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23.07.2012

10:22 Uhr

Ungeliebt im eigenen Land

Frankreichs Reiche ergreifen die Flucht

Die Steuerpolitik der neuen französischen Regierung könnte sich bitter rächen. Immer mehr Superreiche planen eilig ihre Auswanderung. Der britische Premier rollt für die Spitzenverdiener schon den roten Teppich aus.

Die neue linke Regierung unter Präsident François Hollande will Reiche stärker zur Kasse bitten. dpa

Die neue linke Regierung unter Präsident François Hollande will Reiche stärker zur Kasse bitten.

ParisLondon, Zürich oder Brüssel? Für französische Spitzenverdiener und Superreiche stellt sich in diesen Tagen mehr als je zuvor die Frage nach einem Umzug ins Ausland. Die neue linke Regierung unter Präsident François Hollande hat in den vergangenen Wochen unmissverständlich klar gemacht, dass sie ihre Ankündigungen aus dem Wahlkampf ohne Abstriche umsetzen will. Das bedeutet: Wer viel Geld hat, soll viel mehr als früher zur Sanierung des maroden Staatshaushalts beitragen. Unter anderem soll der Spitzensteuersatz für Einkommensmillionäre auf 75 Prozent angehoben werden.

Für etliche wohlhabende Franzosen scheint damit die Schmerzgrenze erreicht. International tätige Vermögensberater berichten von einem wahren Ansturm von französischen Klienten, die mit Auswanderungsgedanken spielen. Selbstständige Unternehmer sind ebenso darunter wie Investmentbanker, reiche Erben oder Ärzte im Ruhestand. „Sie fühlen sich verfolgt. Sie sagen: Unser Land mag uns nicht“, kommentiert der Pariser Finanzrechtsexperte Jérôme Barré im „Figaro Magazine“. Sobald jemand in Frankreich ein bisschen Geld habe, werde mit dem Finger auf ihn gezeigt. Angesichts der Stimmung im Land empfiehlt er mittlerweile sogar den Verzicht auf Luxusautos.

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Wie viele Franzosen ihr Vermögen bereits ins Ausland geschafft haben, ist unklar. „Darüber haben wir keine Informationen“, heißt es aus dem Finanzministerium. Niemand sei verpflichtet zu sagen, warum er seinen Wohnsitz verlagere. Vielsagend sind neben den Hinweisen der Vermögensberater allerdings die Zahlen von Immobilienmaklern. Allein über Sotheby's International Realty haben Kunden in Frankreich zwischen April und Juni mehr als 100 Luxusimmobilien im Gesamtwert von mehr als 170 Millionen Euro verkauft. Die Ankündigungen der neuen Regierung hätten „eine nicht unerhebliche Zahl von vermögenden französischen Familien“ dazu veranlasst, das Land zu verlassen, erklärt das Unternehmen freimütig.

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Die Eile der französischen Superreichen ist berechtigt. Der symbolträchtige Spitzensteuersatz von 75 Prozent wird zwar erst nächstes Jahr kommen, wenn er nicht wegen seines möglichen Enteignungscharakters als verfassungswidrig erklärt wird. Andere Zusatzbelastungen sind allerdings bereits in der Umsetzungsphase. Als eine der ersten Maßnahmen zur Sanierung des Staatshaushalts beschloss das Regierungsteam unter Hollande eine Sonderabgabe zur Vermögenssteuer ISF. Allein sie soll bis Jahresende zusätzlich 2,3 Milliarden Euro in die öffentlichen Kassen bringen. Auf Wirtschaftsseite stehen vor allem Großunternehmen und Banken im Visier der Sozialisten. Im Wahlkampf hatte Hollande die Finanzmärkte offen als seinen Gegner bezeichnet.

Kommentare (14)

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Charlemagne

23.07.2012, 11:21 Uhr

Die Mächtigen der "Grande Nation" auf der einen Seite und die Reichen auf der anderen Seite verhalten sich wie trotzige Kinder. Wenn die französischen Väter Europas wie Charles de Gaulle und Robert Schuman das mitbekommen würden, wären sie fassungslos.

Account gelöscht!

23.07.2012, 11:24 Uhr

Wie kann jemand so krank im Kopf sein, dass er 75% Steuern verlangt und gleichzeitig von Gerechtigkeit redet? Das werde ich nie verstehen.

cosmoB

23.07.2012, 11:42 Uhr

Da werden wieder einmal Äpfel mit Birnen verglichen. In Frankreich wird ein Spitzensteuersatz von 75% auf Einkommen ÜBER 1 Million € pro Jahr erhoben. Dies bedeutet nicht, dass jemand der 1 Million Brutto verdient nur 250.000€ Netto übrig hat, sondern, dass jeder Euro über 1 Million mit 75% versteuert wird. Was hieran "krank im Kopf" ist erschliesst sich mir nicht. Ein Herr Winterkorn mag ein guter Manager sein, aber 17,5 Millionen € und damit das 350-fache (des bereits sehr gut verdienenden Facharbeiters bei VW) ist er bestimmt nicht wert. Daher soll er hierfür gerecht besteuert werden. Dies hat nichts mit Neid zu tun, Normalverdiener haben seit den 80iger Jahren Reallohneinbussen und Topverdiener haben jährliche Kaufkraftzugewinne die sich immer mehr beschleunigen. Die französischen Reichtumsflüchtlinge sollten ihre Staastbürgerschaft und ihren EU-Pass abgeben und nicht mehr nach Frankreich einreisen dürfen, mal sehen wie viele dann wirklich gehen würden.

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