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11.09.2015

12:26 Uhr

Unabhängigkeit von Spanien

Der katalanische Marsch der Hunderttausenden

VonSandra Louven

Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens demonstrieren zu Hundertausenden auf Barcelonas Straßen – zwei Wochen vor den Regionalwahlen. Das bereitet besonders den Unternehmen Sorge und könnte den Aufschwung gefährden.

Massendemo in Barcelona

Katalanen fordern Unabhängigkeit

Massendemo in Barcelona: Katalanen fordern Unabhängigkeit

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BarcelonaAm Ende der Avenida Meridiana ist bereits die große Bühne aufgebaut. Hier werden sich unweit des katalanischen Parlaments am heutigen Freitagabend Hundertausende Katalanen nach ihrem Marsch für die Unabhängigkeit einfinden. Sie wollen einen eigenen Staat – und fordern dies heute, am katalanischen Nationalfeiertag, mit einer machtvollen Demonstration.

Auf 5,2 Kilometern Länge wollen sie sich zu einem Protest-Marsch versammeln. Es steht viel auf dem Spiel für die Region. In zwei Wochen, am 27. September, wählen die Katalanen ein neues Regionalparlament. So zumindest sieht es die spanische Regierung in Madrid. Der katalanische Regierungschef in Barcelona dagegen hat die Wahlen zum Volksentscheid über eine Abspaltung der reichen Region vom Rest Spaniens deklariert. Artur Mas will einen eigenen Staat Katalonien gründen – mit Steuerbehörden und Zentralbank. „Wir haben eine Menge Kraft: Die Kraft des Glaubens an uns selbst, an die Demokratie und an die Freiheit“, rief der katalanische Regierungschef seinen Anhängern gestern kurz vor Mitternacht zu. 0 Uhr markierte den offiziellen Beginn des Wahlkampfes in Katalonien.

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Einen Volksentscheid über die Abspaltung hat Madrid verboten. Mas hat deshalb die Regionalwahlen vorgezogen und sie zur Volksabstimmung gemacht. Wenn sein Parteibündnis am 27. September die absolute Mehrheit der Sitze erhält, will er die Bildung eines eigenen Staates einleiten. Nach sechs bis acht Monaten soll bereits formell die Unabhängigkeit ausgerufen werden, spätestens nach 18 Monaten sollen die nötigen Institutionen stehen – etwa katalanische Steuerbehörden oder eine eigene Zentralbank, vermutlich auch eine kleine Armee.

Um die Chancen für eine Mehrheit im Parlament so groß wie möglich zu machen, haben sich zwei Parteien zusammengeschlossen, die nicht so sehr ihre politische Ausrichtung, sondern vor allem das Eintreten für die Abspaltung eint. Junts pel sí (gemeinsam für das ja) heißt die Formation, die Mas‘ konservative Partei Convergència Democràtica de Catalunya (CDC) und die linke Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) umfasst.

Der Wunsch nach einer Abspaltung hat zwei Gründe. Einer ist historisch: 1714 verlor Katalonien im spanischen Erbfolgekrieg seine Teilsouveränität an die Bourbonen und wurde zwangsweise an Spanien angegliedert, die eigene Sprache verboten. Inzwischen haben die Katalanen einige Sonderrechte wieder erhalten – unter anderem ihre eigene Sprache. Doch sie sind überzeugt, dass es ihnen ohne den Rest des Landes besser gehen würde.

Die spanische Arbeitsmarktreform

Geringere Abfindungen

Bis 2012 mussten einem Angestellten in Spanien bei grundloser Kündigung eine Abfindung von 45 Tageslöhnen pro Jahr im Unternehmen gezahlt werden. Die konservative Regierung reduzierte diese Abfindung auf 20 Tageslöhne und legte für die Zahlungen zudem eine neue Höchstdauer von 24 im Unterschied zu davor 41 Monaten fest.

Flexiblere Kündigungen

Lange unterteilte der Arbeitsmarkt in Spanien sich vor allem in zwei Fraktionen: Eine „Elite“ nahezu unkündbarer Festangestellter und Angerstellten, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelten. Die Einführung eines neuen, flexibleren Kündigungsrecht erlaubte 2012 erstmals auch das Aussprechen betriebsbedingter Kündigungen bei sinkenden Unternehmensumsatz.

Lockere Tarifverträge

Gleichzeitig wurden auch Gehälter variabler gestaltet. Unternehmen erhielten die Möglichkeit, in Absprache mit den Mitarbeitern Löhne und Arbeitszeiten individuell zu vereinbaren - ohne sich an die geltenden Tarifverträge halten zu müssen.

Bonus für junge Angestellte

Weil in Spanien besonders viele junge Menschen arbeitslos sind, zahlt der Staat Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern eine Prämie. Pro eingestelltem 16-30-Jährigen gibt es bis zu 3300 Euro, für Frauen im gleichen Alter bekommt die Firma sogar bis zu 3600 Euro.

Bonus für alte Angestellte

Besonders betroffen von der schlechten Wirtschaftslage sind auch die älteren Arbeitslosen. Die Regierung zahlt daher jedem Unternehmen, das einen über 45-jährigen Spanier einstellt, bis zu 3900 Euro (für Frauen bis zu 4500 Euro). Der neue Mitarbeiter muss in den 18 Monaten vor Vertragsbeginn jedoch mindestens zwölf Monate arbeitslos gewesen sein. 

Zeitverträge mit Limit

Befristete Verträge dürfen nur noch maximal zwei Jahre gelten und nicht mehr verlängert werden. Soll der Angestellte im Unternehmen bleiben, muss der Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt werden.

Der zweite Grund ist ein wirtschaftlicher: Die Region mit der Hauptstadt Barcelona ist hinter Madrid die zweitreichste Gegend des Königreichs. Zahlreiche internationale Konzerne haben ihren Sitz dort und verfügen mit der Hafenstadt Barcelona über eine gute Anbindung. Ähnlich wie die deutschen Bundesländer führen auch die autonomen spanischen Regionen im Rahmen eines Länderfinanzausgleichs Mittel an die Zentralregierung ab.

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