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06.08.2011

11:17 Uhr

Unfälle und Katastrophen

Chinas gefährliches Prestigestreben

VonFinn Mayer-Kuckuk

In Rekordzeit wollte China den Westen einholen. Im ganzen Land entstanden gigantische Prestigeprojekte. Zahlreiche Unfälle zeigen jetzt die Grenzen des Wachstums - und den Beginn einer neuen Bescheidenheit.

Skyline von Shanghai. Quelle: dpa

Skyline von Shanghai.

PekingJetzt, da das Unglück passiert ist, wollen die Helfertrupps eine Bühne bauen. Es ist keine fünf Tage her, dass hier im südchinesischen Wenzhou zwei Schnellzüge ineinander rasten. Wie immer nach einem solchen Unglück hat sich Premierminister Wen Jiabao angesagt, um sein Beileid auszusprechen. Und wie immer, wenn der Premier sich ansagt, wollen die Parteischergen alles für eine störungsfreie Inszenierung vorbereiten. China soll glänzen, seine Größe zeigen, seine technische Überlegenheit. Auch nach der Katastrophe.

Aber Wen, der Premier, mag dieses Mal nicht beschönigen, er mag nicht in Anbetracht von 40 Toten den Wachstumswillen Chinas beschwören. Stattdessen sagt Wen: "Schneller ist nicht immer auch besser."

Seine Worte klingen nach einer Grundsatzerklärung: China wolle von nun an weg von reiner Rekordjagd und hin zu mehr Lebensqualität für seine Bürger. "Jedes Unterfangen, das der Entwicklung dient, soll in erster Linie den Menschen dienen - und das bedeutet, dass der Staat vor allem das Leben der Bürger schützen muss."

Was Wen da nach der Katastrophe verkündet, ist ein Paradigmenwechsel. Das Reich der Mitte kannte in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur einen Dreiklang: höher, schneller, weiter. Mit gigantischen Investitionen und noch gigantischerem Technikeinsatz wollten die Kommunisten aller Welt zeigen, dass ihr Land nicht nur groß, sondern auch großartig ist. Es entstanden Projekte, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt gibt: der größte Staudamm, der schnellste Zug, das umweltfreundlichste Auto etwa.

Schnellzug-Unfall in Südchina. Quelle: AFP

Schnellzug-Unfall in Südchina.

Jetzt aber zeigt sich: Diesem Willen zur Gigantomie sind Grenzen gesetzt. Die Gesetze von Qualität und Technik gelten auch für die aufstrebende Supermacht aus Ostasien. In Wenzhou sind nicht nur zwei Züge aufeinandergeprallt. Hier sind auch der chinesische Anspruch und die chinesische Wirklichkeit kollidiert, die Macht des Wünschenswerten und die Macht der Realität. Und deswegen ahnen Chinas Mächtige: So wie in den vergangenen Jahren kann es nicht weitergehen. Wohin sie von Peking aus auch schauen: Überall kristallisieren sich die Schwächen des Größenwahns heraus.

Der Schnellzug? Entgleist. Der Dreischluchtenstaudamm? Defekt. Das weltweit erste Elektroauto? Gescheitert.

Und deswegen sagt Premier Wen nun: "In seiner weiteren Entwicklung braucht das Land mehr Qualität statt einfach nur immer höhere Geschwindigkeit."

"China hat das Wachstum zu weit hochgetrieben und darüber die wahren Bedürfnisse der Menschen vernachlässigt", sagt Shang Dewen, Marxismusforscher an der Universität Peking und Mitglied der Kommunistischen Partei.

Kommentare (1)

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DerAusChina

07.08.2011, 03:42 Uhr

Super Bericht und nichts anderes als die Wahrheit! Danke aus China

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