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31.07.2014

19:31 Uhr

UN-Nothilfe

Tägliche Feuerpausen in Gaza gefordert

Die Vereinten Nationen sind der wichtigste Helfer für die Menschen im Gazastreifen. Sie geben ihnen Nahrung, Unterkunft, Medizin und im gewissen Maße Schutz. Doch die Helfer sehen sich zunehmend überfordert.

Der Gaza-Streifen, ein Trümmerfeld unter Dauerfeuer. Die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos fordert, es müsse eine tägliche, verlässliche Feuerpause zwischen der Hamas und den Israelis geben, damit wenigstens die notdürftigste Versorgung der Schutz suchenden Menschen geleistet werden könne. AFP

Der Gaza-Streifen, ein Trümmerfeld unter Dauerfeuer. Die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos fordert, es müsse eine tägliche, verlässliche Feuerpause zwischen der Hamas und den Israelis geben, damit wenigstens die notdürftigste Versorgung der Schutz suchenden Menschen geleistet werden könne.

New YorkUN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos hat für den Gazakrieg eine tägliche Feuerpause gefordert. „Wir brauchen jeden Tag eine Waffenruhe, die verlässlich ist. Dann können unsere Helfer die Menschen versorgen, Verwundeten kann geholfen und Tote können beerdigt werden“, sagte Amos am Donnerstag im UN-Sicherheitsrat in New York. „Wir rufen beide Seiten auf, solch einen täglichen Waffenstillstand zu vereinbaren.“

Zudem müssten Israelis und Palästinenser alles tun, um Zivilisten zu schützen. „Alle Seiten müssen sich an den internationalen Standards des Völkerrechts messen lassen, nicht an den Standards der anderen Seite“, sagte Amos.

Schon vor der Offensive hätten 80 Prozent der 1,8 Millionen Menschen in Gaza - jeder zweite ist jünger als 18 Jahre alt - Hilfe von außen benötigt. „Jetzt haben wir 440 000 Flüchtlinge im engen Gazastreifen, die Hälfte davon in UN-Einrichtungen. Aber die Realität von Gaza ist heute, dass kein Platz sicher ist“, sagte Amos. 103 UN-Einrichtungen seien bereits getroffen worden, einige mehrfach. 140 Schulen und 24 medizinische Einrichtungen seien beschädigt worden. Weite Teile des Gazastreifens hätten nur zwei Stunden am Tag Strom, andere gar nicht.

Fragen und Antworten zum Gaza-Konflikt

Worum geht es der Hamas?

Die radikalislamische Hamas-Bewegung kämpft um ihr Überleben. Im Westjordanland wurde sie in den vergangenen Wochen durch Massenverhaftungen und Beschlagnahmungen fast zerschlagen, im Gazastreifen ist sie nach dem Machtwechsel in Ägypten isoliert und finanziell liegt sie am Boden - "sie hat nichts mehr zu verlieren", sagt Muchaimer Abu Saada, Politikprofessor an der Al-Aksa-Universität in Gaza. Deshalb sucht die Hamas die Unterstützung der breiten palästinensischen Bevölkerung durch schnelle Erfolge - sei es die Aufhebung der Gaza-Blockade, sei es durch einen spektakulären Angriff auf israelische Ziele. Deshalb weitete sie diese Woche Ziele und Zahl ihrer Raketenangriffe aus und startete Kommandoaktionen mit Tauchern und durch Geheimtunnel.

Was will Israel erreichen?

„Am Ende darf die Hamas keine Mittel mehr besitzen, um Raketen zu fabrizieren“, sagt Gilad Erdan, Angehöriger des Sicherheitskabinetts und in der Regierung für das Ressort Umwelt zuständig. Anders als bei der Eskalation im November 2012 will sich Israel diesmal nicht mit einer Feuerpause zufriedengeben. Die Regierung stimmt die Bevölkerung deshalb auf einen längeren Waffengang und mögliche eigene Verluste ein.

Entsendet Israel Bodentruppen nach Gaza?

Zwei unterschiedliche Bodeneinsätze werden diskutiert: Eine langanhaltende Invasion hätte zum Ziel, wie im Westjordanland alle Strukturen der Hamas zu zerschlagen. Kürzer könnte ein Einmarsch verlaufen, der sich auf die nachhaltige Schwächung der bewaffneten Gruppierungen in dem Küstengebiet konzentriert. "Die Hamas rechnet nur mit einer begrenzten Bodenoffensive Israels, da eine Wiederbesetzung des Gazastreifens praktisch unmöglich ist", sagt Abu Saada. Gegenwärtig bringt Israel 30.000 Soldaten in Stellung und rüstet sie aus. Kommt es zu tödlichen Angriffen in Israel, würde dies den Invasionsbefehl beschleunigen.

Wie lang kann die Hamas ihr Drohpotenzial aufrecht erhalten?

Israelische Militärexperten schätzen die Feuerkraft der Hamas auf rund 10.000 Raketen sehr unterschiedlicher Reichweite - wobei sie in den vergangenen Tagen damit überraschte, dass ihre Projektile Ziele in 160 Kilometern Entfernung im Norden Israels erreichten. Die mehrere hundert Raketen größerer Reichweite in ihrem Besitz wird die Hamas aber nur sehr kalkuliert einsetzen, erwarten die Experten. Amos Gilad, Strategieberater im Verteidigungsministerium, sagt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die libanesische Hisbollah der Hamas durch gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Südlibanon zu Hilfe kommt.

Wie kann das Ausland helfen?

Alle schauen hier zuerst nach Ägypten, das Beziehungen zu Israel und zu den Palästinensern unterhält und 2012 erfolgreich tätig wurde. „Eine Vermittlungsinitiative im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht“, sagt dazu Badr Abdel Lati, Sprecher des Außenministeriums in Kairo. Entsprechende Kontakte hätten „zu keinem Ergebnis geführt“. Da die aktuelle ägyptische Regierung die Hamas als feindliche Organisation einstuft, ist sie zudem kaum bereit, deren Bedingungen für einen Waffenstillstand gegenüber Israel nachdrücklich zu vertreten. Professor Abu Saada rechnet deshalb damit, dass die Islamisten das Emirat Katar oder die Türkei als Vermittler anrufen könnten.

Der Leiter des UN-Hilfswerkes für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA), Pierre Krähenbühl, beschrieb das Leid: „Ich sah grauenhafte Wunden in der Kinderabteilung eines Krankenhauses. Das sind die inakzeptablen Folgen eines Konflikts, der sofort gestoppt werden muss.“ Darüber hinaus seien einige Gebiete völlig zerstört.

Die Menschen in Gaza fühlen sich nach den Worten von Krähenbühl verlassen. „220 000 Menschen sind unter unserem Schutz, und es werden jeden Tag mehr. Es sind jetzt schon viermal so viel wie während der Kämpfe 2008 und 2009.“ Er bestätigte, dass in drei leerstehenden UNRWA-Einrichtungen Raketen gefunden worden seien. „Wir verurteilen das und haben sofort alle Seiten informiert. Wir dulden keinerlei Waffen in unseren Einrichtungen.“

Von

dpa

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