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08.11.2015

15:27 Uhr

Unerwünschte Absetzungsbewegung

Katalonien auf Kollisionskurs

VonSandra Louven

Steuerverfahren gegen Stars des FC Barcelona, Durchsuchungen bei Regionalpolitikern – die Stimmung in Katalonien ist aufgeheizt. Am Montag könnte das Parlament in Barcelona einen Schritt zur Abspaltung von Spanien tun.

Der Stürmerstar ist einer von mehreren Spielern des FC Barcelona, die wegen Steuerhinterziehung angeklagt sind. AFP

Lionel Messi

Der Stürmerstar ist einer von mehreren Spielern des FC Barcelona, die wegen Steuerhinterziehung angeklagt sind.

MadridFür Spanier ist der FC Barcelona nicht einfach ein Fußballverein. Er ist wie kaum etwas anderes das Symbol für seine Heimat Katalonien – die Region, die sich vom Rest des Landes lösen und ihren eigenen Staat gründen will.

Pep Guardiola, einst Spieler und später Trainer des FC und heute Coach von Bayern München, kandidierte bei der Regionalwahl Ende Mai für die separatistische Partei Junts pel Sì (Gemeinsam für das Ja). Im Rest des Landes kam sein Einsatz für einen eigenen Staat nicht gut an. Die Spanier haben kein Verständnis für die Absetzbewegungen einer der reichsten und wichtigsten Regionen.

So verfolgen einige gerade mit Genugtuung die Strafverfahren gegen Barca-Spieler: Anfang Oktober entschied ein katalanischer Untersuchungsrichter, dass sich Superstar Lionel Messi zusammen mit seinem Vater vor Gericht wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung verantworten muss. Die beiden sollen Werbeeinahmen in Höhe von mehr als zehn Millionen Euro verschwiegen haben.

In dieser Woche musste auch Messis Clubgefährte Javier Mascherano vor Gericht: Er gestand, 1,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben.  Barca-Präsident Josep María Bartomeu, der selbst wegen Steuerhinterziehung bei der Verpflichtung des brasilianischen Stürmers Neymar unter Verdacht steht, sprach in einem Fernsehinterview vieldeutig von „vielen Zufällen“.

Spanien lässt die Katalanen nicht über Unabhängigkeit abstimmen

Wollen sich die Katalanen wirklich abspalten?

Hunderttausende Katalanen demonstrieren regelmäßig für die Gründung eines unabhängigen Staates. Ob die 7,5 Millionen Katalanen mehrheitlich für eine Abspaltung sind, ist aber unklar. In Umfragen schwankt der Anteil zwischen 35 und 55 Prozent. Allerdings tritt die überwältigende Mehrheit dafür ein, in einem Referendum darüber abstimmen zu dürfen.

Was hat der Bewegung Auftrieb gegeben?

Die Katalanen haben eine eigene Sprache und eine eigene kulturelle Tradition. Die Forderung nach der Gründung eines eigenen Staates war jahrzehntelang nur von Splittergruppen erhoben worden. Dies änderte sich drastisch in den letzten Jahren. Dabei spielte zum einen die Wirtschaftskrise eine Rolle. Viele Bewohner der wirtschaftsstärksten Region in Spanien meinen, ein unabhängiger Staat könne ihnen einen höheren Lebensstandard erlauben. Zum andern empfand ein großer Teil der Katalanen es als Demütigung, dass das Madrider Verfassungsgericht mehrere Passagen in ihrer Landesverfassung für illegal erklärte.

Wer steckt hinter den Separatisten?

Der katalanische Regierungschef Artur Mas ist im Grunde ein gemäßigter Politiker, der lange Zeit von einer Unabhängigkeit nichts wissen wollte. Er änderte seinen Kurs erst unter dem Eindruck der Massenkundgebungen und der Stimmgewinne separatistischer Parteien. Die Linksrepublikaner (ERC), die immer offen für eine Abspaltung der Region von Spanien eintraten, sind nach Umfragen mittlerweile die stärkste Kraft in Katalonien. Die Kundgebungen für die Unabhängigkeit wurden von der 2012 gegründeten Katalanischen Nationalversammlung (ANC) und der kulturellen Vereinigung Omnium organisiert.

Warum ist das Votum nicht erlaubt?

Die Madrider Zentralregierung begründete ihre Verfassungsklage gegen das geplante Referendum damit, dass nach spanischem Recht nur der Zentralstaat Volksabstimmungen abhalten dürfe. Die für den 9. November angesetzte Abstimmung betreffe die Grundlagen der verfassungsrechtlichen Ordnung in Spanien. Darüber könne nur das gesamte spanische Volk entscheiden. Zudem sei im Artikel 2 der Verfassung die „unauflösbare Einheit der spanischen Nation“ festgeschrieben.

Was bedeutet der Separatismus für den spanischen Fußball?

Sportidole wie der FC-Bayern-Trainer Pep Guardiola, die Fußballer Xavi Hernández und Gerard Piqué oder die Basketballer Pau und Marc Gasol machten sich für das Referendum stark. Die Katalanen hatten sich schon seit Jahren dafür eingesetzt, dass ihre Fußballer mit einer eigenen Nationalelf an Welt- und Europameisterschaften teilnehmen können. Dies scheitert jedoch am Einspruch Spaniens. Katalanische Fußballer bildeten den Stamm der spanischen Nationalelf, die die WM 2010 sowie die EM 2008 und 2012 gewann. Die Forderung nach einer eigenen katalanischen Fußball-Liga wird allerdings nicht erhoben. Die „Clásicos“ in der spanischen Liga zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid möchte niemand missen.

Experten sehen jedoch keinen Zusammenhang zwischen den Verfahren und dem Kampf Madrids gegen die aufmüpfigen Katalanen. „Die Prozesse gegen Messi und andere Barca-Spieler haben absolut nichts mit dem Verhältnis zwischen Katalonien und Spanien zu tun“, sagt Diego Lopez Garrido, Mitglied der sozialistischen Oppositionspartei  PSOE, Verfassungsrechtler und spanischer Vertreter bei der parlamentarischen Versammlung der Nato.

Die Barca-Stars befinden sich zudem in guter Gesellschaft: Die spanischen Steuerbehörden sind auch hinter Nationaltorhüter Iker Casillas her, der im Sommer von Real Madrid zum FC Porto wechselte, sowie hinter Xabi Alonso, ehemals Spieler von Madrid und heute beim FC Bayern.

Verfahren gegen den Vater des katalanischen Nationalismus

Gleichwohl behauptet der katalanische Regierungschef Artur Mas, dass Madrid derzeit die Justiz gegen Katalonien instrumentalisiere. Er wurde zwei Tage nach dem Wahlsieg seines Parteibündnisses Junts pel Sí vorgeladen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Ungehorsam, Machtmissbrauch und die Veruntreuung öffentlicher Gelder vor. Hintergrund war eine Abstimmung über die Unabhängigkeit der Region, die Mas am 9. November vergangenen Jahres hat abhalten lassen, obwohl das spanische Verfassungsgericht eine Befragung verboten hatte.

Kurz darauf durchsuchten Beamte die Zentrale von Mas‘ Partei sowie Häuser des Parteigründers und Vizepräsidenten des FC Barcelona, Jordi Pujol. Der Schatzmeister der Partei wurde verhaftet. Das Verfahren gegen Pujol, der als Vater des katalanischen Nationalismus und Ziehvater des aktuellen Regierungschefs Mas gilt, läuft bereits seit Jahren und gehört zu den größten Skandalen in der reichen Sammlung von Korruptionsfällen spanischer Politiker .

Pujol hat im vergangenen Jahr eingeräumt, ein Schwarzgeldkonto in Andorra zu unterhalten, das mehrere Millionen Euro umfasst. Derzeit laufen mehrere Verfahren gegen ihn wegen Geldwäsche und Korruption. Der Partei Convergencia, die zusammen mit der linksradikalen CUP das siegreiche katalanische Parteibündnis Junts pel Sí bildet, wird vorgeworfen, von privaten Unternehmen jahrzehntelang drei Prozent Kommission bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen eingestrichen zu haben.

„Die Vorwürfe der Korruption helfen dabei, die Grundlage dafür zu legen, dass Mas oder einige seiner Kollegen möglicherweise von ihren Posten enthoben werden“, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg Jordi Munoz, Politik-Professor der Universität Barcelona.

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