Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.08.2013

18:01 Uhr

Ungewöhnlich offen

Chinas Führung lässt Politstar Bo Xiali kämpfen

Der Skandal um den Top-Funktionär Bo Xilai hält China seit mehr als einem Jahr in Atem. Vor Gericht darf er ein letztes Mal austeilen: Bo kämpft und schimpft – ein gefährliches Spiel für die Partei.

Bo Xilai vor Gericht: Mit Polizeieskorte in den Verhandlungssaal. AFP

Bo Xilai vor Gericht: Mit Polizeieskorte in den Verhandlungssaal.

JinanIm offenen weißen Hemd steht Bo Xilai vor seinem Richter. Neben dem 1,86 Meter groß gewachsenen Spitzenpolitiker, der sonst alle anderen Chinesen überragt, stehen zwei ungewöhnlich große Polizisten in blauen Uniformhemden. Da wirkt selbst Bo Xilai klein. Sofort wird spekuliert: Soll der mächtige Politiker, der einst unaufhaltsam auf dem Weg in die Parteispitze schien, auf der Anklagebank vielleicht mickrig und unbedeutend aussehen?

Zunächst scheint alles fein orchestriert, doch einer spielt nicht mit: der Angeklagte. Kaum beginnt der Prozess, legt Bo Xilai los. Nacheinander widerspricht er den Anklagepunkten. Das Statement des Zeugen Tang Xiaoling, der ihn bestochen haben will, sei der „hässliche Auftritt einer Person, die ihren eigenen Hals retten will“. Der Geschäftsmann sei ein „Hund“, der ihn ans Messer liefern wolle, um selbst Strafminderung zu bekommen, sagt Bo Xilai. Er habe kein Geld genommen, sondern stets das Wohl des Volkes im Sinn gehabt.

Die Akteure des Politkrimis in China

Bo Xilai

Der charismatische Spitzenpolitiker galt als aufsteigender Star in der neuen Führung. Als Sohn des legendären Revolutionärs Bo Yibo – einer der „acht Unsterblichen“ der Partei – hatte der heute 63-Jährige eine steile Karriere gemacht. Er stieg vom Bürgermeister der Hafenstadt Dalian über den Posten des Gouverneurs zum Handelsminister auf. Seit 2007 war Bo Xilai Parteichef der Metropole Chongqing. Seine soziale Politik und revolutionären Kampagnen machten ihn zur Galionsfigur der Linken. Der Skandal brachte das einflussreiche Politbüromitglied im März zu Fall.

Gu Kailai

Die Ehefrau von Bo Xilai war eine erfolgreiche Anwältin und Geschäftsfrau. Die heute 53-Jährige ist Tochter von General Gu Jingsheng, einem berühmten Revolutionär. Nach dem Jurastudium machte sich Gu Kailai einen Namen als erste Anwältin, die eine Klage gegen eine amerikanische Firma gewann. Mit Bo Xilai hat sie den Sohn Bo Guagua. Sie soll sich in der Familie um geschäftliche Dinge gekümmert und angeblich ein Vermögen ins Ausland geschafft haben.

Neil Heywood

Der britische Geschäftsmann war seit den 90er Jahren eng befreundet mit dem Politikerpaar. Er war mit einer Chinesin verheiratet und hatte zwei Kinder. Als Unternehmensberater half der Brite der Familie von Bo Xilai bei privaten Geschäften. Im November wurde der 41-Jährige tot in einem Hotelzimmer gefunden. Erst soll exzessiver Alkoholkonsum die Todesursache gewesen sein. Doch nach den Enthüllungen von Polizeichef Wang Lijun wurde Gu Kailai des Giftmordes angeklagt. Das Motiv war wohl ein geschäftlicher Streit. Im August erhielt Gu Kailai ein Todesurteil auf Bewährung.

Wang Lijun

Der frühere Polizeichef war seit den 90er Jahren ein enger Vertrauter von Bo Xilai, als dieser noch Gouverneur von Liaoning war. Wang Lijun folgte dem Spitzenpolitiker in die Metropole Chongqing. Die Propaganda pries beide als gnadenlose Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen. Wang Lijun bekam den Spitznamen „Super-Bulle“. Allerdings sahen Kritiker in dem teils rechtswidrigen Vorgehen eher eine Kampagne, um alte Machtstrukturen in Chongqing auszumerzen und selbst die Kontrolle zu übernehmen. Ende 2011 scheinen sich die Freunde überworfen zu haben.

Seine Aussagen werden nicht etwa von Journalisten oder Fernsehkameras in die Öffentlichkeit getragen. Sie sind – zumindest in Auszügen – im offiziellen Protokoll auf der alle paar Minuten aktualisierten Seite des Gerichtes im twitterähnlichen Kurzmitteilungsdienst Weibo zu lesen. Eine ungewöhnliche Offenheit, mit der sich China vielleicht als Rechtsstaat darstellen will – oder die der Führung dient, ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Korruption zu demonstrieren.

Der rasante Aufstieg des ambitionierten 64-Jährigen und sein noch schnellerer Fall stehen für einen der schwersten Machtkämpfe in der Partei seit Jahrzehnten. Bo Xilai war wegen seiner Sozialpolitik als Parteichef der 30-Millionen-Metropole Chongqing zum Hoffnungsträger der linken Kräfte aufgestiegen. Dabei hatte er sich mit seinen „roten Kampagnen“ am Gründer der Volksrepublik China und „Großen Vorsitzenden“ Mao Tsetung orientiert. Aber dann packte Anfang vergangenen Jahres sein einstiger Vertrauter Wang Lijun aus – über Korruption und den Giftmord von Bo Xilais Frau Gu Kailai an dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×