Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.06.2013

08:54 Uhr

„Unkonventionelle Methoden“

Draghi spielt weitere Zinssenkung durch

EZB-Chef Mario Draghi wird, wenn nötig, die Rezession in der Euro-Zone mit unkonventionellen Maßnahmen und einer weiteren Zinssenkung bekämpfen. Wenn die Umstände es erfordern sei die EZB zu allem bereit.

EZB-Chef Mario Draghi hat laut über eine weitere Zinssenkung nachgedacht. AFP

EZB-Chef Mario Draghi hat laut über eine weitere Zinssenkung nachgedacht.

JerusalemAngesichts der tiefen Rezession in der Euro-Zone fasst EZB-Chef Mario Draghi eine weitere Zinssenkung und auch unkonventionelle Maßnahmen fest ins Auge. Die EZB habe im vorigen Jahr mit der Ankündigung eines Staatsanleihen-Ankaufprogramms stabilisierend gewirkt und könne noch mehr tun, betonte Draghi am Dienstag laut Redemanuskript in Jerusalem. „Es gibt eine Reihe anderer Maßnahmen - seien es solche der orthodoxen Leitzinspolitik oder auch unkonventionelle - die wir anwenden können und sie auch anwenden werden, falls die Umstände es erfordern.“

Der Leitzins liegt derzeit auf dem historisch niedrigen Niveau von 0,5 Prozent. Draghi hatte bei der jüngsten Leitzinssenkung alle Optionen offen gelassen. Der EZB-Rat habe ausführlich über unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen wie Strafzinsen für Banken, weitere Erleichterungen für Geldhäuser bei Refinanzierungsgeschäften mit der Notenbank oder langfristige Liquiditätsspritzen debattiert, dann aber entschieden, sie nicht einzusetzen.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Draghi betonte in Jerusalem nun mit Blick auf einen negativen Einlagezins, er habe zwar auf ungewollte Konsequenzen solcher Maßnahmen hingewiesen. „Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht eingesetzt werden sollten.“ Es gehe darum, sich über die Konsequenzen im klaren zu sein und sie „angemessen“ anzugehen. Nach der jüngsten Zinssitzung hatte Draghi gesagt, für einen Strafzins für Banken, die Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken und es somit nicht für Kredite ausreichen, sehe die EZB keinen Handlungsbedarf.

Draghi machte nun zudem deutlich, dass die EZB auch den Banken mit weiteren Maßnahmen unter die Arme greifen könnte. Dies sei zum Beispiel mit einer Änderung des Rahmens für Sicherheiten möglich, die die Zentralbank für Refinanzierungsgeschäfte der Banken akzeptiert. Zudem sei es möglich, den Geldinstituten mehr Planungssicherheit für längerfristige Refinanzierungsgeschäfte zu geben. Dazu könne die Zentralbank den Banken die Versicherung geben, dass sie auf Refinanzierungsgeschäfte über einen „ausgedehnten Zeitraum“ zurückgreifen könnten.

Von

rtr

Kommentare (14)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Matti

18.06.2013, 09:09 Uhr

"Draghi betonte in Jerusalem nun mit Blick auf einen negativen Einlagezins, er habe zwar auf ungewollte Konsequenzen solcher Maßnahmen hingewiesen"

Für den Anleger heißt das, dass er ein dickeres Kopfkissen braucht. Nur wenn er jetzt sein Geld abhebt, hat er am Jahresende noch den gleichen Betrag.

Böse Zungen könnten behaupten, dass das der Aufruf zum Bank-Run wäre. Zumindest wird man Draghi nicht vorhalten können, er habe damit hinter dem Berg gehalten.

Übrigens ist es in Frankreich schon verboten Edelmetalle per Post zu schicken. Und in Asien hat schon die erste Edelmetallbörse schließen müssen, weil sie kein physisches Gold mehr liefern konnte.

Mazi

18.06.2013, 09:15 Uhr

Der Mann macht auf mich einen Eindruck, als ob er krank wäre. Jetzt verstehe ich, weshalb Draghi jüngst nicht beim Bundesverfassungsgericht aufgelaufen ist. Dort hätten de Richter ihn definitiv fragen können, was Sache ist und wie hoch de Haftung Deutschlands sein soll.

Irgandwann_ist_Game_over

18.06.2013, 09:15 Uhr

"Wenn die Umstände es erfordern sei die EZB zu allem bereit."

Irgendwann sind auch die Massen zu allem bereit.

Ist nur die Frage, ob's zuerst 'nen Bankster oder jemand von der Politikmafia trifft ....

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×