Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.07.2011

11:33 Uhr

Umschuldungs-Debatte

Griechenland-Kurs der EZB sorgt für Unmut

ExklusivDass Griechenland quasi pleite ist, will die EU nicht wahrhaben. Sie doktert an Rettungsplänen herum, findet aber keine Lösung. Nun gerät die EZB in die Kritik, weil sie ein „Bestcase-Szenario“ blockiert.

Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Quelle: dpa

Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt.

DüsseldorfDer Freiburger Wirtschaftsweise Lars Feld hat scharfe Kritik am Verhalten der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Griechenlandkrise geäußert. Es sei bislang Zeit vertan worden, „die griechische Umschuldung ernsthaft anzugehen und den Marktteilnehmern effektiv zu kommunizieren, insbesondere weil sich die EZB der Umschuldung widersetzt“, sagte das Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung Handelsblatt Online. „Es ist daher an der Zeit, dass die EZB zusammen mit den Staats- und Regierungschef das Bestcase-Szenario erreichbar macht.“

Feld teilt in diesem Zusammenhang die Kritik des Internationalen Währungsfonds (IWF) am Krisenmanagement der Euro-Zone. Der Fonds hatte in einem am Mittwoch veröffentlichten Griechenland-Bericht ausdrücklich vor einer "schlecht umgesetzten Schulden-Operation" sowie vor einem "ungeordneten Zahlungsausfall" gewarnt.

Feld sagte dazu, der IWF habe im Grunde nur Szenarien aufgezeigt und die Europäer ermahnt, eine Umschuldung Griechenlands nicht unter dem Eindruck der Ereignisse „voreilig“ umzusetzen. Gleichwohl seien die Auswirkungen einer Umschuldung Griechenlands beherrschbar, „wenn das griechische Bankensystem abgesichert wird und die EU-Mitgliedsländer bereitstehen, ihre eigenen Banken im Zweifelsfalle zu stützen“, betonte der Ökonom.

Auch der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup hält im Fall Griechenland einen Schuldenschnitt für unvermeidbar. „Das ist leider offensichtlich“, sagte Rürup dem „Tagesspiegel“.

Selbst Commerzbankchef Martin Blessing plädiert für eine rasche Umschuldung Griechenlands. Weitere Hilfspakete lehnte er ab. „Unsicherheit und Misstrauen unter den Anlegern haben sich in den vergangenen Tagen verschärft, deshalb muss eine andere Lösung für Griechenland her, als immer neue Kreditpakete zu schnüren“, sagte Blessing der „Bild“-Zeitung. Die Pläne für eine Beteiligung der privaten Gläubiger Griechenlands halte er für unrealistisch.

Blessing sagte dem Blatt: „Eine rein freiwillige, aber zugleich nennenswerte Beteiligung der privaten Gläubiger funktioniert leider nicht. Das heißt: Griechenland muss einen Teil seiner Schulden abstreifen. Anders kommt das Land nicht auf die Beine.“ Dies „wäre für die privaten Banken der Euro-Staaten kein gewaltiges Beben“, sagte er.

Das frühere Mitglied des Bankenrettungsfonds SoFFin, Gerhard Stratthaus, sieht das ähnlich. „Es ist höchste Zeit, dass endlich mal ein klarer Schnitt gemacht wird“, sagte Stratthaus im WDR-Radio. Es wisse inzwischen jeder, dass Griechenland nicht in der Lage sein werde, seine Schulden zu bedienen und zurückzuzahlen. „Deshalb sollte man da mal mit ganz offenen Karten spielen“.

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

gdopamin

14.07.2011, 12:02 Uhr

Kopflos - Planlos – Perspektivlos.

Das Chaos, das sich in den letzten Monaten noch hinter verschlossenen Türen abspielte, wird nun immer ungenierter in die Öffentlichkeit getragen.

Die Einen träumen immer noch von der Rettung strukturell und finanziell hoffnungsloser Bankrotteure, während die Anderen schon anfangen ihr Geld zusammen zu halten und nix mehr zahlen wollen.

Andere, wie Italien sind auch schon munter geworden und wollen jetzt Reformen in Tagestakt durchpeitschen.

Die Panik und Hilflosigkeit ist regelrecht greifbar.

Das alles sieht jetzt aus, wie eine in der Auflösung begriffene Armee.

Alle wissen der Krieg ist verloren, auch wenn jetzt noch mal der Volkssturm mobilisiert werden soll.

Ondoron

14.07.2011, 13:18 Uhr

Trichet will es nicht wahrhaben. Der gute alte Mann würde ja als Begründer der größten Bad Bank der Welt in die Geschichte eingehen, als Bankrotteur der EZB. So viel Eitelkeit muss sein!

Account gelöscht!

14.07.2011, 15:33 Uhr

Ich würde mich nicht groß wundern, wenn die 50 Milliarden, die die EZB aufgekauft hat auch nur eine Summe aus dem Märchenreich sind. Wenn alle das schon wissen, warum zickt die EZB dann so rum? Klar wird Sie pleite gehen, aber das Wissen doch auch schon alle? Warum also? Ich vermute mal, da hängt noch einiges mehr an Geld und Anleihen drin als man uns sagen möchte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×