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06.06.2013

11:05 Uhr

UN-Experte

Kein ausreichender Beweis für Chemiewaffen in Syrien

Für Frankreichs Behauptung, Syriens Militär habe Nervengas bei einem Angriff eingesetzt, gibt es laut Experten keine schlüssigen Beweise. Letzte Klarheit würde nur ein Ortstermin bringen – doch der scheint unerreichbar.

Israelische Soldaten bei einer Übung nach einem Chemiewaffenangriff: Für einen syrischen Chemiewaffen-Einsatz gibt es keine anerkannten Beweise. AFP

Israelische Soldaten bei einer Übung nach einem Chemiewaffenangriff: Für einen syrischen Chemiewaffen-Einsatz gibt es keine anerkannten Beweise.

GenfFür den von Frankreich behaupteten Einsatz von Nervengas in Syrien gibt es nach Ansicht des zuständigen UN-Experten bislang keinen schlüssigen Beweis. Die Aussagekraft der französischen Erkenntnisse dazu reiche nicht aus, erklärte der schwedische Chemiewaffenexperten Åke Sellström laut einer am Donnerstag von den UN in Genf verbreiteten Mitteilung.

Sellström war im März von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Leiter einer Expertengruppe ernannt worden, die Vorwürfe des Einsatzes von weltweit geächteten Chemiewaffen in Syrien prüfen soll. Der Schwede hatte in den 1990er Jahren im UN-Auftrag die Vernichtung von chemischen Waffen im Irak überwacht.

Wirren um syrische Chemiewaffen

Seit wann verfügt Syrien über Chemiewaffen?

Das syrische Chemiewaffenprogramm soll in den 70er und 80er Jahren mit Hilfe der Sowjetunion entwickelt worden sein, um die Abschreckung gegen das Nachbarland Israel zu erhöhen. Laut einem Bericht der Washingtoner Denkfabrik CSIS von 2008 soll Syrien anschließend von der Unterstützung des Iran bei der Entwicklung von Chemiewaffen profitiert haben.

Um welche Art von Waffen handelt es sich und wo sind diese gelagert?

Öffentlich zugängliche Informationen über das Arsenal existieren praktisch nicht, da Syrien nicht Mitglied der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen ist. Nach Einschätzung der Brookings Institution in Washington verfügt Syrien aber über ein hochentwickeltes Chemiewaffenprogramm, zu dem Senfgas, Saringas und das tödliche Nervengas VX gehört.

Laut einer Untersuchung des Zentrums für Studien zur Nicht-Verbreitung (CNS), gibt es in Syrien mindestens vier, möglicherweise fünf Chemiewaffenfabriken, die nahe der Städte Damaskus, Aleppo und Hama liegen. US-Beamte hatten im Februar die Zahl der zum Schutz der Waffen nötigen Einsatzkräfte auf 75.000 Mann beziffert. Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" von diesem Monat wurden Chemiewaffen zuletzt womöglich an andere Orte gebracht.

Wie ist Syrien bislang mit den Waffen umgegangen?

Die syrischen Chemiewaffen sind bisher noch nie zum Einsatz gekommen, auch nicht bei Konflikten mit Israel wie dem Libanonkrieg 1982. Der zur Opposition übergelaufene Ex-Botschafter Syriens im Irak, Nawaf Fares, hatte in der vergangenen Woche gesagt, Syriens Machthaber Baschar al-Assad könnte die Chemiewaffen gegen die Aufständischen einsetzen und habe dies womöglich schon getan. Am Montag dann erklärte Damaskus, die Waffen "niemals" gegen die syrische Bevölkerung einzusetzen, schloss aber einen Einsatz im Fall eines "ausländischen Angriffs" nicht aus.

Wie sind die internationalen Reaktionen angesichts der möglichen Gefahr durch die Waffen?

Die USA haben Syrien zuletzt aufgefordert, die Sicherheit bei der Lagerung der Chemiewaffen zu gewährleisten, andernfalls werde die internationale Gemeinschaft die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Israel zeigte sich insbesondere besorgt, sollten Chemiewaffen in den Wirren des Syrien-Konflikts der libanesischen Hisbollah-Miliz in die Hände fallen. Auch Jordaniens König Abdullah II. hatte gewarnt, das bereits in Syrien präsente Terrornetzwerk Al-Kaida könne von dem Chaos in Syrien profitieren und "schlimmstenfalls" an Chemiewaffen gelangen.

Sellström habe am Dienstag in Paris Informationen der französischen Regierungen zu Berichten über den angeblichen Einsatz von Chemiewaffen in Syrien erhalten, teilten die UN mit. Er habe daraufhin erneut erklärt, dass Vor-Ort-Inspektionen erforderlich seien, um Fakten zu ermitteln. Auch Ban Ki Moon habe die Notwendigkeit von Untersuchungen vor Ort betont. Die syrische Regierung verweigere einer entsprechenden UN-Mission jedoch den Zugang.

Außenminister Laurent Fabius hatte am Dienstag erklärt, bei Tests von Proben aus Syrien sei in französischen Labors das Nervengas Sarin nachgewiesen worden. Er machte keine Angaben, wo und von wem der Kampfstoff eingesetzt worden sein soll.

Von

dpa

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