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01.06.2011

04:27 Uhr

UN-Kriegsverbrechertribunal

Mladic wartet auf Anklageverlesung

16 Jahre nach Ende des Bürgerkrieges ist der frühere Militärführer der bosnischen Serben in der Hand des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Nach seiner Ausliefrung durch die Belgrader Regierung muss sich Ratko Mladic dort wegen Völkermordes verantworten.

Das Gefängnis in Scheveningen, in dem Mladic auf seinen Prozess vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal wartet. Quelle: dapd

Das Gefängnis in Scheveningen, in dem Mladic auf seinen Prozess vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal wartet.

Den Haag/BelgradDer vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagte frühere Militärführer der bosnischen Serben, Ratko Mladic, hat eine erste Nacht in einem Gefängnis in Den Haag verbracht. Die serbischen Behörden hatten den 69-Jährigen am Dienstag ausgeliefert. Eine Sondermaschine der Regierung brachte ihn am Abend nach Rotterdam. Von dort wurde der Ex-General, der sich für die schwersten nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa begangenen Kriegsverbrechen verantworten soll, unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen in das Gefängnis von Scheveningen gebracht.

Mladic muss in Den Haag jetzt innerhalb von 48 Stunden erstmals vor dem Richter des UN-Tribunals erscheinen. Dann wird ihm die Anklage verlesen, anschließend muss er sich für schuldig oder unschuldig bekennen

Der ehemalige Oberkommandierende der bosnischen Serben im Bürgerkrieg (1992-1995) ist des Völkermordes angeklagt. Unter anderem geht es um die Ermordung von bis zu 8000 muslimischen Männern und Jungen im ostbosnischen Srebrenica im Juli 1995, um Grausamkeiten in Gefangenenlagern, sogenannte ethnische Säuberungen und den jahrelangen Beschuss von Sarajevo mit schweren Waffen, wobei tausende Menschen getötet wurden. Insgesamt waren im Bosnien-Krieg auf Seiten der Muslime, Kroaten aber auch der Serben insgesamt wenigstens 100 000 namentlich benannte Menschen ums Leben gekommen.

Außenminister Guido Westerwelle begrüßte die Überstellung Mladics an das Kriegsverbrechertribunal. „Es ist ein starkes Signal für die gewachsene Kraft des internationalen Rechts, dass sich dieser mutmaßliche Kriegsverbrecher jetzt vor Gericht verantworten muss“, sagte Westerwelle am Mittwoch bei einem Besuch in der australischen Hauptstadt Canberra. Es sei auch eine, „wenn auch späte Genugtuung für die Opfer der Untaten, die Mladic zu verantworten hat.“

Wenige Stunden vor der Auslieferung hatte ein Gericht in Belgrad einen Einspruch der Verteidigung gegen die Überstellung nach Den Haag abgelehnt. Justizministerin Snezana Malovic unterzeichnete daraufhin die Auslieferungspapiere.

Mladic war am vergangenen Donnerstag nach fast 16-jähriger Flucht verhaftet worden. Vor seinem Abflug aus Belgrad hatte die Polizei aus Sicherheitsgründen ein Verwirrspiel organisiert. Insgesamt drei Kolonnen mit Polizei-Jeeps hatten im Abstand von einer Stunde das Gericht in Belgrad verlassen, in dem Mladic seit seiner Verhaftung in einer Zelle saß. Die Autobahn von der Innenstadt in Richtung Flughafen wurde von der Polizei blockiert. Weil sich der Transport von Mladic zum Flughafen „Nikola Tesla“ verzögert hatte, konnte die Justizministerin erst eine halbe Stunde später als geplant den Vollzug mitteilen. „Serbien hat alle internationalen Verpflichtungen erfüllt“, sagte Ministerin Malovic.

Stationen im Leben von Ratko Mladic

Herkunft

Mladic wurde am 12. März 1942 in dem Dorf Bozanovici nahe Kalinovik im Süden der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Bosnien geboren. Sein Vater war ein Widerstandskämpfer, der 1945 von kroatischen Nationalisten der Ustascha getötet wurde. Ursprünglich wollte Mladic Lehrer werden, zog aber nach Belgrad und schloss als einer der drei Besten seines Jahrgangs die Militärakademie ab.

Karriere

Seine militärische Laufbahn begann Mladic 1965. Es dauerte 20 Jahre, bis er Brigadegeneral wurde, wofür Kameraden seine arrogante, undisziplinierte Art verantwortlich machten. Die meiste Zeit war er in Mazedonien stationiert, mit kurzen Aufenthalten in Kroatien und im Kosovo.

Aufstieg zum Kommandeur

Am 15. Mai 1992 machte Radovan Karadzic, Chef der von Bosnien-Herzegowina abgespaltenen Bosnisch-Serbischen Republik, Mladic zum Kommandeur seiner Armee. Diese Position hatte er bis Dezember 1996 inne.

Massaker von Srebrenica

Im Juli 1995 überrannten Mladics Streitkräfte die bosnische Stadt Srebrenica, die zum damaligen Zeitpunkt eine moslemische Enklave war und von UN-Truppen geschützt wurde. Männer und Jungen wurden weggeführt, in Scheunen und Schulen zusammengepfercht und schließlich in aller Öffentlichkeit exekutiert. Mladics Einheiten beschossen zudem eine größere Gruppe von Moslems, die durch ein Waldgebiet zu entkommen versuchte. Innerhalb von sieben Tagen starben etwa 8000 Männer und Jungen, was Mladic die Bezeichnung „Schlächter von Bosnien“ einbrachte.

Anklage in Den Haag

Ende 1995 erhob das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag unter anderem wegen Srebrenica Anklage wegen Völkermordes gegen Mladic. Derselbe Vorwurf wird Mladic für die fast zweijährige Belagerung von Sarajevo gemacht. Er soll Scharfschützen angewiesen haben, aus dem Hinterhalt auf Zivilisten zu schießen.

Flucht

Noch Jahre nach dem Krieg lebte Mladic unauffällig in Belgrad. Er tauchte 2002 unter, als Machthaber Slobodan Milosevic gestürzt worden war und ihn nicht mehr schützen konnte. Der Nato zufolge besuchte er 2004 einen alten Bunker in Bosnien, um unter den Augen der bosnischen Polizei mit ehemaligen Kameraden zu feiern.

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