bleibt abzuwarten.

3. Ein deutlich höherer  Finanzbedarf

Die Euro-Zone hat Griechenland schon Kredite von insgesamt 184 Milliarden ausgezahlt. Nun soll ein drittes Hilfspaket mit einem Umfang von bis zu 86 Milliarden Euro dazukommen. Der Betrag fällt deutlich höher aus als noch vor wenigen Monaten erwartet. Denn mit Griechenland geht es bergab, seitdem Tsipras regiert: Das Wirtschaftswachstum brach ein, und die Banken befinden sich in einem desolaten Zustand. Allein für die Sanierung und Rekapitalisierung der Geldhäuser benötige man in den nächsten Jahren bis zu 25 Milliarden Euro, davon zehn Milliarden relativ kurzfristig, heißt es in der Gipfel-Erklärung.
Dass Athen nun zum dritten Mal Hilfe benötigt und dann auch noch ein solches Volumen, ist für andere Regierungschefs sehr unangenehm. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird es nicht leichtfallen, ihre eigene CDU/CSU-Fraktion von der Notwendigkeit dieser Hilfe zu überzeugen. Auch in anderen Ländern, etwa Finnland oder den Niederlanden, gibt es inzwischen viel Kritik an der Athen-Hilfe.

4. Privatisierungen beschleunigen

Das Programm hat nie richtig funktioniert. Statt der erwarteten 50 Milliarden Euro brachte der Verkauf von Staatsbetrieben bisher nur zwei Milliarden Euro ein. Nun will die Euro-Zone die Privatisierungen beschleunigen. Dabei helfen soll ein unabhängiger Privatisierungsfonds. Premier Tsipras wurde verpflichtet, staatliche Vermögenswerte von 50 Milliarden in diesen professionell gemanagten Fonds einzubringen, damit sie möglichst gewinnbringend verkauft werden können. Welche staatlichen Unternehmen davon am Ende betroffen sein werden, ist allerdings noch unklar. Über die Auswahl dürfte es mit Griechenland noch viel Streit geben – zumal Tsipras den Investitionsfonds nur höchst widerwillig akzeptierte.

5. Die verhasste Troika kehrt nach Athen zurück

Es war eine der ersten Amtshandlungen der Regierung Tsipras: Sie erteilte der verhassten Troika Hausverbot in den Athener Regierungsgebäuden. Die Vertreter der Institutionen EU-Kommission, EZB und IWF sind seither gezwungen, in Brüssel mit griechischen Regierungsbeamten zu verhandeln – was mehr schlecht als recht funktioniert. Nun kehrt man zum alten Verfahren zurück: Die drei Institutionen sollen den Reformprozess wieder vor Ort in der griechischen Hauptstadt überwachen und dort falls nötig für eine bessere Umsetzung der Reformen sorgen, heißt es in der Abschlusserklärung des Euro-Gipfels. Dabei helfen sollen Fachbeamte aus den anderen Euro-Staaten.

6. Umfang des Hilfsprogramms

Die Geldgeber-Institutionen schätzen Griechenlands Finanzbedarf in den kommenden drei Jahren auf 82 bis 86 Milliarden Euro. Der höhere Wert stammt vom vorsichtiger kalkulierenden IWF. Einen Teil der Kosten könnte nach Berechnungen der Experten durch Zinsgewinne gedeckt werden, welche die EZB mit Griechenland-Anleihen erzielt. Das sind 7,7 Milliarden Euro. Somit müsste das Rettungsprogramm zwischen 74 und 78 Milliarden Euro umfassen. Dass der Bedarf überhaupt so hoch ist, liegt an der Unsicherheit durch Tsipras. Wegen der Bankenschließungen wird das Land dieses Jahr wohl wieder in die Rezession rutschen. Zudem brauchen die Banken 25 Milliarden Euro frisches Kapital.

7. Einen Schuldenschnitt wird es nicht geben

Nach ihrem Wahlsieg verwendeten Tsipras und sein Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis ihre politische Energie vor allem auf eines: Sie wollten unbedingt durchsetzen, dass die Euro-Zone Griechenland einen Teil der Schulden erlässt. Beifall dafür gab es allerdings nur vom IWF. Die Euro-Zone ließ Tsipras am Montag früh endgültig abblitzen. Ein nominaler Schuldenschnitt komme nicht infrage, heißt es in der Gipfel-Erklärung. Nur beim Schuldendienst seien Erleichterungen denkbar. Eventuell wird die durchschnittliche Kreditlaufzeit von derzeit 32 auf 40 oder 50 Jahre erhöht. Diese Streckung führt in Wahrheit auch zu einem Schuldenschnitt – zwar nicht nominal aber sehr wohl real.

Die griechischen Finanzmärkte bleiben nach Angaben zweier Offizieller mindestens geschlossen bis das Parlament am Mittwoch über ein zweites Maßnahmenpaket abgestimmt hat. Erst nach dessen Verabschiedung wollen die Gläubiger über das Rettungsangebot verhandeln.

Die Regierung formuliert derzeit eine Anordnung, die in bestimmten Fällen die Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen erlauben soll. Im günstigsten Fall könnten die Märkte am Donnerstag wieder öffnen, sagte eine der informierten Personen.

Die Regierung brachte am frühen Dienstag Morgen ihre nächsten Gesetzesvorhaben ins Parlament ein, darunter auch das Vorhaben zur Umsetzung einer EU-Direktive, die die Abwicklung gescheiterter Banken regelt. Tsipras gelang es am Montag, die Banken in Griechenland wieder zu öffnen. Im Lauf der kommenden beiden Wochen will er die Beschränkungen für Abhebungen lockern.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Lui Kators

21.07.2015, 14:04 Uhr

"Grexit bald wieder akut"?

Was soll das denn? Das kann doch gar nicht sein!

Griechenland hat doch "die entscheidende Hürde genommen" und "ist jetzt auf einem guten Weg!"

Behauptet jedenfalls Schäuble ständig.

Herr Marc Otto

21.07.2015, 14:23 Uhr

Falls unser Herr Dr. Schäube je so tief gesunken ist, dass ihn und seine Politik vom Volk verstanden wird, MUSS er zurück treten.

Herr Rainer Feiden

21.07.2015, 14:23 Uhr

Zitat:
"....kommt Einsteins Definition von Wahnsinn nahe: immer wieder dasselbe zu versuchen in der Erwartung, andere Ergebnisse zu erzielen.“ ...

Das "Rettungspaket" wird nie groß genug ausfallen, wenn der Schuldner chronisch pleite ist. Was einem insolventen Land helfen würde, ist die Restrukturierung. Und die geht im Euro nicht, ergo ist der Grexit doch system-immanent, oder?
Und weil der Grexit system-immanent ist, haben die Kanzlerin und andere Politiker mittlerweile das Ende der Debatte um einen Grexit gefordert! Na, das macht doch Sinn.:-D ;-D Und: um die Reformwilligkeit der griechischen Regierung zu demonstrieren, hat das griechische Parlament fest zugesagte Reformen erst mal vertagt. Ein Irrenhaus!

http://www.welt.de/wirtschaft/article144256330/Athen-rudert-bei-Reformen-schon-wieder-zurueck.html#disqus_thread

Ich glaube es war auch Einstein der sagte: "Zwei Dinge sind unendlich: das Weltall und die menschliche Dummheit. Beim Weltall bin ich mir allerdings nicht so sicher....."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×