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27.04.2014

10:04 Uhr

Ungewöhnliche Podiumsdiskussion bei AfD

„Ich gebe meine Verlobung mit Herrn Lucke bekannt“

VonLisa Hegemann

Nach der Absage von Karl Lauterbach beweist AfD-Chef Bernd Lucke auf amüsante Art und Weise, dass er auch sozialdemokratischen Populismus kann. Die wenigen Zuschauer, die gekommen sind, johlen. „Ist das geil“.

KölnKarl Lauterbach war der Held des Abends, obwohl der SPD-Politiker bei der Podiumsdiskussion der Alternative für Deutschland (AfD) gar nicht anwesend war. Er kritisierte die AfD offen wie nie. Er bezeichnete Hans-Olaf Henkel, den Vize-Spitzenkandidat der AfD für das Europaparlament, als „National-Chauvinist“ und sagte, er schäme sich, mit dem Ex-BDI-Präsidenten an einem Tisch zu sitzen. Eine ungewohnte Deutlichkeit in der politischen Debatte. Das lag auch daran, dass Lauterbach gar nicht Lauterbach war.

Die AfD hatte am Samstag zur Diskussion in das Hotel Maritim in Köln geladen. Der Schlagabtausch zwischen SPD-Politiker Karl Lauterbach, AfD-Chef Bernd Lucke und Henkel sollte der Höhepunkt des Wahlkampfauftaktes werden. Doch Lauterbach sagte am Tag vorher aus „terminlichen Gründen“ ab. Doch Lucke machte aus der Not kurzerhand eine Lachnummer: Er ließ sich eine rote Fliege besorgen, steckte sie an sein Hemd und schlüpfte selbst in die Rolle von Karl Lauterbach.

Die Europawahl-Programm der Parteien

CDU

Die CDU setzt mit dem früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister als deutschem Spitzenkandidaten den Schwerpunkt auf Wirtschaft und Finanzen. Sie will den dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM und das Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ erhalten. Eine Vergemeinschaftung der Schulden wird weiter abgelehnt. „Armutswanderung“ in soziale Sicherungssysteme soll verhindert werden. Bürokratie für kleine und mittlere Unternehmen soll abgebaut und mehr Bürgernähe durch eine Vereinfachung der EU-Gesetzgebung geschaffen werden. Eine Vollmitgliedschaft der Türkei wird abgelehnt.

CSU

Die CSU übt inhaltlich wie personell den Spagat zwischen Anti-Brüssel-Propaganda und Bekenntnissen zu Europa: CSU-Vize Peter Gauweiler bedient die Europagegner und soll die AfD neutralisieren, der offizielle Spitzenkandidat Markus Ferber steht für die proeuropäische Seite. Forderungen sind die Rückgabe nationaler Kompetenzen, Bürokratieabbau, die Verkleinerung der Kommission und die Einführung von Volksentscheiden in Deutschland über wichtige Europafragen.

SPD

Bei der SPD gibt es mit dem Europaparlaments-Präsidenten Martin Schulz einen zugkräftigen Spitzenmann, er ist auch der europaweite Kandidat der Sozialdemokraten und soll EU-Kommissionspräsident werden. Rechts- wie Linkspopulisten sagt die SPD den Kampf an. Wichtige Ziele sind: strengere Haftungsregeln für Banken, Trennung von Investment- und Geschäftsbankensystem und ein „Finanz-Check“ für alle neuen Finanzprodukte; Entzug der Banklizenz bei Hilfe zum Steuerbetrug; europaweite Mindestlöhne; weniger Bürokratie, mehr Mitsprache und mehr Macht für das Europaparlament.

Linke

Die Linke spricht sich für eine grundlegende Neuausrichtung der EU aus. „Europa geht anders. Sozial, friedlich, demokratisch“, heißt ihr Programm. „Wir wollen einen Politikwechsel, damit die EU nicht vornehmlich Eliten an Reichtum und Macht ein Zuhause bietet, sondern sich solidarisch für alle entwickelt.“ Konkret fordert die Partei Mindestlöhne und -renten in der gesamten EU, eine Neuausrichtung der Währungsunion, die Vergesellschaftung privater Großbanken, ein Verbot von Rüstungsexporten sowie die Auflösung der Nato.

Grüne

Die Grünen stellen den Klima- und Verbraucherschutz, mehr Datensicherheit und Bürgerrechte in den Mittelpunkt. Antieuropäischen Populismus von Rechts und Links konfrontieren sie mit dem „Ziel eines besseren Europas“. Sie wollen die EU weiterentwickeln und die Erweiterungspolitik der EU fortsetzen. Sie wollen ein Europa der erneuerbaren Energien. Der Atomausstieg soll in der gesamten EU vorangetrieben werden. Lebensmittel sollen frei von Gentechnik und Antibiotika sein. EU-weit verpflichtende Herkunftsangaben sollen dabei Transparenz schaffen.

FDP

Die FDP will nach dem bitteren Abschied aus dem Bundestag ein kleines Comeback schaffen. In den Umfragen bewegt sich bei den Liberalen aber bislang nichts. Sollte die AfD besser abschneiden, hätte Parteichef Christian Lindner ein Problem. Von einer Schicksalswahl will er aber nichts wissen. Der Hauptgegner sei Schwarz-Rot, nicht die AfD. Inhaltlich tritt die FDP für mehr Bürgerrechte ein, die Vorratsdatenspeicherung soll verhindert werden. Beim Euro soll der Rettungsschirm ESM schrittweise reduziert, zudem ein Austrittsmechanismus für Euro-Länder geschaffen werden.

AfD

Die Alternative für Deutschland setzt mit ihrem Slogan „Mut zu D EU tschland“ ein klares Zeichen. Erst geht es um Deutschland, dann um Europa. Ein Austritt aus dem Euro wird für die Krisenländer Südeuropas gefordert. Neue EU-Mitglieder soll es nicht geben, Kompetenzen sollen auf die nationale Ebene zurückverlagert werden. Neben Parteichef Bernd Lucke auf Listenplatz eins soll der frühere Industriepräsident Hans-Olaf Henkel der Partei ein Gesicht geben. Eine Zusammenarbeit mit Rechtsextremen lehnt die AfD ab.

„Ich bedauere ein bisschen, dass der Lucke gekniffen hat“, sagte Lucke (alias Lauterbach) zu Beginn der Diskussion. „Ich hätte Ihnen sehr gerne vorgeführt, was für billige Phrasen der Kerl verwendet.“ Stattdessen verwendete diese Phrasen der „falsche Lauterbach“. Er pries den Euro mit schillernden Worten an, warb völlig überzogen für die Friedenspolitik der SPD und gab hanebüchene Erklärungen für die geringe Bedrohung der griechischen Schulden: „Sie wissen ja, dass die Griechen keine Industrie haben. Sie bauen ja nur Oliven an.“

Lucke bewies auf amüsante Art und Weise, dass er auch sozialdemokratischen Populismus kann. So sagte er unter anderem, die SPD hätte sich als staatstragende Partei erwiesen. Die 200 bis 300 Zuschauer, die gekommen waren, johlten. „Ist das geil“, sagte eine Frau aus dem Publikum immer wieder. Andere pfiffen begeistert.

Sein „politischer Gegner“ Henkel spielte gekonnt mit. Auf die begeisterten Reaktionen des Publikums bei „Lauterbachs“ Aussagen sagte er: „Ich muss mich über den Applaus im Publikum doch sehr wundern.“ Später bemängelte der frühere BDI-Chef, er fühle sich wie in einer Talkshow – auch da werde immer an den falschen Stellen geklatscht.

Lucke und Henkel hatten an ihrem Geplänkel sichtlich Spaß. Der AfD-Chef trieb die Stimmung auf die Spitze, als er anfing, Kritik an seiner eigenen Partei zu üben – natürlich immer noch in der Rolle des Lauterbachs. Er warf ihr „Rechtspopulismus“ und „Schwulenfeindlichkeit“ vor und forderte „echte Männerfreundschaften“ wie die zwischen Helmut Kohl und Francois Mitterand.

Henkel konterte mit den Worten: „Was die Schwulenfeindlichkeit angeht: Ich habe meine Verlobung mit Herrn Lucke längst bekannt gegeben.“ Das brachte selbst den bis dahin stets in seiner Rolle bleibenden AfD-Chef zum Lachen. Wenige Minuten später gab er den „Lauterbach“ auf und beantwortete stattdessen wie gewohnt Fragen zum Euro, zur Europapolitik und zu möglichen Kooperationen mit anderen Parteien.

Am Ende des Abends sprachen aber alle nur über Lauterbach, der Bernd Lucke mit seiner Absage die perfekte Steilvorlage für einen Hieb gegen die etablierten Parteien geliefert hatte.

Kommentare (22)

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28.04.2014, 09:23 Uhr

Das ist die richtige Strategie, macht sie lächerlich.

Account gelöscht!

28.04.2014, 09:34 Uhr

Was ist denn mit den HB los? Ausnahmsweise mal ein positiver Artikel über die AfD :)

Weiter so...

Account gelöscht!

28.04.2014, 09:47 Uhr

Diese unglaublich unverfrorene Propaganda-Lüge in den deutschen Nachrichten in der letzten Woche war der bisherige "Höhepunkt des Europa-Wahlkampfs": da wurde mal schnell aus dem aktuellen griechischen Haushaltsdefizit von minus 12,8% ein "Überschuss" von plus 0,8% (ermittelt und propagiert von der sog. "Troika" aus Brüssel, also der EU-Kommission, der EZB und dem IWF) und das als Kehrwende, positives Signal aus Griechenland etc. in den Nachrichten-Sendungen verbreitet, ganz offensichtlich mit dem Ziel, die deutsche Bevölkerung wieder einmal zu täuschen. Wieder einmal ein Beleg dafür, dass man selbst den Nachrichten-Sendungen nicht mehr trauen kann...

Tatsächlich muss auch dieses Haushaltsloch von 12,8% wieder durch neue Schuldenaufnahmen geschlossen werden. Das wird auch in den kommenden Jahren der Fall sein, daran besteht nicht der geringste Zweifel.
D.h., die Schulden der Griechen steigen und steigen weiter. Wer's irgendwann bezahlen muss, dürfte klar sein...

Vielleicht ist Lauterbach deshalb der Podiumsdiskussion fern geblieben und ist einem öffentlichen Desaster ausgewichen...

Anstatt die Schulden auf andere (mehrheithlich auf Deutschland) umzuverteilen, muss Griechenland aus dem Euro austreten. Und zwar so schnell wie möglich! Erst mittels einer eigenen, abgewerteten Währung lässt sich die Schuldenlast reduzieren, die Wirtschaft und damit die Staatseinnahmen beleben, was wiederum Arbeitsplätze schafft, den Abbau der Schulden ermöglicht...

Alles andere ist ökonomischer Unsinn und widerspricht eh den Maastricht-Vereinbarungen. Ich werde ganz sicher die AfD wählen...

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